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Rechtsstreit in Frankreich : Wachkoma-Patient muss weiter behandelt werden

In Paris demonstrieren Menschen im May 2019 mit einem Banner mit der Aufschrift „Die Qualität der Zivilisation wird am Respekt gegenüber der Schwächsten gemessen“. Bild: AFP

Seit einem schweren Motorradunfall 2008 liegt Vincent Lambert im Koma. Nach jahrelangem Rechtsstreit sollten am Montag die lebenserhaltendem Maßnahmen abgestellt werden. Doch nun kommt es anders.

          Der Fall des Wachkoma-Patienten Vincent Lambert bewegt Frankreich. Am späten Montagabend ordnete das Pariser Berufungsgericht laut einer Meldung der Nachrichtenagentur AFP die Wiederaufnahme lebenserhaltender Maßnahmen für den 42 Jahre alten Mann an. Zuvor hatten die Ärzte der Universitätsklinik Reims die lebenserhaltenden Maßnahmen abgebrochen. Lambert war seit den frühen Morgenstunden nicht mehr künstlich ernährt worden.

          Michaela Wiegel

          Politische Korrespondentin mit Sitz in Paris.

          Seit einem schweren Motorradunfall im Jahr 2008 liegt Lambert im Koma. Seine Eltern hatten die Hoffnung für ihren Sohn nicht aufgegeben und Klagen angestrengt, um die ärztliche Entscheidung noch rückgängig zu machen. Sie bekamen Rückendeckung aus Politik und Kirche. „Der Fall Vincent Lambert ist dramatisch und zwingt uns, unsere Vorstellung vom menschlichen Leben zu hinterfragen“, sagte Marine Le Pen am Montag, noch vor der Entscheidung des Gerichts. Sie sei schockiert, dass das Gesetz über passive Sterbehilfe nicht respektiert werde.

          In Frankreich bleibt die aktive Sterbehilfe verboten, passive Sterbehilfe ist jedoch unter bestimmten Umständen und mit dem Einverständnis der engsten Angehörigen möglich. Der rechtsnationale Politiker Philippe de Villiers hatte den Montag als „Unglückstag für die Zivilisation“ bezeichnet. Frankreich praktiziere Euthanasie, da es einen wehrlosen Behinderten, der Gefühle zeige, einfach töte.

          Ehefrau und Geschwister wollen künstliche Ernährung abstellen

          Die Familie Lambert, die der Piusbruderschaft nahesteht, war bereits Anfang April von der Entscheidung der Ärzte unterrichtet worden. Am Sonntag demonstrierten die Eltern gemeinsam mit etwa 300 Personen vor dem Krankenhaus und forderten „Leben für Vincent“. Demonstranten sagten, man dürfe den Verunglückten nicht einfach verhungern lassen, das sei ein Gebot der Menschlichkeit.

          Lamberts Ehefrau sowie einige seiner Geschwister haben sich hingegen dafür ausgesprochen, die lebenserhaltenden Maßnahmen zu beenden. Seine Eltern argumentieren, dass ihr Sohn nicht sterbenskrank, sondern schwerbehindert sei. Zweimal erreichten sie, dass die künstliche Ernährung wiederaufgenommen werden musste, die die Ärzte bereits im Einvernehmen mit der Ehefrau des Koma-Patienten eingestellt hatten.

          Die Eltern zogen bis zum Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte. Der EuGH entschied bereits 2015, dass die künstliche Ernährung beendet werden darf. Der Rechtsstreit ging jedoch weiter. Zuletzt hatte der Verfassungsrat am 24. April die Entscheidung des Krankenhauses bestätigt, die lebenserhaltenden Maßnahmen einzustellen.

          Anders entschied das Gericht am Abend. Es wies die Behörden an, „alle Maßnahmen“ zu ergreifen, um Lambert am Leben zu halten. In seiner Entscheidung verwies das Gericht auf entsprechende Forderungen des UN-Ausschusses zum Schutz der Rechte von Menschen.

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