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Reaktion auf Internetphänomen : Ansichten eines Clowns

  • -Aktualisiert am

Gar nicht lustig: Clowns sind beliebte Halloween-Verkleidungen. Bild: AFP

Videos von Clowns, die Leute erschrecken und angreifen, werden im Internet millionenfach angeschaut. Doch sind Clowns tatsächlich zum Fürchten? Ein Gastbeitrag von einem Krankenhaus-Clown.

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          Manche haben es schon immer gewusst: Clowns sind gruselig. Doch das ist ungefähr so differenziert wie: Alle Mediziner sind Kurpfuscher. Dabei bleibt es jedem natürlich unbenommen, Clowns nicht zu mögen, wie man auch eine Abneigung gegen Mediziner hegen darf. Bei Clowns gibt es allerdings einen Unterschied: die Clowns-Phobie, die sogenannte Coulrophobie.

          Wenn in den Vereinigten Staaten (und jetzt erstmals auch in Deutschland) sogenannte Horrorclowns Spaß daran haben, andere Menschen mit ihrer bloßen Erscheinung, gespielten Tötungen oder realen Waffen zu erschrecken, melden sich nicht nur Coulrophobiker mit schnellen Erklärungen: Clowns halt, mochte ich noch nie. Dabei lohnt es sich, das Phänomen mehrdimensional zu betrachten.

          Mit und ohne rote Nase

          Da sind zuerst einmal die Clowns. Sie sind – wie Mediziner – keine homogene Gruppe, sondern treten entsprechend ihrem Arbeitsfeld auf: manche wild geschminkt, manche dezent, manche mit, manche ohne rote Nase. Es wird allerdings schwer sein, Clowns zu finden, die so maskenhaft geschminkt auftreten wie die aktuellen Gruselclowns. Selbst die stark angemalten Clowns im Zirkus wollen mit ihrer Schminke nicht das Dämonische betonen, sondern etwas anderes.

          Da sie nichts so gut können wie die Kollegen, keine Tiger dressieren oder auf dem Seil laufen, müssen sie anders auf sich aufmerksam machen: zum Beispiel mit ihren bunten Gesichtern und Kostümen. Und das bis in die letzte Reihe im Zirkuszelt.

          Clown-Komik wirkt nur im Bezugsrahmen

          Zudem finden sich in diesen klassischen Zirkus-Nummern meist zwei Protagonisten: der dumme August und der Weißclown. Der August verkörpert dabei das ahnungslose und unschuldige Kind, freundlich geschminkt und gekleidet. Der Weißclown hingegen, der die Norm symbolisiert, verbirgt seinen Gesichtsausdruck hinter weißer Farbe, diese zudem kombiniert mit asymmetrisch aufgetragenen schwarzen Strichen. Auf 50, 60 Meter Distanz kann das Wechselspiel der beiden komisch wirken. Verlassen die Figuren aber ihren Bezugsrahmen Zirkus, wirken sie schnell beängstigend.

          Das wäre bei Halloween nicht anders, wenn Kinder mit Masken von Totenschädeln nicht am Abend des 31. Oktobers sondern des 24. Dezembers an der Türe klingeln würden. Oder wenn ein Nikolaus plötzlich in der Osternacht auf der Terrasse stünde.

          Wilder Haufen von Gauklern

          Horrorclowns verstecken also ihr Gesicht. Doch warum hinter einer Clownsmaske? Wieso verschrecken sie die Menschen nicht, als Chirurgen verkleidet, mit einem Skalpell in der Hand? Wieso nicht als Extrembergsteiger mit einem Eispickel? Ein kleiner Ausflug zu den Wurzeln der Clowns hilft weiter. Denn lange waren sie ein wilder Haufen von Gauklern, Behinderten, Ausgestoßenen bis hin zu Hofnarren oder Schauspielern. Allen gemein war das Anderssein: Sie bewegten sich anders, verhielten sich anders, hatten andere Regeln – nämlich keine. Das garantierte vor allem Aufmerksamkeit.

          So konnten sie sich Brot oder Suppe verdienen, und sie erfüllten eine Funktion. Sie nahmen dem Alltag etwas von seinem Ernst und konnten ungeschminkt (!) Wahrheiten verbreiten. Das Unangepasste, bisweilen Unberechenbare, bleibt mit der Figur des Clowns bis heute verknüpft. Und das kann Ängste hervorrufen.

          Zäsuren in der Clowns-Historie

          Der Clown ist also eine ideale Figur für Menschen, die andere ängstigen wollen. Und das ist, kein Zufall, besonders in den Vereinigten Staaten der Fall. Das Land, in dem private Gewalt mit Mord und Totschlag wie in keinem vergleichbaren zum Alltag gehört, steht für brutale Zäsuren in der Clowns-Historie. Den Beginn markierte ein Mann namens John Wayne Gacy. Als Clown Pogo hatte er ehrenamtlich gewisse Erfolge auf Festen und nutzte das, um sich seinen jungen Opfern zu nähern.

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