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Raumfahrt : Esa will Deutschen ins All schicken

  • -Aktualisiert am

Fallschirmspringen kann er schon: Alexander Gerst Bild: ddp

Der Deutsche Alexander Gerst verstärkt das europäische Astronautenkorps. Der Geophysiker aus Künzelsau in Baden-Württemberg ist einer der sechs Kandidaten, die sich bei einer Ausschreibung der Europäischen Weltraumorganisation Esa durchgesetzt haben.

          Der Deutsche Alexander Gerst verstärkt das europäische Astronautenkorps. Der Geophysiker aus Künzelsau in Baden-Württemberg ist einer der sechs Kandidaten, die sich bei einer Ausschreibung der Europäischen Weltraumorganisation Esa durchgesetzt haben, wie Esa-Generaldirektor Jean-Jacques Dordain und die zuständige Direktorin für bemannte Raumflüge, Simonetta Di Pippo, am Mittwoch in Paris mitteilten. Zwei Kandidaten kommen aus Italien, darunter eine Frau, die anderen aus Dänemark, Frankreich und Großbritannien. Dordain sagte, die angehenden Astronauten seien „jung genug, um eine gute Chance zu haben, zum Mond zu fliegen“.

          Der 33 Jahre alte Gerst forscht seit 2005 als Geophysiker an der Universität in Hamburg. Er studierte an der Universität Karlsruhe wo er einen Magister in Physik erhielt. Außerdem studierte er Geowissenschaften an der Victoria University of Wellington in Neuseeland, wo er einen Master in Naturwissenschaften erwarb. Schon als kleiner Junge hatte er sich für die Sterne begeistert. Sein Großvater, ein passionierter Funker, habe den Traum in ihm gepflanzt, einmal Astronaut zu werden, erzählte Gerst in Paris. „Das Schönste, was er gemacht hat war, dass er seine Antenne in den Weltraum gerichtet hat und mich in das Funkgerät hat reinsprechen lassen“, berichtet
          Gerst. Er sei damals sechs Jahre alt gewesen. „Die Radiowellen sind dann zum Mond gereist, dort reflektiert - und zweieinhalb Sekunden später waren sie wieder auf der Erde.“ Er habe seine eigene Stimme im Radio gehört. „Ein Teil von mir auf dem Mond: Das hat mich so fasziniert, dass ich seitdem immer davon geträumt habe, Weltraumwissenschaft zu betreiben.“

          „Ein großartiges Team“

          Gerst zeigte sich glücklich, dass die Wahl auf ihn gefallen ist. Seine Freunde und seine Famlie habe im zurückliegenden Jahr der Bewerbungsphase oft mehr an ihn geglaubt als er selbst. Und dann sagte er noch einen Satz, der ihn als geeigneten Kandidaten erscheinen lässt: Zwar bekomme er als Astronaut nun mehr Medienpräsenz, doch stehe bei der Esa ein großartiges Team hinter ihm. Teamfähigkeit ist eine der wesentlichen Fähigkeiten, auf die bei der Auswahl der Astronauten geachtet wurde.

          Samantha Cristoforetti, Italien

          Auf die Ausschreibung vom Mai 2008 waren mehr als 8400 Bewerbungen aus allen Esa-Mitgliedsstaaten eingegangen. Deutschland stellte mit fast 1800 Bewerbern, darunter 310 Frauen, nach Frankreich (1860) das zweitgrößte Kontingent.

          Sechs fliegende Ingenieure

          Die Kandidaten sind entweder Piloten mit Ingenieurs-Ausbildung oder Ingenieure, die zu fliegen gelernt haben. Gersts einzige neue Kollegin ist Samantha Cristoforetti aus Mailand, 32 Jahre alt. Sie studierte an der Technischen Universität München, in Toulouse und Moskau. Sie hat einen Master in Ingenieurwesen sowie einen Master in Luft- und Raumfahrtwissenschaften und ist Kampfpilotin der italienischen Luftwaffe.

          Der Däne Andreas Mogensen, 32 Jahre alt, lebt und arbeitet als promovierter Raumfahrtingenieur in Großbritannien. In Paris witzelte er, er sei sich nicht sicher, was furchteinflößender ist: Vor einer Runde von neugierigen Journalisten zu sitzen oder mit einer Rakete ins All geschossen zu werden. Er wolle nun seine Freude genießen, nicht an mögliche Gefahren im All denken.

          Luca Parmitano wurde 1976 in Paterno, Italien, geboren. Er hat ein Diplom in Luft- und Raumfahrtwissenschaften der italienischen Luftwaffen-Akademie and erhielt eine Ausbildung an der französischen Testpilotenschule. Hauptmann Parmitano ist Pilot bei der italienischen Luftwaffe. Er fühle sich überwältigt von der Aufgabe, die vor ihm liege, sagte er.

          Der Engländer Timothy Peake, 37 Jahre alt, ist als Testpilot bei den britischen Streitkräften tätig.

          Der Franzose Thomas Pesquet, 31, war Forschungsingenieur bei der französischen Raumfahrtagentur CNES und wurde anschließend Pilot bei der Air France, wo er derzeit den Airbus A320 fliegt. Er sei ungeduldig zu beweisen, dass die Esa sich richtig entschieden habe.

          „Wir haben die Besten ausgewählt. Punkt.“

          Esa-Generaldirektor Dordain betonte, die Auswahl der Bewerber sei allein nach fachlichen Krierien erfolgt - nicht aus politischen Erwägungen. Statistisch habe es mehr Bewerbungen aus Frankreich, Deutschland und Italien gegeben als aus Dänemark oder Irland. Deshalb gebe es nun auch Vertreter aus diesen Ländern unter den letzten sechs. „Wir haben die Besten ausgewählt. Punkt.“

          Am 1. September beginnt die 18 Monate währende Grundausbildung. Anschließend bekommen die sechs Astronauten ein spezielles Training, das auf die Mission abgestimmt ist, für die sie ausgewählt werden. Frühestens in dreieinhalb Jahren fliegt der erste von ihnen ins All.

          Zehn Deutsche waren bislang im All

          Hans Schlegel (geb. 1951): Der Physiker flog zuletzt im Februar 2008 mit der Weltraumfähre „Atlantis“ zur Internationalen Weltraumstation ISS. Bei der bis dahin größten europäischen Mission der bemannten Raumfahrt wurde das europäische Weltraumlabor „Columbus“ angedockt und eingeweiht. 1993 war Schlegel an Bord der Raumfähre „Columbia“, die im Rahmen der D-2-Mission ins All flog.

          Thomas Reiter (geb. 1958): Für die Europäische Raumfahrtagentur Esa arbeitete Reiter 2006 fast sechs Monate auf der Internationalen Raumstation ISS. 1996 stellte der Astronaut mit 180 Tagen im All einen Rekord unter den nicht-russischen Raumfahrern auf.

          Gerhard Thiele (geb. 1953): An Bord des Space-Shuttle „Endeavour“ umkreiste Thiele im Februar 2000 elf Tage lang die Erde.

          Reinhold Ewald (geb. 1956): Im März 1997 kehrte der Astronaut nach 20-tägigem Aufenthalt in der russischen Raumstation „Mir“ mit der Raumkapsel „Sojus TM-24“ zur Erde zurück.

          Ulf Merbold (geb. 1941): Nach zwei Weltraumreisen mit den Raumfähren „Columbia“ (1983) und „Discovery“ (1992) flog Merbold 1994 für die Esa zur russischen Raumstation „Mir“.

          Ulrich Walter (geb. 1954): Gemeinsam mit Hans Schlegel gehörte Walter im Frühjahr 1993 zu den Astronauten der deutsch-amerikanischen D-2-Mission an Bord der „Columbia“-Raumfähre.

          Klaus-Dietrich Flade (geb. 1952): Der Astronaut startete im März 1992 mit der russischen Raumkapsel „Sojus TM-14“ zur „Mir“.

          Ernst Messerschmid (geb. 1945) und Reinhard Furrer (1940-1995): Sie gehörten 1985 zur Mannschaft des ersten „Spacelab“-Flugs unter deutscher Regie (D-1-Mission).

          Sigmund Jähn (geb. 1937): Der DDR-Offizier war der erste Deutsche im All. Jähn flog 1978 mit dem sowjetischen Raumschiff „Sojus 31“ zur Raumstation „Saljut 6“.

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