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Behinderten-Wohnheime : „Diese Kultur des Aussortierens muss ein Ende haben“

Raul Krauthausen ist Aktivist und setzt sich seit Jahren für die Rechte von Menschen mit Behinderungen ein. Bild: Anna_Spindelndreier

In Potsdam sind vier Bewohner einer Behinderteneinrichtung getötet worden. Der Aktivist Raul Krauthausen sagt, dass die Strukturen, in denen behinderte Menschen leben, Gewalt und Missbrauch begünstigen. Ein Interview.

          6 Min.

          Herr Krauthausen, in einem Potsdamer Behinderten-Wohnheim sind vier Menschen mutmaßlich von einer dort seit vielen Jahren tätigen Pflegerin getötet worden. Eine weitere Person überlebte schwer verletzt. Ein tragischer Einzelfall?

          Natalia Wenzel-Warkentin
          Redakteurin vom Dienst bei FAZ.NET.

          Nein. Weil Strukturen, in denen behinderte Menschen leben, Gewalt und Missbrauch begünstigen. Wie zum Beispiel in Bad Oeynhausen, wo mutmaßlich 145 Mitarbeiter einer Einrichtung jahrelang Behinderte missbrauchen konnten und das System sich offenbar selbst gedeckt hat. Ich habe vor wenigen Tagen im Deutschlandfunk einen Beitrag über das Potsdamer Wohnheim „Oberlinhaus“ gehört, in dem der hauseigene Pfarrer zu Wort gekommen ist, der nun viel Aufmerksamkeit bekommt. Er betrieb dort eine Art Täter-Opfer-Umkehr, indem er behauptet, Belegschaft und Bewohner hätten keine Zeit zu trauern, weil wir Aktivisten das System kritisieren. Dafür sei jetzt nicht die Zeit. Aber um ihn geht’s doch gar nicht. Warum wird nicht mit den Opfern des Systems gesprochen? 

          Menschen mit Behinderung durchlaufen oft viele Stationen, kommen von der Förderschule in die Werkstätten und leben währenddessen in Pflegeheimen. Manchmal verteilen sich diese Einrichtungen auf nur ein einziges Gelände. Sie bezeichnen dieses System als „totale Institutionen“.

          Das ist ein Begriff aus der Soziologie, der solche Institutionen vor allem dadurch kennzeichnet, dass weder Informationen von innen nach außen, noch von außen nach innen dringen. Dazu zählen auch Altersheime, Asylunterkünfte oder Gefängnisse. Wenn Sie als Journalistin Informationen über das Wohlergehen der Bewohner einer bestimmten Einrichtung haben wollen, kommen Sie nicht an der zuständigen Pressestelle vorbei. Und die schicken Ihnen dann natürlich nur die Fälle, die vorzeigbar sind. Gleichzeitig sind die Bewohner auch so weit isoliert von der Mehrheitsgesellschaft – auch geografisch – dass sie gar keine Möglichkeiten haben, sich über Alternativen und ihre Rechte zu informieren. Zahlreiche Workshops, Seminare und Studien zeigen: Es fehlt auch an Aufklärung darüber, was eigentlich eine Heimaufsicht macht, was Selbstbestimmung und das Recht auf den eigenen Körper sind. Wir müssen uns klarmachen: Das ist das Zuhause der Menschen, die in Einrichtungen wie dem Oberlinhaus wohnen. Es ist ihr Rückzugsort, ihr sicherer Hafen. Wenn Sie von zu Hause aus- und in eine WG ziehen, können Sie nach ein paar Monaten wieder umziehen, wenn es Sie stört, dass Ihr Mitbewohner die Spülmaschine nie ausräumt. Diese Möglichkeit haben die Bewohner dieser Pflegeeinrichtungen nicht. Es wird zwar Wohngruppe genannt, hat mit einer WG aber nichts zu tun. 

          Blumen, Kerzen und Plakate liegen vor dem Babelsberger Oberlinhaus, in dem vier Bewohner getötet wurden.
          Blumen, Kerzen und Plakate liegen vor dem Babelsberger Oberlinhaus, in dem vier Bewohner getötet wurden. : Bild: dpa

          Sie haben sich selbst mal für fünf Tage in so eine Einrichtung begeben. Wie hat sich das angefühlt?

          Ich habe mich in meiner Freiheit sehr limitiert gefühlt – aus verschiedenen Gründen. Ich habe Glasknochen und das setzt eine gewisse Vorsicht voraus, wenn man mir hilft. Wenn ich also zum ersten Mal in so eine Einrichtung gehe und mein gewohntes Umfeld hinter mir lasse, dann habe ich natürlich erst mal Angst. Ich war dem Personal, das ich nicht kannte, ausgeliefert und musste es erst instruieren. Dann gibt es Pfleger und Pflegerinnen, die gröber sind als andere – nicht aus Boshaftigkeit, sondern weil das ihr Naturell ist. Doch ich hatte zu keinem Zeitpunkt die Möglichkeit, jemand anderen mit meiner Pflege zu beauftragen. Eine ähnliche Situation, die es regelmäßig gab, war der Toilettengang. Ich hatte nicht die Wahl, ob mir eine Frau oder ein Mann dabei hilft, wenn ich mich etwa entkleiden muss. Jeder nicht-behinderte Mensch kann sich das Ausmaß der Scham nicht vorstellen, wenn das wie in meinem Fall eine Frau übernimmt. Zuhause werde ich von Assistenten unterstützt, die ich mir selbst aussuche und die auch mich bewusst aussuchen. Dieses Recht gilt für beide Seiten.

          Ist diese persönliche Assistenz eine realistische Alternative zu so einer Einrichtung?

          Definitiv. In Deutschland hat jeder Mensch mit Behinderung, der auf Unterstützung angewiesen ist, das Recht so eine Assistenz zu beantragen. Spätestens seit dem Bundesteilhabegesetz ist das geregelt. Allerdings gibt es da einen gewissen Kostenvorbehalt. Man bekommt zum Beispiel das Geld, das die Kommune für den Platz in der Einrichtung aufgewendet hätte, und darf sich seine Pflege selbst organisieren. Man kann aber nicht mit dem Geld eines reinen Heimplatzes eine gleichwertige Assistenz zu Hause finanzieren. Das ist je nach Bedarf teurer. In Großstädten wie Berlin, Hamburg, München ist die Organisation dieser Assistenz in der Regel kein Problem. Aber wenn man auf dem Land lebt, und die lokale Behörde kommt je nach Aktenlage zu dem Schluss, das nicht zu bezahlen, hast du als behinderter Mensch keine Handhabe und landest in diesen Einrichtungen. Das liegt auch daran, dass das ganze System der Beratung darauf geeicht ist, dass Menschen mit Behinderungen seit Jahrzehnten in diesen Einrichtungen landen sollen. Das widerspricht eigentlich der UN-Behindertenrechtskonvention. Es muss gleichwertige Alternativen geben.

          Die Berichterstattung nach der Tat in Potsdam stellte vor allem die hohe Belastung des Pflegepersonals in den Vordergrund.

          Völlig absurd. Stellen Sie sich mal vor, in der Debatte um Femizide in Österreich spräche man nur über Männer. Oder es geht um die Black-Lives-Matter-Bewegung und alle reden über Polizisten und nicht über das Leben schwarzer Menschen. Diese Berichterstattung muss hinterfragt werden.

          Hat das etwas damit zu tun, dass immer schon mehr über die Menschen als mit ihnen gesprochen wurde?

          Behinderte Menschen finden in unserer Gesellschaft kaum statt. Da werden Menschen wie wir vom Pfarrer des Hauses indirekt als Querulanten betitelt, auch wenn er das Wort nicht verwendet hat. Aber als diejenigen, die jetzt zur falschen Zeit eine Debatte anzetteln. Solche Aussagen verbieten uns den Mund, unsere Perspektive wird nicht gehört. Wir werden marginalisiert und uns wird die eigene Erfahrung abgesprochen. Es wird ständig davon ausgegangen, dass nicht-behinderte Menschen wissen, was gut für Behinderte ist. Aber diese Menschen, die da in Potsdam getötet wurden, die waren alle volljährig. Wir sind keine Kinder – auch wenn alle immer so tun, als seien wir es. Es stimmt, unter uns gibt es Menschen, die sich nicht selbst vertreten können. Aber wer sagt eigentlich, dass nicht-behinderte Menschen sie besser vertreten können als andere Menschen mit Behinderung mit ähnlichen Erfahrungen? Und wo bleibt die unabhängige Kontrolle durch Menschen mit Behinderung in solchen Einrichtungen? Warum dürfen behinderte Menschen nicht mitentscheiden, wie die Mittel verwendet werden, die diese Einrichtungen brauchen? Fragen über Fragen. 

          Ein Polizeipsychologe mutmaßte kurz nach der Tat im Sender rbb über die Hintergründe und spekuliert auch über ein sogenanntes „Erlösungsmotiv“. Dafür gab es in den sozialen Medien viel Kritik. Was macht das mit Ihnen?

          Das bedient ein Narrativ, das an das dunkelste Kapitel dieses Landes erinnert, und zwar an die Euthanasie der Nationalsozialisten, bei der davon ausgegangen wurde, dass Behinderung grundsätzlich immer Leid bedeutet, von dem es sie zu erlösen gilt. Dabei kann man mit einer Behinderung sehr wohl glücklich sein. Es schwebt keine graue Schleierwolke über unserem Leben. Dieser Schleier schwebt über Situationen durch Menschen, die diese Menschen diskriminieren und sie ermorden, misshandeln oder an Teilhabe hindern. Da müssen wir hinschauen, statt ständig Verständnis für Täter äußern. Vielleicht hat dieser Polizeipsychologe seine Aussage nicht so gemeint. Aber ich werfe hier auch dem rbb vor, das nicht eingeordnet zu haben. Kurz nach dem Beitrag lief ein Imagefilm über das Oberlinhaus, am Abend dann der Film „Ziemlich beste Freunde“, in dem es um die Freundschaft zwischen einem behinderten Mann und seiner Pflegekraft geht. Da frage ich mich: Wo ist eure Moral geblieben?

          Kurz nach der Tat hat der Allgemeine Behindertenverband Deutschland (ABiD) Eignungstests für Mitarbeiter gefordert, die feststellen sollen, ob diese den Anforderungen gewachsen sind. Ist diese Perspektive Teil des Problems?

          Das hat mich ehrlich gesagt auch verwundert. Auch innerhalb der Behinderten-Community wird die Perspektive des ABiD kritisch gesehen. So eine Forderung stärkt die Erzählung, dass behinderte Menschen Fachkräfte brauchen. Und ich glaube, dass diese Fachkraftisierung der Inklusion behinderter Menschen im Weg steht. Ich glaube, die dringendere Frage ist doch: Wie konnte es sein, dass eine Pflegekraft Zugriff auf fünf Menschen hatte und vier davon mutmaßlich ermorden konnte, um dann nach Hause zu fahren? Obwohl die Einrichtung ja offenbar voll besetzt war? Da wo Zugriff auf viele Menschen möglich ist, ist natürlich auch die Missbrauchsgefahr groß. Und dass die Aufsichtsbehörde einen Tag zuvor keine Missstände aufgedeckt hat, zeigt ja auch, dass die Mechanismen offenbar nicht funktionieren.

          Erst Ende April wurde das Teilhabestärkungsgesetz verabschiedet, das erstmals auch eine Gewaltschutzregelung beinhaltet und vor allem behinderte Frauen vor Missbrauch schützen soll. Wie schätzen Sie die Auswirkungen ein?

          Ich war schockiert, dass das nicht schon längst Standard ist und dass es zuvor freiwillig war. Wir müssen doch präventiv eingreifen, indem wir Menschen mit Behinderung in die Lage versetzen, Dinge zu erkennen und sie auch über mögliche Alternativen informieren. Mir ist wichtig zu betonen, dass das Pflegepersonal natürlich nicht nur aus Tätern besteht. Sie sind oftmals selbst Opfer eines Systems, das aussortiert. Und das Aussortieren behinderter Menschen in Deutschland hat jahrzehntelange Tradition. Das merkt man auch in der Berichterstattung. Da heißt es dann gerne, dass behinderte Menschen besondere Liebe, Fürsorge und Schutz bräuchten. Das macht sie nicht nur klein, sondern ist die völlig falsche Debatte. Behinderte Menschen brauchen nicht mehr Schutz, sondern nur die gleichen Rechte. Wen wir schützen, ist die Mehrheitsgesellschaft, die sich mit dem Thema Behinderung nicht auseinandersetzen muss. Diese Kultur des Aussortierens muss ein Ende haben.

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