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Behinderten-Wohnheime : „Diese Kultur des Aussortierens muss ein Ende haben“

Das bedient ein Narrativ, das an das dunkelste Kapitel dieses Landes erinnert, und zwar an die Euthanasie der Nationalsozialisten, bei der davon ausgegangen wurde, dass Behinderung grundsätzlich immer Leid bedeutet, von dem es sie zu erlösen gilt. Dabei kann man mit einer Behinderung sehr wohl glücklich sein. Es schwebt keine graue Schleierwolke über unserem Leben. Dieser Schleier schwebt über Situationen durch Menschen, die diese Menschen diskriminieren und sie ermorden, misshandeln oder an Teilhabe hindern. Da müssen wir hinschauen, statt ständig Verständnis für Täter äußern. Vielleicht hat dieser Polizeipsychologe seine Aussage nicht so gemeint. Aber ich werfe hier auch dem rbb vor, das nicht eingeordnet zu haben. Kurz nach dem Beitrag lief ein Imagefilm über das Oberlinhaus, am Abend dann der Film „Ziemlich beste Freunde“, in dem es um die Freundschaft zwischen einem behinderten Mann und seiner Pflegekraft geht. Da frage ich mich: Wo ist eure Moral geblieben?

Kurz nach der Tat hat der Allgemeine Behindertenverband Deutschland (ABiD) Eignungstests für Mitarbeiter gefordert, die feststellen sollen, ob diese den Anforderungen gewachsen sind. Ist diese Perspektive Teil des Problems?

Das hat mich ehrlich gesagt auch verwundert. Auch innerhalb der Behinderten-Community wird die Perspektive des ABiD kritisch gesehen. So eine Forderung stärkt die Erzählung, dass behinderte Menschen Fachkräfte brauchen. Und ich glaube, dass diese Fachkraftisierung der Inklusion behinderter Menschen im Weg steht. Ich glaube, die dringendere Frage ist doch: Wie konnte es sein, dass eine Pflegekraft Zugriff auf fünf Menschen hatte und vier davon mutmaßlich ermorden konnte, um dann nach Hause zu fahren? Obwohl die Einrichtung ja offenbar voll besetzt war? Da wo Zugriff auf viele Menschen möglich ist, ist natürlich auch die Missbrauchsgefahr groß. Und dass die Aufsichtsbehörde einen Tag zuvor keine Missstände aufgedeckt hat, zeigt ja auch, dass die Mechanismen offenbar nicht funktionieren.

Erst Ende April wurde das Teilhabestärkungsgesetz verabschiedet, das erstmals auch eine Gewaltschutzregelung beinhaltet und vor allem behinderte Frauen vor Missbrauch schützen soll. Wie schätzen Sie die Auswirkungen ein?

Ich war schockiert, dass das nicht schon längst Standard ist und dass es zuvor freiwillig war. Wir müssen doch präventiv eingreifen, indem wir Menschen mit Behinderung in die Lage versetzen, Dinge zu erkennen und sie auch über mögliche Alternativen informieren. Mir ist wichtig zu betonen, dass das Pflegepersonal natürlich nicht nur aus Tätern besteht. Sie sind oftmals selbst Opfer eines Systems, das aussortiert. Und das Aussortieren behinderter Menschen in Deutschland hat jahrzehntelange Tradition. Das merkt man auch in der Berichterstattung. Da heißt es dann gerne, dass behinderte Menschen besondere Liebe, Fürsorge und Schutz bräuchten. Das macht sie nicht nur klein, sondern ist die völlig falsche Debatte. Behinderte Menschen brauchen nicht mehr Schutz, sondern nur die gleichen Rechte. Wen wir schützen, ist die Mehrheitsgesellschaft, die sich mit dem Thema Behinderung nicht auseinandersetzen muss. Diese Kultur des Aussortierens muss ein Ende haben.

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