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Behinderten-Wohnheime : „Diese Kultur des Aussortierens muss ein Ende haben“

Ist diese persönliche Assistenz eine realistische Alternative zu so einer Einrichtung?

Definitiv. In Deutschland hat jeder Mensch mit Behinderung, der auf Unterstützung angewiesen ist, das Recht so eine Assistenz zu beantragen. Spätestens seit dem Bundesteilhabegesetz ist das geregelt. Allerdings gibt es da einen gewissen Kostenvorbehalt. Man bekommt zum Beispiel das Geld, das die Kommune für den Platz in der Einrichtung aufgewendet hätte, und darf sich seine Pflege selbst organisieren. Man kann aber nicht mit dem Geld eines reinen Heimplatzes eine gleichwertige Assistenz zu Hause finanzieren. Das ist je nach Bedarf teurer. In Großstädten wie Berlin, Hamburg, München ist die Organisation dieser Assistenz in der Regel kein Problem. Aber wenn man auf dem Land lebt, und die lokale Behörde kommt je nach Aktenlage zu dem Schluss, das nicht zu bezahlen, hast du als behinderter Mensch keine Handhabe und landest in diesen Einrichtungen. Das liegt auch daran, dass das ganze System der Beratung darauf geeicht ist, dass Menschen mit Behinderungen seit Jahrzehnten in diesen Einrichtungen landen sollen. Das widerspricht eigentlich der UN-Behindertenrechtskonvention. Es muss gleichwertige Alternativen geben.

Die Berichterstattung nach der Tat in Potsdam stellte vor allem die hohe Belastung des Pflegepersonals in den Vordergrund.

Völlig absurd. Stellen Sie sich mal vor, in der Debatte um Femizide in Österreich spräche man nur über Männer. Oder es geht um die Black-Lives-Matter-Bewegung und alle reden über Polizisten und nicht über das Leben schwarzer Menschen. Diese Berichterstattung muss hinterfragt werden.

Hat das etwas damit zu tun, dass immer schon mehr über die Menschen als mit ihnen gesprochen wurde?

Behinderte Menschen finden in unserer Gesellschaft kaum statt. Da werden Menschen wie wir vom Pfarrer des Hauses indirekt als Querulanten betitelt, auch wenn er das Wort nicht verwendet hat. Aber als diejenigen, die jetzt zur falschen Zeit eine Debatte anzetteln. Solche Aussagen verbieten uns den Mund, unsere Perspektive wird nicht gehört. Wir werden marginalisiert und uns wird die eigene Erfahrung abgesprochen. Es wird ständig davon ausgegangen, dass nicht-behinderte Menschen wissen, was gut für Behinderte ist. Aber diese Menschen, die da in Potsdam getötet wurden, die waren alle volljährig. Wir sind keine Kinder – auch wenn alle immer so tun, als seien wir es. Es stimmt, unter uns gibt es Menschen, die sich nicht selbst vertreten können. Aber wer sagt eigentlich, dass nicht-behinderte Menschen sie besser vertreten können als andere Menschen mit Behinderung mit ähnlichen Erfahrungen? Und wo bleibt die unabhängige Kontrolle durch Menschen mit Behinderung in solchen Einrichtungen? Warum dürfen behinderte Menschen nicht mitentscheiden, wie die Mittel verwendet werden, die diese Einrichtungen brauchen? Fragen über Fragen. 

Ein Polizeipsychologe mutmaßte kurz nach der Tat im Sender rbb über die Hintergründe und spekuliert auch über ein sogenanntes „Erlösungsmotiv“. Dafür gab es in den sozialen Medien viel Kritik. Was macht das mit Ihnen?

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