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Rassismus in Deutschland : Das Gefühl, nicht dazuzugehören

Wenn sich schon Kinder wegen ihrer Hautfarbe schlecht fühlen: Auch in Frankfurt wurde am Wochenende gegen Rassismus protestiert. Bild: Helmut Fricke

Auch in Deutschland beklagen Menschen mit afrikanischen Wurzeln Diskriminierung und Rassismus. Aber ihre Erfahrungen werden kaum thematisiert. Der „Afrozensus“ will das ändern.

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          Eine Polizistin, die bei einer ausufernden Verkehrskontrolle lieber mit dem weißen Beifahrer als mit dem afrodeutschen Fahrer spricht. Ein junger Afrodeutscher, der unschuldig für zwei Stunden von der Polizei festgehalten wird, weil er die gleiche Hautfarbe wie ein gesuchter Krimineller hat. Um solche und andere Geschichten geht es in der Podcast-Folge „Kennst du deine Rechte? Was darf die Polizei, und was darf sie nicht?“, für die sich die afrodeutschen Podcaster „Kinboytalks“ und „Redlektion“ zusammengetan haben. Sie gibt einen Einblick in die Arten von Diskriminierung, die Menschen unterschiedlicher Herkunft in Deutschland erfahren.

          Julia Anton
          Redakteurin im Ressort „Gesellschaft & Stil“.

          „Wir müssen solche unangenehmen Thematiken ansprechen und miteinander kommunizieren, um etwas gegen die Differenzen zu tun“, sagen Aurel Kamdem Mabou und Ridal Carel Tchoukuegno von „Redlektion“, was eine Schöpfung aus „Reden“ und „Reflektion“ ist. Die beiden jungen Männer haben deutsche und kamerunische Wurzeln. Ihnen fehlte ein Produkt, das ihren Kulturenmix widerspiegelt. Nun sprechen sie seit über einem Jahr in ihrem Podcast über alles, was sie beschäftigt: den Valentinstag und das erste Bruttogehalt, die Spiritualität ihrer Vorfahren und eben auch über Diskriminierung durch die Polizei oder darüber, dass es rassistisch ist, auf dem Fußballplatz „Du, deck den Schwarzen“ zu sagen, während alle anderen mit der Trikotnummer oder dem Namen angesprochen werden.

          Es beginnt mit dem N-Wort

          „Rassismus trifft Menschen mit dunkler Hautfarbe alltäglich und hat viele Gesichter“, sagt die Soziologin und Autorin Nkechi Madubuko. „Es beginnt bei einer einfachen Beschimpfung mit dem N-Wort, geht weiter bis zu Ausgrenzung, wenn beispielsweise ein Kind wegen seiner Hautfarbe nicht mitspielen darf, bis hin zu bestimmten Eigenschaften, die einem zu- oder abgeschrieben werden.“

          Nkechi Madubuko ist promovierte Soziologin, Diversity Trainerin und Buchautorin u.a. von „Empowerment als Erziehungsaufgabe. Praktisches Wissen im Umgang mit Rassismuserfahrungen bei Kindern und Jugendlichen“.
          Nkechi Madubuko ist promovierte Soziologin, Diversity Trainerin und Buchautorin u.a. von „Empowerment als Erziehungsaufgabe. Praktisches Wissen im Umgang mit Rassismuserfahrungen bei Kindern und Jugendlichen“. : Bild: privat

          Häufig würden dabei auch heute noch längst widerlegte Rassismustheorien der Kolonialzeit genutzt, die damals als Legitimation für Unterdrückung dienten: Primitivität, geringere Intelligenz, sogenanntes Temperament. „Die Ausgrenzung, Abwertung und Diskriminierung aufgrund von solchen rassistischen Zuschreibungen passiert durch den Bäcker von nebenan, die Erzieherin, im Bewerbungsgespräch oder durch Polizeikontrollen“, sagt Madubuko. „Für die Betroffenen ist die Erfahrung, auf die Hautfarbe reduziert zu werden, verletzend und beschämend.“ Wiederkehrende Erfahrungen ließen zudem das Gefühl aufkommen, ein Mensch zweiter Klasse zu sein, vor allem, wenn Zeugen sich nicht positionierten oder das Verhalten mit Sätzen wie „Stell dich nicht so an“ als normal relativierten.

          Mehr als eine Million Menschen afrikanischer Herkunft leben in Deutschland, viele Familien schon über Generationen hinweg. Trotzdem werden ihre Rassismuserfahrungen und ihr Umgang damit kaum thematisiert – höchstens nach aufsehenerregenden Vorfällen wie dem Tod von George Floyd durch Polizeigewalt.

          Es fehlt schon an Zahlen und Datengrundlagen, die systemischen Rassismus in Deutschland sichtbar machen könnten – ein Umstand, den eine Arbeitsgruppe der Vereinten Nationen 2017 scharf kritisiert hat. Studien zeigen, dass Schwarze und Frauen, die ein Kopftuch tragen, besonders häufig Diskriminierung erleben. „Dezidierte quantitative Analysen, wie Schwarze Menschen in Deutschland leben, gibt es aber nicht“, sagt Daniel Gyamerah, der wie viele andere Wert auf die Großschreibung des Wortes „Schwarz“ legt, da es kein Adjektiv sei, das sich auf die Hautfarbe beziehe, sondern eine Selbstbezeichnung. Gyamerah ist ehrenamtlicher Vorsitzender der Empowerment-Organisation „Each One Teach One“.

          Während beispielsweise in den Vereinigten Staaten für den „Black Census“ 30.000 Afroamerikaner zu ihrer Perspektive befragt wurden, gibt es in Deutschland erst jetzt ein vergleichbares Projekt: Der Afrozensus ist eine freiwillige Online-Studie, die von der Antidiskriminierungsstelle des Bundes gefördert wird und in diesen Tagen startet. Die Umfrage will die „Lebensrealitäten, Diskriminierungserfahrungen und Perspektiven Schwarzer, afrikanischer und afrodiasporischer Menschen“ erfassen. Man wolle sich so nicht von anderen Communitys abgrenzen, sondern die Vielfalt innerhalb der eigenen Gemeinschaft sichtbar machen, sagt Gyamerah. Mehr als 4500 Menschen hätten sich bereits angemeldet. Gefragt wird unter anderem nach Soziodemographie, dem Vertrauen in Institutionen, Diskriminierungserfahrungen im Bildungssektor und bei Begegnungen mit der Polizei sowie dem Umgang damit: Haben Betroffene geklagt, kennen sie Hilfsangebote?

          „Jeder sollte in der Demokratie, im Sport, in der Schule vertreten sein“

          „Die Ergebnisse sollen uns helfen, unsere Angebote für die Community zu verbessern“, sagt Gyamerah. Aber sie sollten auch den Handlungsdruck auf die Politik erhöhen, strukturelle Veränderungen herbeizuführen. „Unsere Erfahrung zeigt, dass die Perspektive Schwarzer Menschen in Deutschland immer hinten runter fällt.“ So haben die Vereinten Nationen 2015 die Dekade für Menschen afrikanischer Abstammung ins Leben gerufen. Trotzdem fehle noch immer ein Aktionsplan der Bundesregierung, der alle gesellschaftlichen Bereiche betrifft. Gyamerah nennt zum Beispiel Parteien, die bislang kaum Förderprogramme für Afrodeutsche haben. Auch im Gesundheitssektor sei eine rassismuskritische Perspektive nicht vorhanden, außerdem fehle es an Lehrstühlen zu Black Studies.

          „Jeder sollte in der Demokratie, im Sport, in der Schule vertreten sein“, sagen die Podcaster Mabou und Tchoukuegno. Das Gefühl, nicht dazuzugehören, fange schon bei Kinderbüchern an, in denen nicht alle Kulturkreise repräsentiert werden. „Wenn man sich nicht in diesen Büchern sieht, ist es, als wäre man gar nicht da.“ Oder wenn der Gesprächspartner immer weiter fragt, woher man denn komme: „Wenn die Antwort Deutschland oder Stuttgart nicht ausreicht und immer weiter insistiert wird.“

          Bislang würden Forderungen an die Politik häufig mit Verweis auf die fehlende Datengrundlage abgewiesen, berichtet Gyamerah. Aber auch ein verkürztes Verständnis von Rassismus sei ein Problem: „Rassismus wird häufig mit Rechtsextremismus gleichgesetzt.“ In Deutschland werde Rassismus ungern benannt und thematisiert, sagt Soziologin Nkechi Madubuko. „Niemand ist ein Rassist. Man möchte sagen, dass man das hinter sich gelassen hat.“ Doch Rassismus finde noch immer in allen Lebensbereichen statt.

          Schwarzen Menschen, hofft Madubuko, soll der Afrozensus eine Stimme geben, mit der sie auf ihre Perspektive und ihren Platz in der deutschen Gesellschaft hinweisen können. Ende des Jahres sollen die Ergebnisse veröffentlicht werden. „Wenn das auf dem Tisch liegt“, sagt Gyamerah, „kann zumindest niemand mehr sagen: Wir wussten das nicht.“

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