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Rassismus in der DDR : Der Boxer

  • -Aktualisiert am

„Schöner leben ohne Nazis“, steht heute auf Albertos Shirt. Bild: Marcus Kaufhold

Mit 18 kam Ibraimo Alberto aus Mosambik in die DDR. Er bewährte sich im Fleischkombinat und boxte erfolgreich. Gegen Nazis hat er seine eigene Strategie gefunden.

          7 Min.

          Ibraimo Alberto steigt in den Ring und will einfach nur boxen. Es ist ein Samstag irgendwann im Jahr 1987, Wettkampftag der ersten DDR-Box-Liga. Die Weimarer Sporthalle ist spärlich besetzt. Schweiß und Zigarettenrauch liegen in der Luft, wird er sich erinnern. Am Rand stehen jugendliche Männer. Sie trinken Bier, tragen Bomberjacke, Springerstiefel und Glatze. Als der Kampf beginnt, machen sie Affengeräusche, einer grölt: „Der Affe ist im Ring!“ Das geht den ganzen Kampf so. Alberto kämpft weiter und ignoriert sie. In der vierten Runde setzt er seinen linken Dampfhammer, der Gegner geht k.o., der Kampf ist beendet.

          Dreißig Jahre später erinnert nur noch der rote Hoodie an den Boxer vergangener Tage. Ibraimo Alberto hat das Boxen vor ein paar Jahren aufgegeben. Stattdessen kämpfen die Wörter jetzt mit seinen Händen; nach jedem Halbsatz schlägt er einen kleinen Haken – rechts, links, rechts, links. Er hat das „Rathaus-Café“ in Hirschhorn am Neckar als Treffpunkt vorgeschlagen. Ein herausgeputztes Mittelalterstädtchen im Odenwald, das sich selbst als „Perle des Neckartals“ bezeichnet. Weiter entfernt könnte die DDR an diesem Nachmittag nicht sein. Alberto bestellt eine Apfeltasche mit Sahne und rührt sie zweieinhalb Stunden lang nicht an.

          Alberto erzählt seine Geschichte. Er braucht mehrere Anläufe, ständig verläuft er sich. Es ist die Geschichte eines Kämpfers, der alle seine Kämpfe gewonnen hat. Nur den letzten hat er verloren.

          Drecksarbeit statt Ausbildung

          Als einer von gut 20.000 Mosambikanern war Alberto in die DDR gekommen. Seit den siebziger Jahren versuchte die DDR, Arbeitskräfte aus sozialistischen Bruderstaaten anzuwerben. Die sogenannten „Vertragsarbeiter“ kamen aus Vietnam, Kuba, Algerien, Angola, China, Nordkorea oder eben Mosambik. Mehr als 90 000 von ihnen arbeiteten 1989 in der DDR. Doch von der versprochenen „internationalen Völkerfreundschaft“ spürten sie nichts: Ausbeutung und Diskriminierung bestimmten den Alltag der Vertragsarbeiter.

          „Sie sollten sogenannte Hilfstätigkeiten in der Produktion übernehmen“, sagt Harry Waibel. „Drecksarbeit, würden wir heute dazu sagen.“ Waibel ist freiberuflicher Historiker und hat sich in den vergangenen Jahren mit den ausländischen Arbeitern beschäftigt. „Die Industrie der DDR benötigte dringend Arbeitskräfte. Ab den fünfziger Jahren kamen erst Arbeiter aus Polen, später dann aus Ungarn oder der Tschechoslowakei“, erklärt er. Die DDR schloss dafür Verträge mit einzelnen Staaten ab. Zwar wurde den überwiegend jungen Männern ab 18 Jahren eine Aus- und Weiterbildung in einem von ihnen gewünschten Beruf versprochen; in Wirklichkeit richtete sich ihre Verteilung nach den Bedürfnissen der DDR-Wirtschaft. Ihr Aufenthalt war auf vier oder fünf Jahre beschränkt. Die Familie mitzunehmen war untersagt; wer sich bewährte, konnte auf eine Verlängerung hoffen. Im Gegenzug versprach die SED-Regierung den Ländern finanzielle Hilfen und sandte Lebensmittel und Industriegüter.

          Er glaubte den Versprechen der DDR

          Als Ibraimo Alberto erstmals von der DDR hört, befindet sich sein Land im Bürgerkrieg. 1963 ist er in Mosambik geboren, damals noch eine portugiesische Kolonie. Zusammen mit sechs Geschwistern wächst er auf einer Sklavenfarm auf. Sein Vater ist ein Medizinmann, seine Mutter kümmert sich um die Kinder. Mit elf Jahren muss Alberto als Putzkraft in einem Landhaus arbeiten. Nebenbei versucht er, die Schule zu besuchen. 1975 wird Mosambik unabhängig. Zwei Jahre später bricht der Bürgerkrieg aus, 1977 schließen die regierenden Sozialisten mit der DDR einen Vertrag.

          Alberto will nicht in den Bürgerkrieg ziehen, genauso wenig wie sein Freund Manuel Diogo. Beide glauben den Versprechen: In der DDR bekommt ihr eine Ausbildung zum Mechaniker, anschließend ein Studium. Fünf Jahre soll der Aufenthalt dauern, mit Aussicht auf Verlängerung. Wie viele Mosambikaner will Alberto anschließend zurückkehren, sein Land beim Wiederaufbau unterstützen.

          Bei einer Rückkehr drohen Alberto zehn Jahre Gefängnis

          Am Morgen des 16. Juni 1981 landen Alberto, Diogo und neunzig andere Mosambikaner auf dem Flughafen Schönefeld, Ost-Berlin, Hauptstadt der DDR. Doch von Völkerfreundschaft ist bei der Ankunft wenig zu spüren: kein roter Teppich, kein Empfangskomitee. Alles muss schnell gehen: Ein Dolmetscher übersetzt, alle versammeln sich in einer Wartehalle, die Reisepässe werden eingesackt, die Namen ausgerufen. „Ibraimo Alberto – Fleischkombinat Berlin“, Manuel Diogo muss nach Dessau. Offizielle treiben die Vertragsarbeiter in einen Bus. Alberto fallen die Abschiedsworte seines Vaters ein: „Die verkaufen euch. Die verkaufen euch.“ Sein Gedanke: Er muss sich und die anderen verteidigen. Alberto fragt seinen mosambikanischen Betreuer: „Wo kann ich hier lernen zu boxen?“

          Doch die Hoffnung wird enttäuscht. Nachdem er in einem Kurs Deutsch gelernt hat, beginnt seine Arbeit im Fleischkombinat Berlin. Als er erstmals seinen Arbeitsbereich, die „Abteilung Zerteilung“, betritt, will er am liebsten davonlaufen. Hier soll er Schweine ausnehmen, ihnen sorgfältig Knochen und Knorpel abtrennen. „Dabei esse ich doch gar kein Schweinefleisch.“ Alberto boykottiert die Arbeit, will zurück nach Mosambik. Doch er hat keine Wahl: Bei einer Rückkehr drohen ihm zehn Jahre Gefängnis, womöglich der Einsatz im Bürgerkrieg.

          Nach fünf Jahren will die DDR Alberto unbedingt behalten

          Neun Stunden dauert eine Arbeitsschicht, anschließend trainiert er in einem Berliner Boxverein. Schnell verschafft er sich dort Respekt. Für das Boxen, auf den ersten Blick ein plumper, gewaltsamer Sport, braucht es beim näheren Hinsehen taktisches Gespür, Ausdauer, Geduld. All das beherrscht Alberto; im Ring und im Betrieb. Nach zwei Wochen bekommt er im Fleischkombinat die erste Auszeichnung, nach vier Wochen ein Lob vom Meister. Als die fünf Jahre abgelaufen sind, will ihn die DDR unbedingt behalten: Er soll zukünftig als Betreuer für Mosambikaner arbeiten.

          Daher sagt er heute auch: „Ich war nicht unglücklich. Die DDR war mein Zuhause.“ Erst nach ihrem Ende verstand er all diese „merkwürdigen Dinge“ besser: Zusammen mit allen anderen mosambikanischen Vertragsarbeitern lebt Alberto eingepfercht in einem Wohnheim, einem großen Plattenbau mitten in Berlin. Ausgang haben sie bis 22 Uhr, Montag bis Freitag. Frauen sind nicht erlaubt. Kontakt zu DDR-Bürgern haben sie kaum. Häufig erlebt er auf Fahrten mit dem Boxverein Anfeindungen. Das seien die „Nachfolger von Hitler“, erklärt man Alberto damals. Auch die anderen Vertragsarbeiter werden beschimpft: Vietnamesen als „Fidschis“, Algerier als „Kameltreiber“, Angolaner als „schwarze Kohlen“.

          Sein Freund wird von Neonazis ermordet

          Am 30. Juni 1986 bringt Alberto seinen Freund Diogo zum Berliner Ostbahnhof. Zusammen hatten sie das Wochenende verbracht, mit Freunden Fußball gespielt, bis in den Morgen getanzt. Diogo muss zurück nach Dessau in sein Wohnheim. Wenige Tage später erfährt Alberto, dass sein Freund Dessau nie erreicht hat. Sie habe Manuels Leiche auf der Bahnstrecke gefunden, teilt ihm die Polizei mit. Sie sei zerstückelt gewesen, die einzelnen Körperteile über Kilometer verteilt. Neonazis hätten Manuel zusammengeschlagen, ihn an einen Strick gebunden und ihn aus dem Fenster gehängt. Die Polizei kann zwar die Täter festnehmen, in der Öffentlichkeit wird der Fall nicht erwähnt.

          Alberto spielte Fußball für den Verein Turbine Treptow. Das Mannschaftsfoto ist von 1985.

          In der DDR gab es über 800 solcher rassistischen Vorfälle gegen ausländische Vertragsarbeiter. Das hat Historiker Waibel herausgefunden. Er untersuchte mehrere tausend Berichte des Ministeriums für Staatssicherheit, das die ausländerfeindlichen Vorfälle als „Propaganda- und Gewaltstraftaten“ notierte. Zwölf Personen wurden getötet, Tausende Verletzte sind zu beklagen. Im selbsternannten „antifaschistischen Staat“ durfte es so etwas wie Fremdenfeindlichkeit nicht geben. Dass sie dennoch sehr verbreitet war, lässt Waibel zu einem einfachen Urteil kommen: „Der Antifaschismus der DDR war gescheitert.“ Eine Entnazifizierung hatte, wenn überhaupt, nur halbherzig stattgefunden.

          Als in den Siebzigern die Vertragsarbeiter kamen, entwickelten sich Skinheads, Neonazis, Hooligans zu einer politischen Kraft, die die DDR-Führung nicht mehr kontrollieren konnte. Waibel sieht darin eine Ursache für die heutige Fremdenfeindlichkeit in Ostdeutschland: „Dass im Jahre 2016 relativ drei- bis viermal mehr rassistische Überfälle im Osten stattfinden, ist auf den Rassismus in der DDR zurückzuführen.“

          Die Stadt Schwedt macht ihn zum Ausländerbeauftragten

          Nach der Wiedervereinigung waren es zunächst wieder die nun ehemaligen Vertragsarbeiter, die darunter litten. In Hoyerswerda und Rostock-Lichtenhagen brannten ihre Wohnheime. Die meisten Vertragsarbeiter waren zwar nach 1990 in ihre Heimatländer zurückgekehrt. Doch gerade Vietnamesen und einige Mosambikaner blieben und versuchten, sich eine neue Existenz aufzubauen.

          Ibraimo Alberto erlebt all das mit. Kurz vor dem Fall der Mauer verliebt er sich in eine deutsche Frau, kurz danach wird er zum ersten Mal Vater. Zusammen ziehen sie nach Schwedt im Nordosten Brandenburgs. Dort ist auch sein neuer Boxverein beheimatet, für den er viele Erfolge erkämpft. In Schwedt kümmert er sich um Asylbewerber, später beschäftigt ihn die Stadt als Ausländerbeauftragten. Er tritt der SPD bei, wird in die Stadtverordnetenversammlung gewählt. Repräsentanten der Stadt lassen sich mit ihm ablichten, er bekommt den Preis „Botschafter für Demokratie und Toleranz“. Alberto gilt als Nachweis, dass so etwas wie Ausländerhass in Schwedt nicht existiert.

          Die Polizei schlägt ihm vor, einfach wegzugehen

          Doch die Beschimpfungen und Übergriffe gegen ihn nehmen zu, vor Einkaufszentren, in Zügen, in der Fußgängerzone, erzählt er. Das Schlimmste: das Desinteresse der Umgebung und der Behörden. „Einmal fragten mich Polizisten, warum ich nicht einfach weggehe.“ Er bleibt. „Ich war der letzte Schwarze in Schwedt“, sagt Alberto.

          Auch seine Kinder werden Opfer von Rassismus. „Wenn wir uns aus dem Haus trauten, blickten sie sich um, ob Rechtsradikale unterwegs waren.“ Alberto meidet mit ihnen öffentliche Plätze. Die Situation wird zu einer Belastung für die Familie; nicht zuletzt daran sei die Ehe mit seiner Frau zerbrochen, sagt er.

          Zuschauer drohen seinem Sohn beim einem Fußballspiel

          Wieder Affengeräusche, jetzt im Jahr 2011. Diesmal gegen Albertos Sohn, der einen Fußballplatz betritt. Unter Beschimpfungen habe der Schiedsrichter ein Spiel der A-Jugend zwischen Schwerdt und Bernau angepfiffen, erzählt Alberto. „Wir schlagen den Hurennegersohn tot!“, so hört er einen der Zuschauer brüllen. Er stürmt das Feld, will den Neonazi verprügeln. Sein Sohn hält ihn von Schlimmerem ab. Wenige Tage später verlässt die Familie Schwedt – wo man sich bald von Alberto, der nun sehr öffentlich über seine negativen Erfahrungen dort spricht, zu Unrecht an den Pranger gestellt sieht.

          Ein Rechtsanwalt vermittelt der Familie eine Unterkunft in Karlsruhe. Hier beginnt Alberto ein neues Leben, heiratet abermals, betreut heute ein Wohnprojekt für junge Flüchtlinge. Er trainiert Jugendliche im Boxen und steht als Sparringspartner bereit. In Schwedt war er schon lange nicht mehr, dennoch beobachtet er mit großer Sorge, was in weiten Teilen Ostdeutschlands passiert. Aber auch im Südwesten der Republik holt ihn der Rassismus ein: Im vergangenen Jahr hat ein Taxifahrer sich geweigert, ihn mitzunehmen. „Er sagte zu mir: ,Ich fahre keine Neger!‘“ Alberto nahm das nächste Taxi und erstattete Anzeige. Man müsse sich zur Wehr setzen, sagt er. Er weiß, was das heißt.

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