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Debatte um Rassismus : Der Graue Peter der Niederländer

Der niederländische „Sinterklaas“ und sein traditioneller Begleiter, der „schwarze Peter“ (l.) Bild: dpa

Darf der Nikolaus dunkelhäutige Helfer haben? Die Niederländer ringen um einen alten Brauch. Und haben einen Kompromiss im Schornstein entdeckt.

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          Ojeoje, es geht wieder los. Der November ist angebrochen, und damit steht in den Niederlanden der Einzug des Nikolaus an, des „Sinterklaas“. Eigentlich ein Anlass zur Freude, denn in prächtigem Gewand und mit viel Getöse zieht der bärtige Alte in die Städte. Kinder und Eltern werden ihn begeistert empfangen, wie jedes Jahr ist es ein farbenfrohes Volksfest im grauesten aller Monate. Wenn da nur nicht die Debatte um den Schwarzen Peter wäre.

          Klaus Max Smolka
          (smo.), Wirtschaft

          Sie wird von Jahr zu Jahr hitziger und kocht gerade wieder hoch. Denn Sinterklaas lässt sich traditionell von Knechten begleiten mit tiefschwarz geschminkten Gesichtern, und das bringt Streit. „Rassismus!“, schimpfen die einen. „Tradition!“, rufen die anderen.

          Am Wochenende ist es so weit, viele Orte im Land bereiten sich auf das Spektakel vor. Ein Ort ist stets ausgewählt, die zentrale Feier abzuhalten, den „landesweiten Einzug“. Dieses Jahr ist das Maassluis, westlich der Metropole Rotterdam. Dort werden sie am Samstag auf dem Dampfboot anschippern: der „Sint“ und seine Assistenten, die Schwarzen Peter, die „Zwarte Pieten“. Das Fernsehen überträgt live, ein „Sinterklaas-Journal“ wird ausgestrahlt.

          Amsterdam erwartet Süßes

          Am Tag drauf feiert die Hauptstadt Amsterdam – auch dies immer ein prächtiges Fest, sogar das größte von allen. Erwartet werden: ein Nikolaus, 600 tanzende und winkende Zwarte Pieten, 4000 Kilogramm Schokoladenstücke und andere Naschereien fürs Volk, 350.000 Kinder und Erwachsene.

          Der Einzug ist der Auftakt zur Festsaison. Sints und Zwarte Pieten ziehen dann durch Schulen und Kindergärten und verteilen noch mehr Süßes, Spekulatius und Pfeffernüsse. Zu Hause tun Kinder gut daran, ihre Schuhe herauszustellen. Denn die Legende will, dass der Nikolaus öfters über die Dächer reitet. Ein Schwarzer Peter kriecht durch den Schornstein und hinterlegt Geschenke. Erst hatte der Sint nur einen Helfer an seiner Seite, im Laufe der Zeit wurden es viele.

          Die Spannung steigt bis zum Vorabend des Nikolaustages, bis zum 5. Dezember. Dem Abend der Päckchen, „pakjesavond“. An jenem Tag glänzen Kinderaugen noch einmal richtig auf, er ist das niederländische Pendant des deutschen Heiligen Abends – für manche der Höhepunkt des Jahres und wichtiger als das Weihnachtsfest.

          Es ist eine jahrhundertealte Tradition, aber in die fröhliche Stimmung mischt sich seit Jahren üble Laune. Der Sint ist von allen gern gesehen – aber wie seine schwarzen Helfer auftreten, erregt Unmut. Sie albern und juxen in ihren bunten Kostümen, mit ihren Afroperücken, den dicken und rotgefärbten Lippen, mit goldenen Ohrringen gar. Das degradiere sie zu dümmlich dahertanzenden Dienern des Sinterklaas, sagen Kritiker, es sei rassistisch und beleidige dunkelhäutige Menschen. Der Brauch erinnere an düstere Zeiten: Die Niederlande kauften einst in Westafrika Sklaven, verschifften sie in erbärmlicher Enge in die Karibik-Kolonien und beuteten sie dort aus.

          Auch die Vereinten Nationen haben sich schon eingemischt. Der UN-Ausschuss für die Beseitigung der Rassendiskriminierung mahnte voriges Jahr, die Regierung in Den Haag müsse etwas tun. Er beklagte „negative Stereotype von Menschen afrikanischer Abstammung“. Tatsächlich fühlt sich manch farbiger Niederländer gekränkt, das ist auch abseits der offiziellen Empörung zu hören. Ministerpräsident Mark Rutte ließ die UN-Kritik abperlen. „Der Zwarte Piet ist keine Staatsangelegenheit.“

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