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Rap-Sänger Emicida : „Der Tod eines Armen schockiert in Brasilien keinen“

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Leandro Roque de Oliveira, 27, alias Emicida Bild: Imprensa Emicida

Unter dem Namen Emicida ist Leandro Roque de Oliveira in Brasilien bekannt. Ein Star ist der Rapper vor allem für die Jugend in den Favelas von São Paulo. Ein Gespräch über den Aufstand der Mittelschicht, alltägliche Polizeigewalt und Hunger.

          Emicida, in Ihrem Lied „Triunfo“ rappen Sie: „Und wenn die Mehrheit von uns Krawall machen würde? Dann stünde der verdammte Kongress schon lange in Flammen.“ Nun ziehen Hunderttausende durch die Straßen Brasiliens. Wird der Kongress in Flammen aufgehen?

          Nein, ich glaube nicht. Die Menschenmassen auf den Straßen repräsentieren eine große Unzufriedenheit. Sie kämpfen für ihre Rechte, das ist eine gute Sache. Am Anfang stand die Forderung, die Erhöhung der Fahrpreise für die Busse zurückzunehmen. Das ist passiert, ein großer Erfolg. Jetzt müssen wir aber aufpassen, wohin all diese Wut und all diese Energie führen. Ich habe leider den Eindruck, dass das ins Vage abgleitet.

          Die Mehrheit der Demonstranten stammt aus der Mittelschicht. Weshalb ist gerade sie so unzufrieden?

          Da gibt es Studenten, die unser Land ändern wollen. Die Bewegung „Passe Livre“ hat die Proteste organisiert, um für einen besseren und bezahlbaren Busverkehr fürs Volk zu kämpfen. Das ist unglaublich bereichernd. Es sind aber auch viele auf der Straße, die einfach generell gegen die Regierung der Arbeiterpartei sind. Wir sind im Vorwahlkampf, es geht darum, die Regierung ins Wanken zu bringen. Natürlich gibt es Tausend Dinge, die besser gemacht werden können. Aber viele Forderungen sind nebulös; ein Beispiel ist das „Gegen Korruption“.

          Was ist daran falsch?

          Der Kampf gegen Korruption ist wichtig, ok. Er muss aber in allen Instanzen geschehen, auch im Alltag der Menschen. Dafür müssen sie akzeptieren, dass sie eine Strafe zahlen, wenn sie zu schnell fahren. Dass sie ins Gefängnis kommen, wenn sie besoffen Auto fahren. Dass auch der Sohn eines Reichen in den Knast muss, wenn er einen armen Arbeiter überfährt. Aber da schaut die brasilianische Gesellschaft weg. Für sie ist es nur Korruption, wenn ein Politiker Millionen veruntreut. Das allgemeine Thema Korruption wird von vielen vorgeschoben, um andere, extrem konservative Forderungen zu überdecken.

          Sie sind in den Armenvierteln São Paulos aufgewachsen. Der Titel ihres ersten Mixtapes lautet: „Für einen, der einmal einen Hund wegen Essen gebissen hat, hab’ ich es weit gebracht...“

          Das ist eine wahre Geschichte. Ich bin in einer extrem armen Umgebung aufgewachsen. Meine Mutter hat als Hausangestellte gearbeitet. Wir Kinder sind daheim geblieben, zum Essen hatten wir oft nur zwei Brötchen. Die haben wir, vier Geschwister, geteilt. Eines Tages hat meine Hündin Aphrodite mein Stück geschnappt und aufgefressen. Aus Verzweiflung habe ich sie gebissen. Im Lauf der Zeit ist das dann ein Witz geworden. Aber eigentlich war es ziemlich traurig.

          Als erfolgreicher Musiker haben Sie den Aufstieg geschafft. Und auch in Ihrem Land hat sich im vergangenen Jahrzehnt viel getan; allein 40 Millionen Brasilianer haben die Armut hinter sich gelassen. Wie hat das den Alltag der Jugend in den Favelas verändert?

          Das wichtigste, was Lula, der vorherige Präsident, für das brasilianische Volk erreicht hat, ist vielleicht die Tatsache, dass er überhaupt so weit gekommen ist. In Brasilien hat sich lange der Gedanke festgesetzt, dass die unten immer unten bleiben. Als aber Lula, ein Arbeiter, Präsident wurde, haben die Menschen gemerkt: Ja, wir können etwas erreichen.

          Was sich außerdem in den vergangenen zehn Jahren geändert hat: Die Universität ist ein Thema für die Jugendlichen in der Favela geworden. Als ich 17 war, war die Universität etwas für Reiche, für Playboys. Heute ändert sich das, heute kommt das auch fürs Volk in Frage.

          Polizisten bewachen den Kongress in Brasília.

          Ein Grund für das plötzliche Anwachsen der Protestbewegung war auch die Polizei in São Paulo, die mit Gummigeschossen und Tränengasgranaten auf die Demonstranten losgegangen ist. Hat Sie diese Brutalität überrascht?

          Nein, überhaupt nicht. Ich kenne die Polizei in São Paulo seit meiner Kindheit. Ich habe davon geträumt, Polizist zu werden, bin mit Helden wie 007 aufgewachsen. Und als ich acht war, habe ich zum ersten Mal von einem Polizisten eine runtergehauen bekommen. Auf den Straßen, in den Favelas ist die Polizei immer gewalttätig. Überraschend war jetzt nur, dass sie auch die Mittelklasse schlägt. Deshalb diese Aufregung: Oh, wie brutal ist die brasilianische Polizei!

          Aber wir reden hier von Gummikugeln. Vor einigen Wochen ging es um echte Kugeln, da hat die Polizei einen Indio erschossen. Anfang des Jahres sind in São Paulo mehr als hundert Jugendliche getötet worden, die meisten von ihnen Schwarze. Es gab Videos, die zeigen, dass Polizisten diese Morde begangen oder zumindest geschehen lassen haben. Das hat nicht Tausende Demonstranten auf die Straßen getrieben. Der Tod eines Armen schockiert in Brasilien keinen.

          Die Drogenbanden in den Favelas, die enorme Kriminalität und Brutalität sind ebenfalls große Probleme.

          Das sind alles Folgen des größten Problems, das Brasilien hat: Rassismus und Ausgrenzung. Wenn du das nicht an der Wurzel anpackst, wird die soziale Ungleichheit nie abnehmen; und dann wird sich auch an der Kriminalität nichts ändern. Es wird viel in Mauern, in Gefängnisse, in die öffentliche Sicherheit investiert, aber das verbessert nichts.

          „Der Gigant ist aufgewacht“ ist einer der Slogans bei den Protesten. Warum gerade jetzt, während des Confederations Cups, vor der Weltmeisterschaft?

          Für die neuen Stadien sind, ich weiß nicht genau wie viele, Milliarden ausgegeben worden. Manche fordern jetzt, dass die WM in Brasilien abgesagt wird. Das finde ich nicht sehr intelligent, das Geld ist ja schon weg. Wir müssen jetzt die Politik unter Druck setzen, ihre Ausgaben richtig einzusetzen. Dafür brauchen wir klare Forderungen.

          Werden Sie zur WM ins Stadion gehen?

          Ich geh eigentlich nie ins Stadion.

          Sie mögen keinen Fußball?

          Doch klar, ich liebe Fußball. Ich bin Brasilianer, ich liebe es, die Seleção spielen zu sehen. Der Hammer.

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