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Rammstein im Interview : „Wir wollen Ärger“

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Sie haben beide in der DDR-Punkband Feeling B gespielt. Jetzt ist der Fall der Mauer zwanzig Jahre her. Wehmut?

Landers: Flake schon. Der ist so eine Ostpocke.

Lorenz: Ich habe keine Ostalgie. Ich finde nur den Westen scheiße.

Was wünschen Sie sich zurück?

Lorenz: So gesehen, alles. Ich spreche allerdings nur für mich.

Landers: Wir sind nicht typisch. Anders als die meisten fanden wir den Osten lustig. Der Sänger von Feeling B betrachtete die DDR mit der Weisheit des Weitgereisten und hat es geschafft, uns diesen Blick zu vermitteln.

Lorenz: Die DDR war wie ein Spielzeugland. Es gab eine Stones-Nachspielband, die wurde behandelt wie die echten Stones im Westen. Das hatte mit der echten Welt nichts zu tun.

Landers: Verstehen Sie uns nicht falsch. Viele haben gelitten oder wurden ins Gefängnis gesteckt. Aber wir wurden nicht verfolgt, wir tanzten auf einer Welle. Wir haben vom Osten das Beste abgeschöpft. Ich erzähle mal ein Beispiel: Wir steigen in einen Zug, weil wir an die Ostsee wollen, haben aber keinen Pfennig Geld dabei. Dafür eine kleine, mit Samt ausgelegte Kiste, ein ehemaliges Schachspiel. Versilberten Kupferdraht, eine Zange und buntgefärbte Blättchen. Daraus haben wir im Zug Ohrringe gebastelt, und bevor der Schaffner auch nur bei uns war, hatten wir schon mehr Geld verdient, als die Fahrkarte kostete. Die Leute standen Schlange. Das war für uns der Osten.

Ist das nicht heute noch ähnlich?

Lorenz: Ich hatte auch ein Grundverständnis für den Osten. Wenn auf einem Schild stand „volkseigenes Korn“ bin ich nicht über das Feld gelaufen. Das habe ich akzeptiert, das fand ich gut. Ich habe mich für die große Sache mitverantwortlich gefühlt. Sogar als Punk. Wir haben alten Frauen einen Sitz in der Straßenbahn angeboten und Kinderwagen getragen. Das war ein sinnvolles Dasein.

Dieser Sinn fehlt Ihnen heute?

Lorenz: Ja. Jetzt wird einem das Geld wie ein neuer Gott verkauft.

Aber davon haben Sie doch mehr als genug.

Lorenz: So bekämpfe ich das System. Ich nehme denen das Geld weg.

Landers: Stimmt doch gar nicht.

Lorenz: Klingt aber gut.

War Rammstein die logische Konsequenz der Wende und dieser Sinnkrise?

Lorenz: Wir mussten ein neues Mittel finden, um unsere Ideale zu vertreten. Feeling B hat nicht mehr gereicht.

Wieso?

Landers: Feeling B war in der DDR am Rande des Erlaubten. Wir haben in einer Grauzone getestet, was man darf und was nicht. Als dann die Grenze aufging, waren wir plötzlich in der Mitte. Und unser Gegner war weg: die da oben. Das war im Osten ja so einfach. Aber irgendwann wussten wir auch im Westen wieder, was sich schickt und was nicht. Das ist unsere Bestimmung: An den Grenzen des guten Geschmacks herumfummeln und die Leute nerven.

Wogegen ist Rammstein denn jetzt?

Lorenz: Ich finde Menschen generell nicht gut. Ich rege mich auf über diese Leute im Prenzlauer Berg, die mit Kopfhörer ihren „Kaffee Togo“ bestellen. Wenn die nicht einmal die Höflichkeit haben, den Stöpsel rauszuziehen, wenn sie mit der Kellnerin sprechen, werde ich aggressiv.

Landers: Ich kriege wegen dieser Feigheit einen Hals. Die Deutschen ducken sich aus Angst, den Job zu verlieren oder den Chef zu verärgern. Das ist vorauseilende Selbstzensur, die viele gute Sachen verhindert. Die Leute schlängeln sich durch und wollen so wenig wie möglich anecken. Das nervt mich kolossal. Wir versuchen genau das Gegenteil.

Schock-Rock aus Ost-Berlin

Ein Band-Name, der auf eine Flugzeugkatastophe zurückgeht, Texte über Inzest, Vergewaltigung, Sadomaso-Sex und Kannibalismus, dazu brachialer Metal-Rock, Deutschtümelei und bisweilen gefährlich viel Feuer auf der Bühne: Damit ist Rammstein die im Ausland erfolgreichste deutsche Band der Gegenwart. In der Heimat jedoch sind die bösen Buben so beliebt wie umstritten, obwohl ihnen inzwischen keine rechtsextremistischen Tendenzen mehr unterstellt werden. Erwartungsgemäß ist auch ihr sechstes Studioalbum „Liebe ist für alle da“ (Universal), das von Freitag an im Handel ist, eine düstere Orgie über Sex und Gewalt. Ende November geht die Band auf Tour.

Und dann das: ein Treffen im „Pratergarten“, wo Touristen und Prenzlberger einträchtig die Sommernächte unter Kastanien verbringen und im Winter Klöße essen. Das „Rammstein“Universum, die Dachetage über dem Knaack-Club mit Management, Merchandising und Studio, liegt nicht weit von hier. Christian „Flake“ Lorenz, 1966 im Bezirk geboren, Keyboard, kommt mit dem Fahrrad. Paul Landers, Ost-Berliner, Jahrgang 1964, Gitarre, zu Fuß. Beide tragen Schwarz. Landers (Silberketten und Totenkopfring) lacht viel und ist bezaubernd freundlich. Lorenz (knittriges Jackett) hört seit einer Mumpserkrankung schlechter und sagt, er brauche immer Zeit zum Warmwerden. Deshalb bestellt er eine Menge Bier. Keiner der Gäste erkennt sie. Nur selten, so Lorenz, müsse er sich auf dem Bauernmarkt wegducken.

Beide Musiker haben in der DDR in der Punkband „Feeling B“ gespielt, lange Zeit in besetzten Wohnungen zusammengelebt und 1994 mit Till Lindemann (Gesang), Richard Kruspe (Gitarre), Oliver Riedel (Bass) und Christoph Schneider (Schlagzeug) die Band gegründet, die sie reich gemacht hat. Schulkarriere? Irgendwo vorm Abitur zu Ende. Ausbildung? Nicht wichtig. Beide haben Familie. Landers' Achtjährige fragt gelegentlich, warum Flake etwa auf der Bühne im Kochtopf steckt. Dann sagt Papa, sie fänden das halt gut. sha.

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