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Ralph Siegel zum Siebzigsten : Kein bisschen Frieden

Er macht einfach weiter: Ralph Siegel in seinem Münchner Haus, in dem er auch sein Studio hat. Bild: Andreas Müller

Das Glück scheint Ralph Siegel schon länger verlassen zu haben, mittlerweile füllt er eher die Klatschspalten als die Charts. Doch die Hoffnung auf neue Erfolge hat er noch nicht verloren. Ein Besuch.

          Auch Conchita Wurst war bei Ralph Siegel. Thomas Neuwirth, der Mann hinter der bärtigen Frau, war im Herbst 2013 auf der Suche nach dem perfekten Grand-Prix-Song. Und so verbrachte der deutsche Komponist einen „wunderbaren Abend“ mit Conchita Wurst in München. Sie sei begeistert von seinem Lied gewesen, berichtet Siegel, und habe „Maybe“ am nächsten Tag mit zurück nach Wien genommen. Doch aus dem Vielleicht wurde nichts: Conchita Wurst sang im Mai 2014 in Kopenhagen die Bombast-Nummer „Rise Like A Phoenix“ und gewann damit für Österreich den Eurovision Song Contest (ESC). Valentina Monetta wiederum trat mit der ursprünglich tatsächlich auch für sie geschriebenen Ballade „Maybe“ von Ralph Siegel und Mauro Balestri an und landete abgeschlagen auf Platz 24. Für Monettas Heimatland San Marino war es dennoch ein Erfolg: Erstmals stand die kleine Republik überhaupt in einem Grand-Prix-Finale.

          Peter-Philipp Schmitt

          Redakteur im Ressort „Deutschland und die Welt“.

          Ralph Siegel komponiert am liebsten für Künstler, die auch bei ihm unter Vertrag stehen. Manchmal, wie im Fall von „Maybe“, scheint ein Lied dann auch zu einem anderen Sänger zu passen - in diesem Fall glaubte Siegel, es wäre der Song für Conchita Wurst. „Ich war sicher, dass sie damit den ESC gewinnen konnte. Aber es kam eben anders.“ Damit meint er, dass für Conchita ein vier Jahre altes Lied, geschrieben unter anderen von Alexander Zuckowski, dem Sohn des Kinderlieder-Komponisten Rolf Zuckowski, aus der Schublade gezogen wurde. Ohne Groll spricht Siegel davon, nennt es ein genial produziertes Lied und sagt, dass Conchita eine sensationelle Show geboten habe. „Sie hat zu Recht mit dem Song à la Shirley Bassey gewonnen.

          Es mag manchen erstaunen, aber Ralph Siegel, der am Mittwoch 70 Jahre alt wird, ist kein verbitterter alter Mann. Dabei scheint das Glück ihn schon länger verlassen zu haben. Einen Nummer-eins-Hit hat er seit Jahren nicht geschrieben, die letzten Goldenen Schallplatten bekam er als Produzent von Andrea Bergs Best-of-Album, das vor 14 Jahren erschienen ist. Die Schlagersängerin aus Krefeld verließ ihn, als die beiden endlich große Erfolge miteinander feiern konnten. Siegels kleine Firma Jupiter-Records konnte sie einfach nicht mehr bezahlen. Das war 2003.

          Produzent Ralph Siegel  (links) und Texter Bernd Meinung empfangen Nicole am 27. April 1982 in München. Zuvor hatte die Sängerin mit „Ein bisschen Frieden“ in Harrogate den „Grand Prix Eurovision de la Chanson“ gewonnen. Danach musste Deutschland lange auf den Titel warten - bis im Jahr 2010 Lena kam. Bilderstrecke

          Es war auch das Jahr, in dem „Mr. Grand Prix“ das letzte Mal für Deutschland beim ESC an den Start ging - mit der rothaarigen Gute-Laune-Sängerin Lou, die er im Käfer-Zelt auf dem Oktoberfest entdeckt hatte. Für die stets fröhliche Marie-Luise Hoffner schrieb er gemeinsam mit seinem kongenialen Texter Bernd Meinunger „Let’s Get Happy“. Das Lied setzte sich überraschend schon im Vorentscheid durch. 2003 hatten mehrere Zeitungen, darunter die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung und auch die „Bild“-Zeitung, eigene Kandidaten ins ESC-Rennen geschickt und für ihre Künstler geworben. Am Ende aber war es wieder „der Siegel“, der zum Finale fuhr und in Riga auf den zwölften Platz kam. Lou, die für Deutschland musikalisch alles gegeben hatte, galt trotzdem als Verliererin und musste hämische Kommentare einstecken. „Mancher“, sagt Siegel, „wäre heutzutage froh über einen zwölften Platz.“

          Warum er sich das antut? „Es hält mich am Leben“

          Ralph Siegel merkt man die vielen Jahre der Enttäuschungen an. Dass Deutschland ihn offenbar nicht mehr haben will, schmerzt ihn. Und trotzdem komponiert er Jahr für Jahr Grand-Prix-Lieder auch für sein Heimatland. Lena hat er seine Songs so vergeblich angeboten wie anderen Sängern, die der NDR mal mit Stefan Raab, mal ohne den vermeintlichen ESC-Heilsbringer zu den jeweiligen Endrunden schickte. So trat er in den vergangenen Jahren für Malta, die Schweiz und San Marino im Finale an.

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