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Ralph Siegel zum Siebzigsten : Kein bisschen Frieden

Lena Valaitis gewann damals ganz knapp nicht, weil, wie Siegel meint, ausgerechnet unsere Nachbarn aus der Schweiz als Einzige Deutschland keinen Punkt gaben. Am Ende fehlten vier Punkte, was ihn noch immer ein wenig ärgert. „Andererseits hätte es sonst ein Jahr später Nicole und ,Ein bisschen Frieden‘ wohl nicht gegeben“, meint er und lacht schon wieder. Siegel profitierte stets in mehrfacher Hinsicht vom Grand Prix: Auch 1980 und 1981 hatte er frühzeitig die Rechte an den Siegertiteln erworben - Johnny Logans „What’s Another Year?“ und Bucks Fizz’ „Making Your Mind Up“.

Ralf Siegel füllt mittlerweile eher die Klatschspalten als die Charts

Einmal Platz eins, dreimal Platz zwei, zweimal Platz drei: Das Kunststück vollbrachte nur einer. Zuletzt gelang Siegel ein dritter Platz im Jahr 1999 mit der von ihm zusammengestellten Gruppe Sürpriz und dem Lied „Reise nach Jerusalem“. Kaum jemand erinnert sich noch daran, nur wenige feierten Siegel dafür, während Stefan Raab mit seiner Guildo-Horn-Nummer „Guildo hat euch lieb!“ im Jahr zuvor und Raab selbst mit „Wadde hadde dudde da?“ ein Jahr danach fast Heldenstatus erlangten. „Dabei kamen die beiden nur auf Platz sieben und Platz fünf“, sagt Siegel und zeigt wieder seine verletzte Seite.

So ist es ruhig um den Komponisten geworden. Ralph Siegel hat zuletzt eher die Klatschspalten als die Charts gefüllt. Dass er kaum noch Platten verkauft, hat mehrere Gründe: Zum einen werden heute viel weniger Platten gekauft, zum anderen setzt Siegel - außer beim ESC - ganz auf deutsche Texte zu seiner Musik. Das Aberwitzige daran: Je beliebter die deutsche Sprache unter deutschen Künstlern und beim deutschen Publikum wird (in diesem Sommer fanden sich fast nur deutsche Lieder an der Spitze der Charts), desto weniger Lieder auf Deutsch werden im Radio gespielt - zumindest wenn es um Schlagermusik geht. „Helene Fischer füllt das Berliner Olympiastadion mit 62.000 Besuchern, die Programmmacher ignorieren sie aber trotzdem weitgehend.“

Auch eine seiner Künstlerinnen, die zu den erfolgreichen Volksmusikern wie Stefan Mross, Marianne und Michael oder Die Klostertaler gehört, für die Siegel seit den Neunzigern komponierte, bekam zuletzt eine klare Absage vom vermeintlichen Haussender des Genres: Künstler wie sie fänden im Bayerischen Rundfunk (BR) nicht mehr statt, zitiert er aus einem Brief des BR an Angela Wiedl in seiner vor wenigen Tagen erschienenen Autobiographie. Fast alle öffentlich-rechtlichen Sender hätten in den vergangenen Jahren ihre Programme umgestellt und setzten fast ganz aufs Englische. Kein Wunder, meint Siegel, dass allein mehr als 60 Prozent der Gema-Gebühren nach Amerika flössen und es Tausenden deutschen Musikern, Textern und Komponisten schlechtgehe. „Wenn ich heute Dschinghis Khan machen würde, hätte ich keinen Sender, der es spielt.“

Auch Siegel spürt den Wandel. Seine Firma hatte einst 120 Mitarbeiter, heute sind es noch fünf. Doch er hat trotzdem ständig neue Projekte. Gerade erst hat er „die Stimme von morgen“ gesucht und drei vielversprechende Talente über „Siegel sucht den Ufa-Star“ gefunden: Daniel Mazzola, Maurice Zappe und vor allem Julia Kollat, mit der er das erste Album produziert. Und endlich wurde auch ein Musical von ihm uraufgeführt, „Johnny Blue“ in Brünn. Davon träumte er schon, seit er 1964 Barbra Streisand in „Funny Girl“ am Broadway gesehen und in Nashville seinen ersten Hit komponiert hatte.

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