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Ralph Siegel zum Siebzigsten : Kein bisschen Frieden

Warum er sich das überhaupt noch antut? „Es hält mich am Leben.“ Das meint er durchaus ernst, denn 2007 war er so schwer an Krebs erkrankt, dass ihm seine Ärzte nur noch wenige Monate gaben. Seit er den Tod überwunden hat, stürzt er sich noch mehr ins Komponieren. „Ich arbeite wie früher 16 bis 18 Stunden am Tag.“ Er kann nicht anders. Jetzt, im September kurz vor seinem Geburtstag, scheint er allerdings ziemlich hoffnungslos. Sonst steckte er zu dieser Jahreszeit tief in der Planung seines nächsten Grand-Prix-Auftritts. Nun aber sieht es so aus, als ob der nächste ESC in Stockholm tatsächlich ganz ohne ihn stattfindet und er nicht einmal bei irgendeinem Vorentscheid in irgendeinem Land dabei ist. Es wäre das erste Mal seit 1974, als er mit Ireen Sheer („Bye, Bye I Love You“) für Luxemburg antrat und auf Platz vier landete, dass Siegel nicht an dem Wettbewerb teilnimmt, bei dem er es bislang 20 Mal ins Finale schaffte und den er 1982 mit Bernd Meinunger und Nicole („Ein bisschen Frieden“) gewann.

Ideen hat er genug. Und es gibt genügend Nachschub: Hunderte, wenn nicht Tausende Textschnipsel stapeln sich in bunten Pappschachteln auf seinem Flügel. An den setzt sich Siegel meist erst, wenn er die eine Zeile im Kopf hat: „Du kannst nicht immer siebzehn sein“ (Chris Roberts, 1974) zum Beispiel oder „Dsching, Dsching, Dschinghis Khan“ (Dschinghis Khan, 1979). Nicht zu vergessen „Fiesta Mexicana“ (Rex Gildo, 1972): Das Lied wäre ohne Siegels „Hossa! Hossa!“ sicher nicht zum Schlagerklassiker geworden. Den Feinschliff übernehmen später Texter wie Bernd Meinunger oder Michael Kunze.

Die Musik liegt in der Familie

Ralph Siegel ist Münchner durch und durch. Seit 20 Jahren lebt er in einer Villa in Solln im Süden der Stadt. Auf der anderen Seite des Grundstücks liegt schon Pullach. Siegel ist derzeit frauenlos, seine dritte Ehefrau trennte sich vor einem Jahr von ihm. Dafür raucht er wieder. Nicht die fünf Schachteln am Tag wie früher, aber der blaue Versace-Aschenbecher mit Medusenkopf in der Mitte ist trotzdem sein ständiger Begleiter. An den Wänden seines Arbeitszimmers hängen Fotos mit dankbaren Widmungen, geschrieben von seinen deutschen Stars wie Nicole, Katja Ebstein, Udo Jürgens, Peter Alexander, aber auch von Harry Belafonte, Elvis Presley und Frank Sinatra. In einer Vitrine stehen seine wichtigsten Preise - darunter Bambi, Echo, Bayerischer Verdienst- und Pfälzer Saumagen-Orden.

Zu den Erinnerungsstücken gehören auch zehn Gitarren - darunter eine Dobro. Die habe er sich damals aus Nashville mitgebracht. In die Musikstadt hatte ihn sein Vater 1964 geschickt, wo er im Verlag Acuff Rose mitarbeitete und wichtige Kontakte für das väterliche Unternehmen knüpfte. So konnte Siegel Junior später unter anderen auch Größen wie Dolly Parton oder Bruce Springsteen unter Vertrag nehmen. Die vom Vater 1948 gegründeten Ralph-Maria-Siegel-Musik-Verlage übernahm der Sohn nach dessen Tod 1971. Ralph Maria Siegel war selbst ein berühmter Komponist („Die Capri-Fischer“, „Ich hab’ noch einen Koffer in Berlin“), genauso wie schon der Großvater Rudolf Siegel, ein Schüler von Engelbert Humperdinck; die Mutter Ingeborg Döderlein, genannt „Sternchen“, war eine bekannte Operettensängerin.

In Nashville schrieb der Sohn als neunzehnjähriger Volontär seinen ersten Hit: „It’s A Long Long Way To Georgia“, gesungen von Don Gibson, kletterte in den amerikanischen Country-Charts bis auf Platz acht und blieb wochenlang in den Top Ten. Auch in Deutschland erschien die Komposition: „Wenn die Rosen blühn in Georgia“ sang der damals unbekannte Gunter Gabriel. Für Siegel war es der Beginn einer „Goldenen Ära“, die bis in die neunziger Jahre andauerte. Er traf den Ton der Zeit und vor allem auch den Geschmack der Juroren beim Grand Prix. Obwohl die Beiträge zum deutschen Vorentscheid anonym eingereicht werden mussten und teilweise mehr als 800 Lieder zusammenkamen, ging am Ende immer derselbe Komponist als Gewinner hervor. Der Grand Prix schien vielen wie „versiegelt“, zugleich war Deutschland nie erfolgreicher beim Song Contest: Dschinghis Khan landete 1979 auf Platz vier, Katja Ebstein mit „Theater“ 1980 auf Platz zwei genauso wie Lena Valaitis 1981 mit „Johnny Blue“.

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