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Von Dickens bis Voldemort : Einen Moment bitte, Mr. Fiennes

Breites Oeuvre an Genres und Figuren: Fiennes im Juli beim Filmfest München. Bild: EPA

Über Einsamkeit, Beifall, den Plattenspieler der Mutter und gutartigen Neid: ein Treffen mit dem englischen Schauspieler, der von Charles Dickens bis Lord Voldemort unterschiedliche Rollen verkörpert wie kaum ein anderer.

          8 Min.

          Als Ralph Fiennes zum Interview erscheint, hält er den Blick gesenkt. Man kennt das; auf diese Art pflegen Prominente, denen der Auflauf zu viel ist, durch Menschenmengen zu gehen. Doch eine solche gibt es hier jetzt gar nicht, an diesem Sommertag, dessen Hitze durch die dicken Mauern dieses Münchener Nobelhotels nur unzureichend draußen gehalten wird; vor der Konferenz-Suite, wo die Interviews stattfinden sollen, wird nicht mal eine Handvoll Journalisten Zeugen der Ankunft des britischen Schauspielers. Aber der vorenthaltene Blick, denke ich da, passt zu der Zurückhaltung und Scheu, die Fiennes privat nachgesagt werden. Später, als ich nach einer originelleren Erklärung suche, fällt mir ein: Vielleicht muss er mit der Intensität dieses Blicks, den er schon vielen Gestalten auf Bühne und Leinwand geliehen hat, haushalten. Doch das hieße natürlich, den Mann hemmungslos zu romantisieren.

          Bertram Eisenhauer

          Verantwortlich für das Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Andererseits, Ralph Fiennes zu romantisieren ist eine lässliche Sünde, zumal wenn man eine gewisse Disposition mitbringt. Sein Oeuvre ist erstaunlich weit gespannt, sowohl was die Genres als auch die Figuren betrifft; tatsächlich war er nach München gekommen, um einen Preis für sein Lebenswerk entgegenzunehmen – mit gerade mal 56. International zum ersten Mal auffällig wurde er 1993 als KZ-Kommandant Amon Göth in „Schindlers Liste“; Millionen Zuschauer kennen ihn als den James-Bond-Gehilfen „M“ sowie, hinter Schichten von Make-up und Spezialeffekten hervorblickend, als den Schurken Lord Voldemort aus mehreren Harry-Potter-Filmen. Beängstigend war er als Kannibale in „Red Dragon“, überraschend komisch in „Grand Budapest Hotel“.

          Am Theater, in dem er nach einem kurzen Flirt mit der Malerei seine Karriere begann, ist die Liste seiner Rollen länger als die von Boris Johnsons politische Pleiten: In einer Produktion des „Lear“ spielte er die Rolle des jungen Edmund, in einer anderen, Jahre später, den alten Titelhelden; für seinen „Hamlet“, 1995 aus London an den Broadway verpflanzt, erhielt er einen Tony. Sogar an einer romantic comedy hat er sich versucht, in „Manhattan Love Story“, sah aber den ganzen Film hindurch aus, als habe er sich an seinem Text den Magen verdorben. (Oder war es Partnerin und love interest Jennifer Lopez?)

          Doch bei aller breiten Großartigkeit seiner künstlerischen Unternehmungen gibt es da so etwas wie die Ralph-Fiennes-Figur, für die er in besonderem Maße wie geschaffen scheint, ohne darauf festgelegt zu sein (ein Schicksal, das gerade viele seiner Kolleginnen kennen). „Ich kann schon auch glücklich spielen“, sagte er einem Journalisten des „Guardian“. Dem Publikum am meisten im Gedächtnis bleiben aber jene seiner Charaktere, deren Fiebrigkeit dicht unter der Oberfläche ist, sich direkt aber nur selten zeigt: der verlassene Liebhaber in „Das Ende einer Affäre“, der gegen Gott den Kürzeren zieht; drei Männer aufeinanderfolgender Generationen einer Familie in dem berührenden, unterschätzten Drama „Ein Hauch von Sonnenschein“; der Diplomat in „Der ewige Gärtner“, der den gewaltsamen Tod seiner Frau recherchiert. „Verlust“, schrieb der „Guardian“-Kollege. „Ah ja, den Verlust kann Ralph Fiennes spielen.“

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