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Protest gegen Neonazis : Wir sind der Stachel

Ralf Bender (vorn) und sein Zwillingsbruder Reiner in ihrem Wohnzimmer Bild: Kaufhold, Marcus

Zwei Brüder, eine Überzeugung, eine Tat: Weil Ralf und Reiner Bender was gegen Neonazis haben, kratzen sie regelmäßig deren Aufkleber ab. Jetzt haben sie auch mal Hakenkreuze übersprüht. Und deswegen steht Ralf nun vor Gericht.

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          Ralf und Reiner Bender, beide 52, aus Runkel-Wirbelau, sind eineiige Zwillinge. Früher sahen sie sich so ähnlich, dass sie sich auf Fotos selbst nicht unterscheiden konnten. Dann wurden sie größer, wurden gute Fußballer, aber wenn nach dem Spiel getrunken wurde, wenn Ausländerwitze gemacht wurden, dann gingen sie. „Wir waren hier in Runkel schon immer Außenseiter“, sagt Ralf Bender.

          Katrin Hummel

          Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Die Zwillinge studierten auch das Gleiche, Sozialpädagogik und danach noch Pädagogik, sie arbeiten heute beide als Sozialpädagogen an zwei verschiedenen Schulen, sie wohnen beide noch in ihrem Elternhaus, ganz unverändert in den Möbeln der Eltern, und sie haben beide keine Frau und keine Kinder. Wenn Reiner nicht vor dreizehn Jahren einen Unfall gehabt hätte und seitdem im Rollstuhl säße - wer weiß, ob man die beiden dann heute unterscheiden könnte.

          Eine Sache wäre da freilich noch. Die Tat. Wegen der Tat steht Ralf jetzt vor Gericht und Reiner nicht. „Einen im Rolli klagt man nicht an“, sagt er, und vielleicht klingt dabei so etwas wie Bedauern in seiner Stimme mit. Denn dass er ein Täter im Geiste ist, daran lässt sich nicht rütteln. Nur sein Körper hinderte ihn daran, die Tat auch zu tun.

          Ende März 2013 war es, als Ralf und Reiner Bender ein Fax an die Stadt Limburg schickten, in dem sie darum baten, dass die Stadt jene „widerlichen Symbole und Aufschriften“ entfernen möge, die Reiner in der Gartenstraße entdeckt hatte: Da gab es Hakenkreuze, da wurde den nationalsozialistischen freien Kräften und der arischen Rasse gehuldigt, Israel wurde des Holocaust an den Palästinensern bezichtigt, Palästinenser wurden auf einem Aufkleber von einem Panzer überfahren. Aber fast drei Wochen später und zwei Tage vor dem Ende der Osterferien waren die Parolen immer noch da. Reiner sagt: „Die Frage war: Gehen wir selbst hin und machen die weg, oder lassen wir die Schüler dran vorbeigehen?“

          Einer inneren Überzeugung folgend

          Er rief Ralf an, Ralf fuhr in den Baumarkt, kaufte eine Spraydose und fuhr dann zu Reiner, um die Tat am helllichten Nachmittag zu begehen: Er übersprühte drei aufgesprühte Hakenkreuze, die sich an Lichtmasten und Verkehrsschildern befanden, und kratzte ein Dutzend Aufkleber ab. Reiner saß derweil im Auto und überwachte das Geschehen, denn „ideologisch stehen wir auf einem Bein, und zwar auf einem sozialdemokratischen“.

          Es gab Zustimmung von Passanten, aber als es schon dämmerte, rief ein Mann: „Was machen Sie da?“. Ralf rief zurück: „Das, was Sie schon längst hätten machen sollen.“ Also fuhr der Mann zur Polizei. Kurz darauf kam ein Einsatzwagen ganz langsam die Straße hoch. „Ich hab weitergemacht“ erzählt Ralf. „Da haben sie das Blaulicht angemacht und mich an die Wand gestellt.“ Er hat dann, da an der Wand stehend, die Polizisten gebeten, mal zu gucken, was hinten auf seinem Opel Omega klebt: „Gib Nazis keine Chance“ und „SPD“ und „Gegen Antisemitismus“. Da haben sie sich beruhigt, weil ihnen klar wurde, dass er kein schnöder Sprayer ist, sondern einer inneren Überzeugung folgt.

          Ralf Bender ist Ortsbezirksvorsitzender der SPD in Runkel, auch sein Bruder ist überzeugter Sozialdemokrat. Sie stehen damit in der Familientradition. Der Vater ihrer Großmutter ist abgeholt worden von den Nazis, weil er Sozialdemokrat war. Und ihre Großmutter war angestellt in einem jüdischen Haushalt, und eines Tages war die Hausherrin nicht mehr da. Die Benders sind so erzogen worden, dass Judenhass und Hass auf Minderheiten „niemals hinnehmbar“ ist. Es ist ihre tiefe Überzeugung, dass sie sich dagegen engagieren müssen.

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