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Rainer Langhans wird 80 : Luftgeist mit vollem Haar

Daheim bei Rainer Langhans: Beim modernen Bed-in darf die Begleiterin auch mal durchs Laptop ersetzt werden. Bild: Jan Roeder

Bürgerschreck, Dschungelstar und Prophet: So jung wie er wäre mancher Altachtundsechziger gerne geworden. Dem Kommunarden Rainer Langhans zum Achtzigsten.

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          Nach unseren heutigen Maßstäben sind ja viele von denen, die seit langem und oft despektierlich als Altachtundsechziger bezeichnet wurden, gar nicht besonders alt gewesen. Rudi Dutschke, gezeichnet vom Attentat, durfte nur 39 Jahre leben, Fritz Teufel starb mit 67, Dieter Kunzelmann immerhin wurde 78 Jahre alt. Auch unter den weniger prominenten Vertretern der Bewegung sind manche früh auf der Strecke geblieben, zermürbt vom Kampf gegen die Institutionen, Rauschgiftexperimenten und zusehends verzweifelter Sinnsuche. Von daher ist es durchaus nicht selbstverständlich, dass jemand wie Rainer Langhans jetzt tatsächlich 80 wird.

          Jörg Thomann
          Redakteur im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Andererseits ist es nicht ganz so überraschend, dass gerade Langhans dies gelingt. Als einer der Ersten hatte er sich vom aufreibenden politischen Aktionismus abgewandt und eine Reise in sein Inneres angetreten, die bis heute anhält. Langsamkeit ist für ihn stets eine Tugend gewesen; langsam zu sein, das hat er nach seinen Worten auch den schillernden Schmetterling Uschi Obermaier gelehrt, nachdem sie zu ihm in die Kommune I geflattert war. In dieser legendären Berliner Selbsthilfe- und Selbstquälgruppe waren die Rollen klar verteilt: Kunzelmann war der aggressive Anführer, Teufel der anarchische Clown, Langhans der sanfte, versponnene Grübler. Die Frauen blieben Beiwerk, jedenfalls bis Obermaier kam.

          Selbst Kuscheln findet er gewalttätig

          Das hasserfüllte „Geht doch nach drüben“, das den demonstrierenden Studenten entgegenschallte, musste auf Langhans kurios wirken: Er kam ja von dort. Geboren wurde er in Oschersleben bei Magdeburg, 1953 floh seine Familie in den Westen. Mit Mitte 20 wurde der einstige Internatsschüler und Fähnrich der Reserve entjungfert, Liebeskummer trieb ihn kurz darauf in die Kommune.

          Den einen galten die Kommunarden als Bürgerschrecke, den anderen als Popstars, und keiner wurde so angehimmelt und beneidet wie der abgebrochene Psychologiestudent Langhans. Er hatte die schönsten Haare und die schönste Frau. Erotischer und zugleich unschuldiger haben deutsche Revolutionäre niemals ausgesehen als Langhans und Obermaier auf dem schäbigen Boden der Kommune I sitzend, unten in Jeans, obenrum frei.

          Die Kommunarden 1967 (l-r): Rainer Langhans, Dieter Kunzelmann, Volker Gebbert und Ursula Körber Bilderstrecke
          Rainer Langhans : Bilder aus 80 Jahren

          Als das Paar die Kommune verließ, wurde das kaum minder als Verrat begriffen als John Lennons durch Yoko Ono beförderte Loslösung von den Beatles, wobei die Beatles im Vergleich mit den Kommunarden dann doch die attraktivere Gesellschaft waren. Bald darauf trennten sich auch Langhans und Obermaier, da sie das sinnliche und ihn nurmehr das geistige Leben lockte. Inzwischen, schrieb er im Jahr 2008 in seiner Autobiographie, empfinde er „selbst Kuscheln schon als gewalttätig“.

          Lebensmodell: Harem

          Erwerbsarbeit, wie die meisten Menschen sie begreifen, hat Langhans auch nach Achtundsechzig kaum betrieben; hier mal an einem Film mit Fassbinder mitgewirkt, da mal ein Buch geschrieben, das meist niemand kaufte. Was insofern nicht tragisch ist, als irdischer Besitz in Langhans’ Dasein unbedeutend ist. Von Beruf sei er Sucher, wurde mal über ihn geschrieben, man hat ihn als „Prophet aus Schwabing“ bezeichnet oder, besonders schön, als „freundlichen Luftgeist aus einer fernen Zeit“.

          Als solcher schwebt er durch Schwabing auf einem alten Fahrrad, stets in Weiß gekleidet mit bis heute unverschämt vollem Lockenhaar: Seine Corporate Identity ist ihm wichtig. Dass er 2011 ins Dschungelcamp zog, war keine Selbstverleugnung, sondern konsequent: Dort erblickte er „die Urzelle der Kommune. Eine isolierte, auf Psychodynamik ausgerichtete Situation. Kommune heißt: Wir müssen gut miteinander leben.“

          Ebendies versucht Langhans auch im Privaten. Seit 1974 teilt er sein Leben, nicht aber die Wohnungen, mit erst fünf und heute vier Frauen aus seiner Generation. Dieses Harem genannte Lebensmodell mag bei manchen wieder Neid wecken, obzwar es, wie Langhans selbst es beschreibt, nach harter Arbeit klingt: wenig Körperlichkeit, viel Selbsterforschung und Diskussion. Es scheint aber jung zu halten. Je älter er werde, desto jünger fühle er sich, hat Langhans gerade dem „Spiegel“ erzählt: „Im Moment bin ich vielleicht zwölf.“ Immer jünger werdend, strebe er „auf das Jenseits zu. Aber mir ist schon klar, dass das nicht jeder versteht.“

          Nicht von jedem verstanden zu werden zieht sich durch Rainer Langhans’ Leben – ob als Student oder heute, wenn er etwa Trumps „kindlichem amerikanischen Faschismus“ eine aufklärerische Rolle zuschreibt. Seine bisweilen absonderlichen Ansichten lassen sich verschmerzen, weil Langhans selbst sich gern als „Spinner“ bezeichnet und kein Hass-, sondern überzeugter Liebesprediger ist. Guten Gewissens können wir daher diesem Jungachtundsechziger, der laut Personalausweis seit diesem Freitag 80 ist, recht herzlich zum elften Geburtstag gratulieren.

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