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Raddatz-Interview von 2012 : „Stil braucht Lässigkeit“

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Das ist Unsinn. Gehen Sie mal in die Wohnung von einem der schwulen Friseure oder, was weiß ich, Konditoren, da sitzt allenfalls ein kleiner rosa Teddy auf dem Sofa.

In Ihrem Roman „Wolkentrinker“ kommt der Satz vor: „Alles Dekor, aller stilisierte Schutz war zusammengebrochen.“ In Ihrem Buch „Unruhestifter“ ist von den „Krücken des Schmucks“ die Rede. Ist Stil auch Schutz?

Schauen Sie sich Thomas Mann an: Der hat sich sein ganzes Leben geradezu ein Korsett angezogen, von der Kleidung über die Haltung bis zur Art des Abendessens. Warum? Weil er ein zutiefst verstörter und innerlich unsicherer, fast haltloser Mensch war. Nun bin ich nicht Thomas Mann, leider. Aber wenn Sie mich fragen, ist das bei mir ohne Frage auch so. Wie bei Spalierobst. Spalierobst muss gezogen werden, sonst trägt es keine Früchte. Ich hatte ja ein sehr schwieriges Leben, vor allem eine ganz grauenvolle Kindheit, und ich bin sicher, dass meine zum Teil albernen und affigen Zeremonien damit zu tun haben. Auch meine Kleidung. Kleidung ist ja auch Haut. Und wenn die Haut dünn ist, muss sie geschützt werden. Wenn die Nerven, die Seele dünn, wund, weh sind, schützt sich jeder auf seine Weise. Der eine nimmt Drogen, der andere säuft oder hurt sich zu Tode, was vielleicht die schönste Form des Sterbens ist.

Im „Wolkentrinker“ heißt es auch: „Krankheit war für Bernd stets Versagen gewesen, ohne Disziplin, Grazie.“ Empfinden Sie Krankheit und Alter als stillos?

Krankheit und Alter hat man ja nicht selber im Griff. Da kann man nur versuchen, damit einigermaßen würdig umzugehen. Dazu gehört auch, was ich gelegentlich und gar nicht so heimlich gesagt habe, dass man vielleicht auch das Ende selber bestimmt. Auch das kann Stil haben, und zwar nicht im Sinn der Messerbänkchen, sondern im Sinn von Mut, Würde, Anstand. Damit predige ich nicht, alle Leute sollen sich umbringen, aber ich habe großen Respekt vor denen, die das getan haben. Denken sie an Jean Améry, der im Hotel in Salzburg sogar ein Couvert mit Geld für das Personal hinterlegt hat, mit der Aufschrift: Entschuldigen Sie die Unannehmlichkeiten, die ich Ihnen bereitet habe. Ein Selbstmörder, der kurz darauf tot war. Er war mit einer heimlichen Geliebten dort, die das aber wusste und ihn bis zum Ende begleitet hat. Sie hat zu ihm gesagt: Ich werde dich sehr vermissen, und er zu ihr: Ich dich auch. Ich halte das auch für Stil: vis-à-vis de rien, im Augenblick, wo das Leben zu Ende ist.

Würden Sie von jemandem, den sie abends eingeladen haben und der eine starke Erkältung hat, erwarten, dass er die Einladung absagt, aus Rücksicht auf die Gesundheit des Gastgebers?

Im Gegenteil. Ich würde mich freuen und habe mich gefreut, wie Kempowski nach seinem ersten und zweiten Schlaganfall zu mir kam und ich, immer wieder an den Tisch klopfend, fragte, wie heißt das, weil er das Wort „Tisch“ noch nicht wieder beherrschte. Oder als Rühmkorf schon sehr schwer mit seinem Krebs zu tun hatte. Da bin ich losgesaust und habe ein Kissen geholt, weil er auch diese wahnsinnigen Rückenprobleme hatte. Natürlich wäre es unangenehm, wenn jemand mit einer scheußlich ansteckenden Grippe kommt, und ich muss dann sagen: Mein Gott, morgen liege ich im Bett. Aber wenn jemand im Rollstuhl kommt oder mit der künstlichen Blase wie Rühmkorf und noch öfter aufs Klo rennen muss als ich, dann finde ich: Das gehört doch alles zum Leben und zum Menschsein mit dazu. Hilfe bedeutet auch Stil, dem anderen Menschen sich öffnen.

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