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Raddatz-Interview von 2012 : „Stil braucht Lässigkeit“

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Die, die sich mit großer Mühe stilisieren, sind Affen. Die meinen, wenn sie das oder das anhaben, essen oder das Glas so oder so halten, dann seien sie schon kultivierte Leute. Das sind die Gebrauchtwagenhändler, die sich ihre Initialen aufs Hemd sticken lassen. Zum wirklich großen Stil gehört tatsächlich ein großes Stück Lässigkeit und Nachlässigkeit. Nur wenn man diese Großzügigkeit dem Leben gegenüber hat, kann man auch großen Stil haben. Ein Beispiel: Mein leider verstorbener enger Freund, der Maler Paul Wunderlich, der ja in seiner Arbeit hochstilisiert war, hatte einen sehr schönen Besitz in Südfrankreich, in der Provence. Von einer Lässigkeit! Das war nicht die Zahnarztvilla mit den Klappfenstern. Da wucherte mal was, da klemmte eine Tür, dann hat er ein altes Buch dagegen geworfen, dann war die Tür eben wieder auf. Es war ein Paradies, weil es von Großzügigkeit und Leben erfüllt war. Und dann war da wieder ein ganz stilisierter Brunnen, eine Skulptur von ihm im Park, und daneben lag ein Ball der Kinder oder ein altes kaputtes Fahrrad. Es war phantastisch. Das war ganz großer Stil mitten in einer ganz großen Lässigkeit.

Gehört Humor für Sie zu gutem Stil dazu? Oder sehen Sie darin vor allem Unernst, der etwa ein gutes Gespräch gefährden kann?

Wenn es der schenkelklopfende deutsche Humor ist, finde ich ihn scheußlich. Wenn er aber Ironie und vor allen Dingen Selbstironie enthält, dann finde ich ihn ganz wunderbar. Ich habe Probleme mit den Füßen. Vor langer Zeit klagte ich gegenüber Paul Wunderlich darüber. Er sagte daraufhin: Mein Lieber, könnte es vielleicht sein, dass Sie auf zu großem Fuße leben? Wunderbar!

„Es gibt in Amerika eigentlich keine Eleganz, nur Reichtum.“

Gibt es manche Nationalitäten, die zum Stil begabter sind als andere?

Ja, die lateinischen Völker. Ganz sicher haben die Franzosen ein anderes Formgefühl, die Spanier und Italiener auch. Es gibt eben keinen Italiener, der halbnackt mit dem Rucksack am Strand herumläuft. Auch im Interieur gibt es Unterschiede. Die meisten Wohnungen von deutschen Intellektuellen sind so furchtbar eingerichtet, dass man erblindet. Hingegen hat der kleinste Lektor bei Gallimard ein schönes Art-déco-Möbel, einen schönen alten Schrank. Der ist nicht reich, der kann sich nicht die ganze Wohnung mit Jugendstil einrichten, aber ein, zwei anständige Sachen, eine kleine bezaubernde Skulptur, irgend so etwas hat der.

Wie ist es in den Vereinigten Staaten?

Entsetzlich. Es gibt in Amerika eigentlich keine Eleganz, nur Reichtum. Schauen Sie sich mal das Haus von Bill Gates an, da möchte man gleich eine Bombe drauf werfen. Natürlich, New York ist immer eine Ausnahme, aber New York ist nicht Amerika. Irgendwo schildere ich ja die Wohnung von Frau Getty, die damals die reichste Frau der Welt war. Es war grauslich. Teuerste Bilder, aber wie mit der Schrotflinte an die Wand geschossen. Selbst die Wohnung von Jackie Kennedy, in der ich war: alles gefälscht, wie aus der Möbelabteilung von Karstadt.

Stimmt es, dass Homosexuelle ein stärkeres Stilempfinden als Heterosexuelle haben?

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