https://www.faz.net/-gum-73tep

Raddatz-Interview von 2012 : „Stil braucht Lässigkeit“

  • Aktualisiert am

Stil ist für Sie weit mehr als Äußerlichkeit. Aber wo stößt der Begriff an seine Grenzen? Es wäre doch ungehörig, etwa den Holocaust als stillos zu bezeichnen.

Ich glaube, der Begriff Stil ist schlechterdings auf Verbrechen nicht anwendbar. Ob Sie einer schwangeren Frau den Bauch aufschneiden oder sechs Millionen Juden vergasen – das hat alles mit Stil überhaupt nichts mehr zu tun. Mit Stil, im Falle von Auschwitz: schlechtem Stil, hat allenfalls zu tun, wie man später damit umgegangen ist, wie man es verdrängt, verleugnet, weggedrückt hat.

„Die, die sich mit großer Mühe stilisieren, sind Affen.“

Kann Verrat stillos sein?
Verrat und Treue kann man mit diesem Terminus Stil auch fassen. Denken Sie an den 20. Juli, wie Menschen sich da verhalten haben, ich spreche von denen, die ermordet wurden. Ihre Haltung hatte Stil, Charakter, Würde. Unter den nationalsozialistischen Führungsfiguren gibt es nur wenige, bei denen einem das Wort Stil in den Sinn käme. Im italienischen Faschismus, der sich auch aus der künstlerischen Avantgarde des frühen 20. Jahrhunderts speiste, sieht die Sache schon anders aus. Nehmen wir Gabriele D’Annunzio, der mit seinem Motorboot auf dem Comer See herumgefahren ist. Marinetti …

Oder doch auch Speer?
Leni Riefenstahl.

Würden Sie sich da erlauben zu sagen: Die hatte Stil?

Die Filme hatten zumindest ihren eigenen Stil. Auch bei Speer, der ja nicht zufällig ein Anhänger des französischen Revolutionsarchitekten Boullée war, gab es einen Stil: das Überwältigende, Erhabene, den Menschen klein Machende und Gewalttätige. Es ist ja kein Zufall, dass Sie, wenn Sie sich auf der Welt umsehen, viele dieser Elemente, wo wir heute noch Angst hätten, es Stil zu nennen, etwa in New York wiederfinden. Nehmen Sie das Rockefeller Center, das könnte von Speer sein. Und der italienische Faschismus, den man übrigens vom Nationalsozialismus unterscheiden muss, ist sogar aus einem Stilwillen geboren worden. Denken Sie an die Sache mit dem Rennauto, an die Anbetung der Maschinen.

Aber es ist doch ein Unterschied, ob jemand einen Stil hatte oder Stil hatte.

Da sind wir wieder bei der Sprache. Wenn man sagt: Das hatte Stil, müsste das eigentlich auch heißen: Das hatte Würde. Das hatte aber überhaupt keine Würde. Gleichwohl gab es Stilwillen, Stilgebärde und einige Monumente, die Stil hatten. Das trifft auch auf manche stalinistische Bauten zu. Die früher so genannte Stalinallee in Berlin zum Beispiel ist durchaus beeindruckend. Das heißt nicht: Der Stalinismus hatte Stil. Aber es gab im Stalinismus, im Nationalsozialismus, im Faschismus Leute, die innerhalb ihres eigenen Stils stilsicher waren, auch wenn sie damit oft das Regime dekoriert haben.

Sie haben das Wort Stilwillen gebraucht. Der Gegensatz dazu ist Lässigkeit oder auch Nachlässigkeit. Braucht guter Stil auch davon etwas?

Weitere Themen

Manches klärt Freund George

Übersetzer : Manches klärt Freund George

Wenn etwas komisch klingt, liegt es am Übersetzer, sagt einer, der sich auskennt. Günter Ohnemus schreibt, übersetzt und versucht, den richtigen Ton zu treffen

Topmeldungen

Ehemaliger Hassprediger : Sven Laus Verwandlung

Der frühere Salafist gibt sich geläutert. Die Haft habe ihn mehr als nur gebrochen. Bald will er sich sogar in der Prävention engagieren. Die Leute hätten ihm ja schon einmal zugehört.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.