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Raddatz-Interview von 2012 : „Stil braucht Lässigkeit“

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Die Verwüstung der deutschen Sprache grassiert nicht nur im Alltag, sondern auch in jeder Zeitung, in der „Zeit“, der „Süddeutschen“, leider auch in Ihrer. Dass man nicht mehr „selbst“ und „selber“ auseinanderhalten kann oder dass „sicher“ geschrieben wird, wo „sicherlich“ gemeint ist, oder „scheinbar“ statt „anscheinend“. Oder es heißt: „Die syrischen Flüchtlinge flüchten nicht umsonst.“ Ja, umsonst ganz bestimmt nicht, denn sie müssen mindestens das Benzin für ihre klapprigen Autos bezahlen. Oder: „Augstein hat umsonst Reitunterricht genommen.“ Nein, so geizig war er nicht, er hat seinen Reitlehrer bestimmt bezahlt. Er hat aber vergebens Unterricht genommen, weil er es nicht gelernt hat. Wenn es aber schnurzpiepe ist, wie man sich ausdrückt, dann hebt das auch das Denken auf, dann stimmen zum Teil auch die Fakten nicht mehr, dann sind die nämlich auch wurst.

Sie sind ja als „Zeit“-Feuilletonchef selbst Leidtragender von Ungenauigkeit im Umgang mit Fakten geworden, Stichwort Bahnhof und Goethe. Kann das nicht auch den Besten mal passieren?

Es kommt zu oft vor! Es ist inzwischen fast die Normalität. Und dass jemand wie ich damals einen Fehler machte, war ja nicht die Normalität. Ich habe in knapp zehn Jahren als Chef des Feuilletons keinen anderen Fehler gemacht, keinen einzigen Prozess bekommen. Das ist also etwas ganz anderes.

Sie haben mal vom französischen Geplapper geredet – im Unterschied zum deutsch-ernsten Gespräch. Gibt es bei uns noch eine Gesprächskultur, die man stilvoll nennen kann?

Das gibt es nicht mehr, dieses: Man sitzt zusammen einen Abend lang und diskutiert über politische, literarische Fragen. Wie viele Nächte habe ich mit Günter Grass oder Uwe Johnson oder Jürgen Becker oder Heinrich Böll, nicht auf dem Podium, sondern zu Hause beim Abendessen, bei denen, bei mir, an drittem Ort, in der Kneipe, diskutiert. Das hat sich auf- und abgelöst, es ist eine E-Mail-Welt geworden, ergänzt durch das Telefon. Auch von engen Freunden bekommt man heute eine Mail: Ich ruf dich morgen um 15 Uhr mal an, wir müssen uns unbedingt sehen. Um 15 Uhr klingelt das Telefon aber keineswegs. Am nächsten Tag kommt dann wieder eine E-Mail: Ich konnte nicht, weil die Bäuerin im Hof nebenan, ihr Kind, der Hund oder weiß der Teufel was, aber ich rufe wieder an oder schicke dir eine neue Mail. Wondratschek zum Beispiel schreibt mir: Maile mich mal an. Der sagt aber nicht, ich komme demnächst nach Hamburg, wollen wir einen schönen Abend zusammen verbringen. Oder Hochhuth, der mich oft anruft. Das fängt immer damit an: Wann kommst du denn nach Berlin? Wir wollen essen, wir wollen reden. Neuerdings sage ich dann immer: Entschuldigung: Und wann kommst du denn mal nach Hamburg? Die Strecke von Hamburg nach Berlin ist doch genauso lang wie die von Berlin nach Hamburg. Also: Da stimmt etwas nicht mehr.

Vielleicht ist das nur bei den Älteren so.

Es kann ja sein, dass Durs Grünbein mit ich weiß nicht wem, Frau Zeh, nächtelang Unterhaltungen führt. Nach allem, was ich weiß, ist es nicht so, sondern sie schreiben doch von ihrer eigenen Vereinsamung, von ihrer Kontaktlosigkeit auch unter Kollegen. Es sei denn, es wird ein Preis vergeben, oder es gibt eine honorierte Podiumsdiskussion.

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