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Raddatz-Interview von 2012 : „Stil braucht Lässigkeit“

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Inwieweit entlastet die Individualität eines Stils von qualitativen Defiziten?

Das ist die Frage nach der Aura eines Menschen. Ein Beispiel: Man sitzt im Hotel Vier Jahreszeiten, man hatte ein Candle-Light-Dinner, alle sind fein gekleidet, und es kommt jemand rein und ist das nicht. Der ist nicht nackt und nicht verschwitzt und nicht dreckig und hat sich vielleicht sogar die Haare gewaschen, aber die Leute gucken, der hat was. Das gibt es, und das ist schwer zu erklären. Wieso hat am Anfang der Obama etwas gehabt, was seine Vorgänger nicht hatten, außer Kennedy? Was hatte Kennedy? Eigentlich waren er und Jackie ein bisschen komisch, nouveaux riches, vor allem sie mit ihren falschen Perlen. Aber die hatten einen Charakter, eine Persönlichkeit, eine Aura, die sich auch nach außen stülpen kann, und das merkt man. Das wird nicht anerzogen, nicht im Kindergarten, nicht in der Tanzstunde und auch nicht im Konfirmandenunterricht. Goethe hat zwar gesagt, Charakter bildet sich, da hatte er auch recht. Aber da ist ein Gran innen drin, das hat der Mensch einfach mitbekommen.

Als Zwanzigjähriger studierte Raddatz an der Humboldt-Universität in Berlin.

Ich meine, es war Walter Jens, der sich einmal lobend darüber ausgelassen hat, dass in Frankreich im Unterschied zu Deutschland Sätze wie der folgende möglich sind: Er ist zwar ein Kommunist, aber er spricht ein ganz unglaubliches Französisch. Inwieweit kann Stil etwas anderes entschuldigen, die politische Einstellung etwa?

Zunächst ist Walter Jens, der kein Wort Französisch konnte, ein schlechter Zeuge für diesen Vorgang. Er beherrschte ja keine lebende Sprache, knapp Deutsch. Aber tatsächlich gibt es das in Frankreich: Wenn man wunderbar Französisch kann, schon wenn man wie ich sich durchzuwursteln weiß, je peux me défendre, dann gilt man fast schon als ein besserer Mensch. Deswegen verzeihen die Franzosen dem sehr stilgewandten Schriftsteller, meinem früheren Freund Cioran etwa, sogar politische Irrtümer, in seinem Fall seine spät bekannt gewordene faschistische Vergangenheit in Rumänien. Ich finde das sehr gefährlich. Übrigens war ja auch Mitterrand ein ziemliches Ferkel, aber er sprach ein phantastisches Französisch. Er konnte eben von Racine bis sonst wohin die französische Literatur halb auswendig, und deshalb hat man ihm politisch sehr viel vergeben. Die Schönheit der Sprache legt sich in Frankreich wie ein Zuckerguss über kausale Zusammen-hänge, auch über höchst unerfreuliche politische Verhältnisse. Überhaupt ist das Französische eine Zuckerguss- und Salonsprache. In Frankreich ist es ja ungehörig, sich über ein Thema wirklich zu unterhalten. Da wird man unterm Tisch schon mit dem Fuß angestoßen. Man sagt: Ça, c’est un livre tellement beau – aus. Wehe, Sie sagen dann, aber Uwe Johnson und so weiter, das ist dann schlechter Stil in Frankreich.

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