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Raddatz-Interview von 2012 : „Stil braucht Lässigkeit“

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Erstens: Ich kenne das Buch von Sloterdijk nicht, ich wünschte mir aber vor allem, er würde mehr auf seine Haare achten. Zweitens hat er gleichwohl alles Recht, über Herrn Raddatz etwas Negatives zu schreiben, mein Buch, meine Person fürchterlich zu finden, alles, was ich je getan oder geschrieben habe. Drittens hat er mit der Selbstentblößung völlig recht, da kann ich ihm nur applaudieren, das ist das richtige Wort. In meinem Fall bis hin zu sexuellen Dingen, dass ich sage, ich habe mein Leben lang mit beiden Geschlechtern gelebt, ich habe irgendwo am Strand einen wunderbaren Knaben gesehen, schade, ich hab ihn nicht gekriegt, oder die schöne Frau ist mir weggelaufen oder ich ihr. Eine vierte Ebene ist allerdings, dass wir es bei Tagebüchern nicht mit Tagesjournalismus, sondern mit einem eigenen literarischen Genre zu tun haben, das sehr viel darf. Sloterdijk kennt offenbar wenig Literatur, nicht die Tagebücher sagen wir mal von Harry Graf Kessler, in denen Rathenau, obwohl Kessler ihn persönlich schätzte, mit dem Wort „Tiergarten“ als Neureicher abqualifiziert wird. In ähnlicher Weise hat Gottfried Benn mal über Ernst Jünger gesagt: „Timmendorfer Strand“. Damit war Ernst Jünger erledigt. Tiergarten heißt also: kein Niveau. Das darf jedes Tagebuch.

Was darf es nicht?

Es sollte nicht an die Unterwäsche. In meinem Tagebuch gibt es keine einzige Sexszene, keine sexuellen Unterstellungen, wer mit wem und wann und wie oft und wie viele zusammen. Es gibt Charakteristika von Menschen, wobei etwa das Grass-Porträt im Grunde eine Liebeserklärung ist.

Tatsächlich?

Kurz nach Erscheinen der Tagebücher gab es ein Seminar in Lübeck nur über die Grass-Eintragungen. Das Ganze fand statt, raten Sie mal wo, im Günter-Grass-Haus, nicht von ihm arrangiert, aber immerhin dort den genius loci nutzend. Der Leiter der Veranstaltung hat mir danach einen langen Brief geschrieben, dass sich alle an diesem Seminar Beteiligten einig gewesen seien, dass es die schönste, warmherzigste, weil aber auch kritische Porträtaufnahme von Grass sei. Lesen Sie mal die soeben   erschienenen Tagebücher von Hans Werner Richter, dem Gründer der Gruppe 47: ein erbarmungsloses Massaker. Ich kann nur hoffen, dass mein ehemaliger Freund Grass es gar nicht liest, denn wenn er es liest, das furchtbare, durch Hunderte von Seiten sich durchziehende Urteil von Richter über ihn, müsste er sich eigentlich erschießen.

Muss man, um als Stilist gelten zu können, ein Talent zur Boshaftigkeit haben?

Ich rette mich erst einmal in zwei Zitate. Da gibt es einmal das Wort von André Gide: Es sind die schönen Gefühle, mit denen man schlechte Literatur macht. Das zweite, etwas näherliegende, von Horst Janssen, der gesagt hat: Käthe Kollwitz meinte es gut, Goya war gut. Ich selbst glaube, dass tatsächlich große Kunst auch mindestens Härte verlangt, wenn nicht ein Stück Bösartigkeit, ein Talent zum bösen Blick. Der böse Blick bannt, wie man nicht nur aus den Märchen weiß. Wenn man nur ein Liebender, alle Umarmender, alles Vergebender und für alles Verständnis Habender ist, glaube ich nicht, dass man ein einziges gutes Bild malt oder ein einziges gutes Gedicht schreibt.

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