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Raddatz-Interview von 2012 : „Stil braucht Lässigkeit“

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Versuchen Sie, es dem Hausmeister beizubringen?

Das hängt von seinem Alter ab. Einem sechzigjährigen Hausmeister brauchen Sie nicht mehr Dix zu erklären, das ist so, als wollten sie mir noch Stepptanz beibringen. Wäre der Hausmeister 25, würde ich das schon versuchen. Ich habe auf der Herfahrt eben mit dem Taxifahrer über solche Dinge geredet. Allerdings sah ich sofort, das ist eigentlich kein Taxifahrer, der hatte ganz andere Hände, ein anderes Gesicht, und es stellte sich tatsächlich heraus, dass er eigentlich Student ist. Er fragte mich, was ich denn beruflich mache, weil er am Klingelschild den Professorentitel las, und so sind wir ins Gespräch über Literatur gekommen. Also: Es ist ein Erziehungsprozess, dem man sich aber öffnen muss, und mein Monitum ist, dass sich die meisten Menschen heute dagegen versperren, oder, schlimmer, ihnen eine Sperre ins Gehirn gebaut wird durch Medien, durch dieses grauenvolle Angebot im Fernsehen, das die Gehirne verschlampt und verschlammt. Wenn Sie, jetzt kommt ein sehr ordinäres Beispiel, ein Schwein von Anfang an mit schlechtem Futter füttern, wird es schlechtes Fleisch liefern. Wenn Sie ihm dagegen gutes Futter geben, das Tier muss ja nicht gleich handmassiert werden wie ein Koberind, dann wird das Fleisch hochwertig sein.

Fritz J. Raddatz und Autor Günter Grass verband eine gute Freundschaft.

Helmut Schmidt, für viele ein Vorbild für alles mögliche, gilt Ihnen als Negativbeispiel in Sachen guter Stil. Hat das auch damit zu tun, dass Sie den Mitherausgeber der „Zeit“ generell nicht allzu sehr verehren?

Ich verehre ihn nicht nur nicht, ich verachte ihn. Schmidt ist ein Bescheidenheitsprotz, der öffentlich Erbsensuppe predigt und heimlich Subventionswein trinkt. Will sagen: Dieser an Geschwätz-Diarrhoe leidende Ersatz-Hindenburg benutzt den Apparat des Bundeskanzleramtes, immerhin steuerbezahlte Leute, als seien sie seine persönlichen Domestiken. Nach einer internationalen Konferenz wurde von ihm jüngst der Satz „Rollt mich hier raus“ kolportiert, mit dem er seine Bodyguards anherrschte, als seien sie sein privater Pflegedienst. Das sind sie aber nicht. Warum nimmt er sich das also heraus? Ist er was Besseres als die anderen? Nein. Er ist ein gescheiterter Politiker und ein Angestellter eines Zeitungsverlages. Nichts anderes. Es ist also eine Frage des moralischen Stils.

Können Sie etwas anfangen mit der Wendung: Das gehört sich nicht?

Natürlich. Dazu gehört in meinem Metier – nur darüber kann ich reden, denn ich kenne wenig Hochofensituationen – auch, dass man über frühere Kollegen nicht negativ schreibt, wie das  einige im Fall Heribert Prantl von der „Süddeutschen Zeitung“ wegen einer doch lässlichen Sünde gemacht haben, etwa Robert Leicht in der „Zeit“. Das gehört sich nicht. Ich habe das nie getan.

Der Philosoph Peter Sloterdijk scheint das anders zu sehen. Im Zusammenhang mit Ihren Tagebüchern hat er Ihnen in seinen Notizbüchern zuletzt eine „Literatur der Selbstentblößung“ vorgeworfen, die auch vor Gossip über Kollegen nicht Halt mache.

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