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Raddatz-Interview von 2012 : „Stil braucht Lässigkeit“

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Wenn man liest, was Sie sich als Angestellter bei Rowohlt oder bei der „Zeit“ leisten konnten, wohin Sie gereist, in welchen Hotels Sie abgestiegen sind, kann man als junger Journalist nur neidisch werden. Haben Sie für die heutigen ökonomischen Zwänge der Verlagshäuser Verständnis, oder empfinden Sie es als stillos, wenn Journalisten, die etwas auf sich halten, in Drei-Sterne-Häusern übernachten müssen?

Ich wusste gar nicht, dass es Hotels so niedriger Kategorie gibt. Im Ernst: Dafür habe ich durchaus Verständnis. Sie reden ja von vergangenen Zeiten. Als ich zum Beispiel noch bei Rowohlt beschäftigt war, da hat kein Mensch gefragt, was ich für Spesen ausgegeben habe. Wenn ich mit Genet über die Reeperbahn ging, und ich kam am nächsten Tag zurück, dann musste ich nicht mal Rechnung legen, sondern hab gesagt: Ich habe leider 1000 Mark ausgegeben. Dann hat der Inhaber Ledig-Rowohlt gesagt: Gehen Sie zur Kasse und holen sich die. Nur auf eines habe ich immer geachtet: nie im selben Hotel abzusteigen wie der Chef. Wenn also Ledig im Ritz wohnte, wohnte ich nicht im Ritz, und wenn er in London im Savoy wohnte, wohnte ich nicht im Savoy. Auch das ist eine Frage des Stils, des Anstands eines Angestellten gegenüber dem Chef.

Wie viel hat Stil mit Geld zu tun?

Zumindest ist es nicht wichtig, ob sich die Ressortleiterin xy ein Kleid von Dior kaufen kann oder nur von Prada oder wie das heute heißt. Das hat mit ihrer Arbeit überhaupt nichts zu tun. Wenn es aber so weit geht, dass es ins Fleisch schneidet, also wenn der Chef ihr sagt, die neue Gesamtausgabe von Heiner Müller, die musst du dir selber kaufen, dann ist das nicht in Ordnung. Wenn man aber sagt, bei Überseeflügen nicht mehr erster Klasse, sondern nur noch Business, und im Inland nicht mal mehr Business, sondern Economy, find ich das so, wie die Dinge liegen, nachvollziehbar. Das heißt nicht, dass es schön ist, und ich habe Glück gehabt, dass es in meinem Leben anders war. Ich habe immer gerne Geld verdient und immer gerne Geld ausgegeben, aber es ist nicht essentiell für die Arbeit.

Großzügigkeit scheint für Sie wichtiger zu sein als Reichtum.

Ich finde es ziemlich unerfreulich, wenn etwa eine sehr reiche Dame, die sehr oft bei mir sehr gut bewirtet worden ist, zu meinem Geburtstag mit einem Champignon in der Hand als Gastgeschenk kommt. Oder wenn mir einer der reichsten deutschen Industriellen vor dem Essen sagt: Darf ich Ihnen eine halbe Flasche Champagner aufmachen, und ich sagen muss, ich wusste gar nicht, dass es Champagner in halben Flaschen gibt. Stil ist auch, einen Menschen zu umarmen, aber man umarmt einen Menschen nicht mit einem Champignon in der Hand oder mit einem Stück Seife oder so etwas, zumal ich es – weit über meine Verhältnisse – immer anders praktiziert habe. Bei Kleinlichkeit bin ich also sehr empfindlich, für Großzügigkeit sehr empfänglich. Aber wenn Sie heute Abend zu mir zum Abendessen kämen, und ich weiß, entschuldigen Sie bitte, im Grunde genommen ist er ein kleiner Redakteur, also er ist nicht Ressortleiter, nicht Chefredakteur und schon gar nicht Herausgeber, und Sie kommen mit einer halben angebrochenen Flasche Wodka, dann würde ich lachen und sagen: Das ist ja fabelhaft, da saufen wir jetzt die halbe Flasche leer!

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