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Rachel Salamander : Engagierte Pionierin für die jüdische Kultur

Rachel Salamander im Alten Münchener Rathaus bei der Verleihung der Ehrenbürgerwürde im März 2019 (Archivbild) Bild: dpa

Sie will neue Fäden spinnen: Die von Rachel Salamander gegründete Literaturhandlung zieht ins Museum ein. Frankfurt ist für die Literaturwissenschaftlerin kein Neuland – doch diesmal ist alles ganz anders.

          2 Min.

          Eine Pionierin war Rachel Salamander gleich mehrfach. Nicht nur, dass sie 1982 in der Münchner Maxvorstadt ihre Literaturhandlung, ein Buchgeschäft, das sich ganz der jüdischen Literatur und Kultur widmete, eröffnete. Sondern auch, dass sie diese zu einem Ort machte, an dem gelesen, diskutiert und debattiert wurde, war damals etwas Außergewöhnliches, ein Novum. Lesungen von Schriftstellern, wie sie heute alltäglich sind, waren zu der Zeit noch eine absolute Seltenheit, doch Salamander brachte in ihrem Buchladen die Menschen zusammen und Debatten in Gang.

          Alexander Jürgs

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Amos Oz, Zeruya Shalev, David Grossman, Micha Brumlik, Maxim Biller, Dan Diner und viele mehr traten bei ihr auf, und immer wieder auch Marcel Reich-Ranicki. Vor allem aber machte Salamander jüdisches Leben in Deutschland wieder sichtbar. Sie selbst spricht von einer „ersten Rekonstruktionsarbeit“. „All die, die vertrieben und ermordet worden sind, wieder in Deutschland zu beheimaten“: So beschreibt Salamander, was sie angetrieben hat, die Literaturhandlung ins Leben zu rufen, mit Leben zu füllen.

          Wenn das Frankfurter Jüdische Museum nun wieder eröffnet, dann wird auch dieses Haus eine Literaturhandlung haben. Salamander hat bereits einige Filialen ihres aufs Judentum spezialisierten Buchladens eröffnet: in Berlin, im KZ-Besucherzentrum in Dachau, im Münchner NS-Dokumentationszentrum, in Museen in Augsburg, Fürth, Dorsten und Würzburg. Doch auch Frankfurt ist für sie kein Neuland. Schon als das hiesige Jüdische Museum 1988 eröffnet wurde, verkaufte Salamander dort für einige Monate Bücher. „Das war kein Laden, eher ein Büchertisch“, erinnert die Einundsiebzigjährige sich.

          Die Tochter einer Holocaust- Überlebenden

          Verbunden ist Salamander der Stadt aber auch, weil sie dort, eingeladen von Kulturdezernent Hilmar Hoffmann, 1987 ein zweiwöchiges Festival mit jüdischer Literatur, Musik und Bühnenkunst auf die Beine stellte – das zur Blaupause wurde für die zahlreichen Jüdischen Kulturtage, die mittlerweile landauf, landab gefeiert werden. „In Frankfurt fühle ich mich zu Hause“, sagt Salamander. Auch mit der F.A.Z. teilt sie eine gemeinsame Geschichte: Von 2013 bis 2014 leitete Salamander das damals neu erschaffene Literaturforum und die „Frankfurter Anthologie“, um die sich zuvor Marcel Reich-Ranicki gekümmert hatte.

          Geboren ist Salamander als Tochter von Holocaust-Überlebenden im Januar 1949 in einem Displaced-Persons-Camp im bayerischen Deggendorf. Bis 1956 lebte sie im Lager Föhrenwald, erst danach konnte der Vater mit seinen Töchtern nach München ziehen. An der Ludwig-Maximilians-Universität studierte sie Germanistik, Philosophie und Romanistik – und stand nach dem Abschluss vor der Frage, ob sie eine akademische Laufbahn einschlagen oder etwas Eigenes auf die Beine stellen sollte. Zum Glück hat Salamander sich damals für ihr Herzensprojekt, die Literaturhandlung, entschieden. „Ich wollte mit Menschen zu tun haben“, erinnert sie sich. „Und ich wollte dem jüdischen Leben und der jüdischen Kultur in einer befangenen Gesellschaft wieder mehr Präsenz verschaffen.“

          Tatsächlich ist das wohl kaum jemandem besser gelungen als Rachel Salamander. Für ihre unermüdliche Arbeit wurde sie mit vielen Preisen geehrt, mit dem Kulturellen Ehrenpreis ihrer Heimatstadt München, mit dem Bundesverdienstkreuz und dem Schillerpreis, in diesem Jahr wird sie mit dem Heinrich-Heine-Preis der Stadt Düsseldorf ausgezeichnet. Ans Aufhören denkt Salamander noch lange nicht, auch wenn sie mit Ariella Chmiel ihre Nachfolgerin in der Literaturhandlung schon vor einiger Zeit gefunden hat. Aus dem operativen Geschäft hat sie sich zurückgezogen, doch Salamander will, trotz Pandemie, weiter Lesungen organisieren, Menschen miteinander ins Gespräch bringen, neue Fäden spinnen – auch im wiedereröffneten Jüdischen Museum in Frankfurt.

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