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Quidditch in Deutschland : Nicht mal Fliegen wär’ schöner

  • -Aktualisiert am

Rennende Besen: Das deutsche Quidditch-Nationalteam trainiert zusammen mit internationalen Gästen im Günthersburgpark in Bornheim. Bild: Lukas Kreibig

Quidditch wird auch außerhalb der Harry-Potter-Romane immer populärer. Am heutigen Samstag beginnt die Weltmeisterschaft in Frankfurt. Zeit für eine Annäherung an eine skurrile Sportart.

          „Besen hoch“, brüllt Nina Heise. Sofort stürzen die Spieler der beiden Teams aufeinander zu, die Plastikstäbe fest zwischen die Beine geklemmt. Weiße Schaumstoffbälle fliegen durch die Luft, Körper krachen gegeneinander, die Spieler hetzen dem „Quaffle“ hinterher, dem gelb-blau gestreiften Volleyball. Ein Spieler springt hoch, fängt ihn und rennt auf einen Torring der gegnerischen Mannschaft zu, einen Hula-Hoop-Reifen auf metallenem Gestell. Kurz bevor er zum Wurf ansetzt, trifft ihn einer der „Treiber“ mit einem Schaumstoffball im Gesicht. Vor Schreck lässt er erst das Plastikrohr und dann den „Quaffle“ fallen. Der Volleyball rollt über die Grünfläche, sofort schnappt ihn sich ein „Jäger“ des Gegners. Unter Gegröle beginnt der Sturm auf die Torringe des Konkurrenten.

          Die Szenen auf dem Rasen sind nicht etwa Teil eines Improvisationstheaters, sondern spielen sich beim Training der Frankfurter Quidditch-Mannschaft ab. Populär wurde die skurrile Sportart durch die Romane der britischen Autorin Joanne K. Rowling. Damit vertreiben sich der angehende Magier Harry Potter und seine Mitschüler auf dem Zauberinternat Hogwarts die Zeit. Dort sitzen die Spieler auf einem fliegenden Besen, auf dem Rasen im Günthersburgpark im Frankfurter Nordend haben sich Nina Heise und die 15 weiteren Teilnehmer Plastikrohre zwischen die Beine geklemmt. Das ist jedoch weniger eine Hommage an Harry Potter als vielmehr eine zusätzliche Hürde: Entweder muss der Spieler den Stab mit einer Hand umklammern, sodass er nur die andere zum Werfen und Fangen frei hat, oder er hält den Stab mit den Oberschenkeln fest und kann sich nur eingeschränkt fortbewegen.

          Aus jugendlichem Jux wurde eine weltweit verbreitete Sportart

          Der fiktive Sport wird nun auch in der Welt der Muggel, wie Nicht-Zauberer im Harry-Potter-Kosmos heißen, immer populärer. Im Herbst 2005 beschlossen zwei amerikanische Studenten am Middleburry College in Vermont, Quidditch zum Leben zu erwecken. Die Spieler warfen sich Handtücher als Umhänge über die Schultern, Mülltonnen wurden zu Torringen, als Besen mussten Wischmopp und Stehlampe herhalten. Aus dem Jux ist eine weit verbreitete Sportart in den Vereinigten Staaten geworden. Quidditch-Teams gibt es an mehr als 400 Colleges und 300 High Schools. Die Organisation wird immer professioneller; die International Quidditch Association (IQA), der Dachverband, hat schon ein Regelwerk herausgegeben, das satte 200 Seiten stark ist.

          Als würde er fliegen: Ein Quidditch-Spieler in Bonn, wo der neue Sport auch beliebt ist.

          Dabei orientiert sich die IQA am fiktiven Vorbild. Wie in den Romanen stehen sich auf einem ovalen Feld zwei gemischte Mannschaften mit jeweils sieben Spielern gegenüber. Jedes Teammitglied hat eine feste Aufgabe. Die „Jäger“ versuchen, den „Quaffle“ durch die drei Torringe des gegnerischen Teams zu werfen, für einen Treffer gibt es zehn Punkte. Der „Hüter“, der Torwart, muss das verhindern.  Zusätzliche Hürde:  „Treiber“ werfen drei Schaumstoffbälle, die „Bludgers“, auf die Gegner. Getroffene müssen kurz aussetzen. Das Team mit den meisten Punkten gewinnt. Und auch für den „goldenen Schnatz“ wurde eine Lösung gefunden. In den Romanen ist es ein nussgroßer goldener Ball mit sirrenden Flügeln, den zwei „Sucher“ fangen müssen. Fängt einer den „Schnatz“, erhält sein Team 150 Punkte, und das Spiel ist aus. Im realen Quidditch wurde aus dem goldenen Ball ein in Gold gekleideter neutraler Spieler, dem eine Socke aus der Hose hängt, in der sich ein Tennisball befindet. Wird ihm der Ball abgenommen, ist er gefangen.

          Über 300 Spieler deutschlandweit, Tendenz steigend

          Auch außerhalb der Vereinigten Staaten wächst das Interesse an dem Spiel. Bei der Weltmeisterschaft, die an diesem Samstag in Frankfurt beginnt, sind 25 Nationen vertreten. Auch in Deutschland wird der Sport beliebter: Seit 2015 gibt es einen Quidditch-Sportverband, dem mittlerweile fast 20 Teams mit 300 Mitgliedern angehören, und es werden immer mehr.

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