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Psychiater zum Fall Ullrich : „Er wirkt wie ein Held in einem klassischen Drama“

  • -Aktualisiert am

Da ging es noch bergauf: Jan Ullrich während einer Passfahrt bei der Tour de France in den französischen Alpen 2004. Bild: AP

Jan Ullrich ist unter Drogeneinfluss wegen gefährlicher Körperverletzung in Frankfurt festgenommen worden. Der Berliner Psychiater Jan Kalbitzer erklärt im Interview, wie Stars mit ihren Karriereenden umgehen können und was eine Therapie bringen könnte.

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          Herr Kalbitzer, Jan Ullrich ist am Freitagmorgen mit Alkohol und Drogen im Blut verhaftet worden, ein weiterer negativer Höhepunkt seit seinem Karriereende 2007. Kommt er nicht damit klar, kein Star mehr zu sein? 

          Ich bin grundsätzlich kein Freund von Ferndiagnosen. Ich finde als Psychiater vielmehr das ungebrochene, große öffentliche Interesse an Jan Ullrich bemerkenswert. Es geht dabei sicher auch um die Frage, was mit einem Menschen passiert, wenn er scheitert. Ullrich hat durch den Dopingskandal im Radsport eine massive gesellschaftliche Ächtung erfahren. Er hätte mit seiner Doping-Vergangenheit sicher besser umgehen können. Die medial vertretene Öffentlichkeit, die ihn ausgeschlossen hat, muss ihm aber auch die Chance geben, wieder zurückzukehren.

          Ullrich hat angekündigt, eine Therapie machen zu wollen. Inwiefern ist das ein Weg zurück?

          Ich finde es spannend, wie sehr Psychotherapie mittlerweile ein Teil der sozialen Rehabilitation ist. Im Sinne von: Es tut mir wirklich leid und das unterstreiche ich, indem ich öffentlich ankündige, dass ich eine Therapie mache. Dass jemand in einer Krise eine Therapie macht, finde ich als Psychiater natürlich richtig. Wenn es um seine Rolle in der Gesellschaft geht, braucht es aber vielleicht noch weitere Schritte. Im Fall von Ullrich zum Beispiel: dabei zu helfen, die Doping-Skandale aufzuarbeiten. Dass so viele mitgehen und sich auch damit identifizieren, hat aber sicher auch damit zu tun, dass er wie ein Held in einem klassischen Drama wirkt. Gerade die Medien könnten sich mal fragen, welche Rolle sie dabei haben – und sich nicht nur an seinem Fall ergötzen.

          Kennen Sie andere Prominente, denen es genauso ergangen ist? 

          In Bezug auf die Rolle der Medien fällt mir der ehemalige Bundespräsident Christian Wulff ein. Auch er wurde verstoßen, an seiner öffentlichen Rehabilitation scheint jedoch kaum jemand ein Interesse zu haben. Ein sehr dramatisches Beispiel für mediales Versagen ist auch der Moderator Jörg Kachelmann. Er wurde zu Unrecht verurteilt und verstoßen. In seinem Fall war die Berichterstattung und die damit verbundene Zerstörung seiner Existenz sträflich falsch und nicht zu rechtfertigen. Da sollten Journalisten jetzt zumindest genauso viel Aufwand betreiben, ihn zu rehabilitieren, wie sie vorher seinen Abstieg hysterisch begleitet haben.

          Wie schwierig ist es für ehemalige Sportler nach ihrem Karriereende nicht mehr im Rampenlicht zu stehen?

          Psychologisch gesehen kann es ganz besonders belastend sein, wenn das Karriereende plötzlich herein bricht, etwa durch Verletzungen – oder eben durch einen Skandal, der dann zusätzlich auch noch soziale Konsequenzen hat. Es ist für Profisportler deshalb wichtig, dass sie ihr Leben frühzeitig aktiv selbst gestalten. Der Fußballer Tobias Rau hat mit 27 Jahren seine sehr vielversprechende Karriere beendet und ein Lehramts-Studium begonnen – und ist zufrieden damit. Wir nennen das in der Psychotherapie internale Kontrollüberzeugung. Der Gegenpart ist die externale Kontrollüberzeugung, wenn man das Gefühl hat, sein Leben nicht selbst bestimmen zu können, sondern von außen bestimmt zu werden. Für Sportler ist es gerade am Karriereende wichtig, nicht Spielball der Öffentlichkeit zu sein, sondern selbstbestimmt zu werden. Das ist im Sport aber schon deutlich besser als noch vor einigen Jahren. Es gibt immer mehr junge Sportler, die sich ein zweites Standbein aufbauen durch soziales Engagement. Jerome Boateng etwa betreibt neben dem Fußball ein Brillen-Label.

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