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Psalterharfe : Ein Instrument, das keiner kennt

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Alte Künste aktuell: Dieter Petzold spielt die Psalterharfe Bild: Frank Röth

Solistisch, aber nicht einsam: Dieter Petzold spielt ein fast ausgestorbenes Instrument - die Psalterharfe. Nur in Klostern wird diese Kunst heute noch beherrscht. Die Geschichte eines Wanderarbeiters der Klangkunst.

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          Die Geschichte von Dieter Petzold und der Psalterharfe beginnt Anfang der sechziger Jahre. Der elf Jahre alte Junge steigt auf den Spitzboden des alten Bauernhauses im ostwestfälischen Dorf Dahl, wo er mit Eltern und fünf jüngeren Geschwistern lebt. Die Stiege knarrt. Licht gibt es hier oben nicht. Er wischt Spinnweben aus seinem Gesicht und stößt im Halbdunkel an Gerümpel, eine Holzkiste, Pferdegeschirr. Was genau er sucht, könnte er nicht sagen.

          Dann fällt sein Blick auf ein flaches Holz, geschwungen wie eine Kommodentür und mit einem Schallloch in der Mitte. An Häkchen hängen schlaff ein paar verrostete Saiten. Sie scheppern nur, als er daran zupft. Kurz darauf stirbt sein Vater an den Folgen der Kriegsgefangenschaft, eine Katastrophe für die Familie. Niemand kann ihm sagen, wie man das Instrument spielt. Nur ein paar alte Leute im Dorf kennen es noch aus ihrer Kindheit. So erfährt er wenigstens, wie es heißt.

          Den Vater behält er als begnadeten Pianisten in Erinnerung. Er erinnert sich heute daran, dass sie als Kinder das Akkordeon auf dem Schrank nicht antasten durften. Aber die herrenlose Psalterharfe vom Dachboden, die gehört ihm.

          Zu Gast beim König der Laute

          Mit 17 Jahren beginnt Petzold, sich mit dem Instrument zu befassen. Er ist ein aufbegehrender Jugendlicher, der seinen Weg sucht. Er bespannt sie mit allem, was er auftreiben kann, mit Gitarrensaiten und gekürzten Klaviersaiten. Petzold sagt heute: „Als ich den ersten Akkord AEFC zusammen hatte, war mir, als hörte ich einen großen Chor singen.“ Er versucht, etwas über das Instrument, das auch als Wald- oder Bauernharfe bezeichnet wird, herauszufinden – aber nichts. Anders als bei der Zither, mit der sie oft verwechselt wird, schwingen die Saiten frei, sind nicht über einen Steg gespannt. Ihr Name rührt vom griechischen „psallo“ her, eine freischwingende Saite zupfen, auch „harpfen“ bedeutet zupfen. Im Orient wird das Psalterium „Kanun“ genannt, nach dem Kanon, dem Gesetz. Für Petzold wird die Psalterharfe zum Gesetz fürs Leben.

          Dieter Petzold ist ein großer Mann. Wie ein Kind liegt die Harfe auf seinen Knien, wenn er sich über sie beugt. Allein das Stimmen dauert eine Stunde. Heller, metallischer, auch engelhafter und gälischer Klang. Unablässig tanzen zwei dunkle Locken in seiner Stirn. Die Zugkraft einer Saite entspricht einem Gewicht von 25 Kilogramm. Nach einer Stunde erlahmen die Stirnlocken. Doch nun sitzen die Töne. Petzold greift mit seinen kräftigen Händen in die 92 eng beieinander liegenden dünnen Saiten. Der Raum füllt sich mit Musik, die Welt versinkt, eine neue, sphärische entsteht. Er verwandelt alles in Klang, den Spaziergang am Strand, die Skyline in Frankfurt. Er wandelt seine Eindrücke von der Welt in musikalische Bilder um. Als Jugendlicher spielt er in einer Band Altblockflöte, spielt psychedelische Musik, studiert die Musikgeschichte, lernt über experimentelle Klangkunst, was ihm in die Finger kommt. Er macht eine Bäcker- und Konditorlehre, arbeitet in diesem Beruf und spielt weiter Psalterharfe. Was ihn bedrückt und erfreut, erzählt er dem Instrument. „Ich glaube nicht an Zufälle“, sagt Dieter Petzold heute, im Alter von 61 Jahren. „Aber mit der Psalterharfe ist mir etwas fürs Leben zugewachsen.“

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