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Protokoll des Lebens : Ich wünschte, ich hätte mir mehr Freude gegönnt

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Umgebung ist für Todkranke entscheidend

Wie entscheidend die Umgebung für die Überlebenszeit selbst Todkranker sein kann, das zeigt eine Geschichte, die jene Hospiz-Mitarbeiterin erzählt. Es ist die Geschichte einer Frau, die zum Sterben aus ihrer Wohnung aus- und ins Hospiz eingezogen ist. Die gesagt hatte, sie wolle ihre letzten Wochen versuchen zu genießen. „Und dann starb sie nicht“, erzählt die Hospizleiterin - zumindest starb die Frau nicht gleich. Also kündigte der Medizinische Dienst der Krankenkassen seinen Besuch an - um zu prüfen, ob die Patientin im Hospiz richtig aufgehoben sei. Acht Wochen, so entschieden die Gutachter, dürfe die Frau noch dableiben. Danach müsse sie verlegt werden. Die Patientin wurde schwächer. Zwei Tage vor der geplanten Entlassung starb sie.

Hanses’ Forschung dauert bislang zweieinhalb Jahre, sie wird gefördert von der Deutschen Forschungsgemeinschaft. Wenn er seinen Verlängerungsantrag bewilligt bekommt, dann wird er noch bis 2015 mit den Interviews beschäftigt sein. Eventuell wird er dann einen Leitfaden entwickeln - darüber, wie es die Todkranken der Zukunft noch besser haben könnten. Seine Forschung ist ein Dienst an den Sterbenden.

Die Australierin Bronnie Ware schrieb das Buch „Fünf Dinge, die Sterbend am meisten bereuen“.

Bronnie Ware hat etwas Ähnliches getan wie Hanses: Auch sie ist eine Chronistin des Todes, auch sie hat jahrelang Sterbenden zugehört. Nur will Ware etwas ganz anderes als der Forscher: Sie will, dass die Gesunden glücklicher werden. Ihre Arbeit als Künstlerin ist ein Dienst an den Lebenden.

Ware: rundes Gesicht, lange braune Haare, Locken, hat acht Jahre lang Todkranke gepflegt. Das hat sie verändert, sagte sie. „Erst die Sterbenden haben mir gezeigt, wie ich leben sollte.“ Nun hat sie ein Buch geschrieben über ihre Zeit als Palliativpflegerin. Das neue öffentliche Interesse am Sterben machte nun ausgerechnet sie, eine zuvor mittellose Australierin, zu einer wohlhabenden Frau.

“5 Dinge, die Sterbende am meisten bereuen“, heißt ihr Werk. Vor einem Jahr schaffte es Ware damit in die deutschen Medien - obwohl es damals nur in englischer Sprache erhältlich war. Inzwischen ist es in 26 Sprachen übersetzt worden, die deutsche Fassung ist gerade in die Läden gekommen. „Offenbar kam meine Botschaft zur richtigen Zeit“, sagt die Autorin, aber, ja, gewundert habe sie sich auch über das große Interesse an ihren im Grunde simplen und traurigen Geschichten.

Umgedrehter Lebenslauf

Bronnie Wares Lebenslauf ist einer von denen, die aussehen, als seien sie falsch herum aufgeschrieben. Erst arbeitete sie in einer Bank, trampte dann auf eine Insel, mixte Cocktails an der Bar, zapfte Bier in einer englischen Kneipe, verkaufte am Telefon Abos eines Pornokanals. Schließlich beschloss Ware, so viel wie möglich als Musikerin zu arbeiten, doch dafür fehlte ihr das Geld. Zumindest ein sozialer Beruf müsse es sein, entschied sie. Und Miete wollte sie auch keine zahlen.

So landete Ware bei einem Pflegedienst, dieser schickte sie in die Wohnung einer kranken Frau. Ware sollte die Patientin versorgen, dafür konnte sie bei ihr schlafen. Die Frau starb, Ware zog beim nächsten Patienten ein, und so blieb sie acht Jahre lang die Pflegerin von Todkranken.

Dass die Australierin heute von ihrer Kunst leben kann, hat sie im Grunde einem einzigen Blogeintrag zu verdanken: „Was Sterbende bereuen“, schrieb sie in der Überschrift. Ware veröffentlichte den Text vor einigen Jahren auf ihrem bis dahin recht unbekannten Blog, er verbreitete sich im Netz, wurde Millionen Male angeklickt. Ein Verlag wurde darauf aufmerksam - darum hat Ware aus den ursprünglich 792 Wörtern 352 Seiten gemacht. Die Australierin erzählt darin die Geschichten ihrer früheren Patienten. Struktur dafür geben die fünf am häufigsten unerfüllt gebliebenen Wünsche ihrer Ex-Patienten:

  • Ich wünschte, ich hätte den Mut gehabt, mir selbst treu zu bleiben, statt so zu leben, wie andere es von mir erwarteten.
  • Ich wünschte, ich hätte nicht so viel gearbeitet.
  • Ich wünschte, ich hätte den Mut gehabt, meinen Gefühlen Ausdruck zu verleihen.
  • Ich wünschte, ich hätte den Kontakt zu meinen Freunden gehalten.
  • Ich wünschte, ich hätte mir mehr Freude gegönnt.

Nur etwa 30 Prozent der Menschen würden nichts bereuen am Ende ihres Lebens, sagte Ware. „Um zu dieser Minderheit zu gehören, kann ich nur empfehlen, die fünf Punkte zu beherzigen.“

Das Buch

Bronnie Ware, „5 Dinge, die Sterbende am meisten bereuen“. Arkana-Verlag 2013, 352 Seiten, 19,99 Euro

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