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Projekt von Rollstuhlfahrer : Selbständig leben mit Handicap

  • -Aktualisiert am

Bild: FAZ.NET

Alleine leben – im Rollstuhl? Michel Schmidt weiß aus eigener Erfahrung, dass das auch ohne Pflegedienst möglich ist. „Auch mit Handicap hat jeder ein Recht, so zu leben, wie er möchte“, sagt er – und bietet deshalb eine Beratung an.

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          Lange konnte Michel Schmidt nur davon träumen, aus dem Elternhaus auszuziehen. Immer wieder nahm er sich Stift und Papier und malte: seine eigene Wohnung, sich, seine Freunde, die ihn dort besuchen. Er stellte sich vor, was schön werden würde in seinem eigenen Zuhause, was vielleicht schwierig wäre und ob er Heimweh haben würde. Dass es diese Wohnung wirklich einmal geben könnte, glaubte er nicht: „Ich habe bei dem Thema immer nur an Pflegeheime, an Behindertenheime und an betreutes Wohnen gedacht – und das wollte ich nicht.“

          Julia Anton
          Redakteurin im Ressort Gesellschaft bei FAZ.NET

          Michel Schmidt kam als Frühchen zur Welt, er hat eine rechtsseitige Spastik. Dadurch hat er unter anderem Schwierigkeiten, seine rechte Hand zu bewegen. Seine Beine haben sich zwar normal entwickelt, können aber sein Gewicht nicht tragen, deshalb sitzt er im Rollstuhl. Er braucht Hilfe, wenn er auf Toilette geht oder duschen will. Abends muss ihn jemand vom Rollstuhl ins Bett bringen und morgens wieder zurück. Ein eigenständiges Leben schien deshalb lange ausgeschlossen.

          An diesem Spätnachmittag rollt Schmidt durch seine Traumwohnung, barrierefrei, zwei Zimmer, im Herzen von Linden bei Gießen. Ein Fahrdienst hat ihn gerade von seinem Job am Empfang eines sozialen Trägers abgeholt, der Achtundzwanzigjährige ist ausgebildeter Bürokaufmann. Der Fahrer bringt ihn bis in die Wohnung, dann muss er schnell weiter, der nächste Kunde wartet. Schmidt ist die nächsten anderthalb Stunden allein. Gegen 18 Uhr kommt dann eine Assistenzkraft und bleibt bis zum nächsten Morgen. „Ich könnte sie auch früher bestellen“, sagt Schmidt, „aber ich habe meine Wohnung auch gern mal für mich.“

          Man merkt ihm an, dass er sich hier wohlfühlt. Im Wohnzimmer gibt es einen großen Tisch und eine einladende Couch, im Schlafzimmer steht seine Karaokemaschine. Ein paar Wände hat er rot streichen lassen, andere grün, an den Wänden hängen Spruchkarten. Nur Details verraten sein Handicap: Vor dem Schreibtisch steht kein Stuhl, die Türklinken sind tiefer angebracht als üblich, Gläser und Tassen stehen nicht in den oberen, sondern in den unteren Küchenschränken. Die Wohnung hat er vor rund zwei Jahren über Facebook gefunden. Weil seine Mutter erkrankte und sich nicht mehr um ihn kümmern konnte, war er plötzlich gezwungen, den scheinbar unmöglichen Schritt in ein eigenständiges Leben zu machen. Statt betreutem Wohnen oder einem Pflegedienst mit Rufbereitschaft entschied er sich für ein Leben mit Assistenz.

          Helfende Mitbewohnerin auf Zeit

          „Mir war wichtig, dass ich mir selbst aussuchen konnte, wer mich betreut.“ Inzwischen hat er ein Team aus elf Personen unterschiedlichen Alters und mit unterschiedlichen Hintergründen zusammengestellt. Die meisten haben keine pflegerische Ausbildung, sondern finanzieren mit dem Job ihr Studium. Schmidt kommt es auf Zuverlässigkeit, Empathie und Sympathie an. „Ich wollte Leute, die eigentlich etwas anderes lernen oder studieren.“ Der gemeinsame Abend gleiche eher dem einer WG: „Wir gehen einkaufen und kochen, singen, besuchen eine Bar oder schauen fern.“ Manchmal bleibt aber auch jeder für sich. Schmidt ruft dann, wenn er Hilfe braucht.

          An diesem Abend ist die 22 Jahre alte Nicole Biedermann die helfende Mitbewohnerin auf Zeit. Als sie ihre Sachen abgestellt hat, bringt sie Schmidt erstmal zur Toilette und anschließend unter die Dusche. Später am Abend wird die Chemiestudentin ihm ins Bett helfen und dann auf der ausziehbaren Couch im Wohnzimmer übernachten. Am nächsten Morgen wird sie um sechs wieder mit Schmidt aufstehen und ihm helfen, sich fertig zu machen. Berührungsängste fielen dabei schnell, sagt sie. Die Unterstützung eines Rollstuhlfahrers kennt sie von ihrer Großmutter.

          Die Schwierigkeiten beim Auszug seien eher andere gewesen. Zum Beispiel die Frage nach der Finanzierung. „Kein Amt kommt von sich aus zu dir und sagt, das und das steht dir zu“, sagt Schmidt. „Erst wenn man nachfragt, heißt es: ,Oh, ja, tatsächlich, Sie haben Recht.‘“ Dann sei da noch die plötzliche Verantwortung für sich selbst gewesen: Jetzt entscheidet er, wann er ins Bett möchte, wann eingekauft, wann geputzt wird, und natürlich muss der Dienstplan für die Assistenten gemacht werden. Am Anfang sei das belastend gewesen. „Erst durch den Auszug habe ich mein Handicap richtig wahrgenommen.“

          „Das ist menschenverachtend“

          Die Hilfe von der Familie habe er immer als normal empfunden. Zu akzeptieren, dass er immer auf die Hilfe von Fremden angewiesen sein wird, sei nicht leicht gewesen. Mittlerweile habe sich aber alles eingespielt – und zwar so gut, dass Schmidt eine Beratung gegründet hat: „Von Handicap zu Handicap“. Damit will er anderen Betroffenen Wohnungen, Pflegedienste und Assistenten vermitteln. Am Projekt beteiligt sind auch soziale Träger wie die Lebenshilfe und die Ergänzende Unabhängige Teilhabeberatung. Nun soll das Projekt in ganz Deutschland aufgebaut werden. Über Stammtische könnten die Hilfesuchenden sich kennenlernen und zu Wohngemeinschaften zusammenfinden. Schmidt und seine Beratung würden dann bei der Verwirklichung und der Organisation von Versorgung und Pflege helfen.

          „Ich hätte mir damals gewünscht, dass jemand seine Erfahrung und sein Wissen mit mir geteilt hätte“, sagt Schmidt. Wie nötig ein solches Angebot ist, habe ihm einer seiner Fälle gezeigt. Er berät eine 56 Jahre alte Frau, die in Folge eines Schlaganfalls Betreuung braucht. Im Pflegeheim, sagt Schmidt, habe man sie aber auf einer Station untergebracht, auf der niemand sprechen könne. „Das ist menschenverachtend. Auch mit Handicap hat jeder ein Recht so zu leben, wie er möchte.“ Er ist überzeugt, sich durch seine eigenen Erfahrungen gut in andere Hilfesuchende hineinversetzen zu können. „Ich weiß, was schön ist und was schwierig.“

          Mit der Beratung erfüllt sich Schmidt auch einen Berufswunsch. „Ich wollte schon immer anderen helfen.“ Am liebsten hätte er eine Ausbildung zum Erzieher gemacht. Doch auf seine Bewerbungen habe es immer geheißen, das komme wegen des Rollstuhls nicht in Frage – zum Beispiel, weil er einem gestürzten Kind nicht so gut aufhelfen könne. „Das sehe ich ganz anders.“ Die Enttäuschung ist ihm anzuhören. Schmidt sieht vor allem Vorteile. „Erzieher mit Handicap helfen Kindern, Berührungsängste abzubauen.“

          Generell ist ihm wichtig, dass Menschen mit Handicap gesehen werden. Wenn er mit seinen Assistenten unterwegs ist, nimmt er deshalb gerne den Bus. Obwohl manche Fahrer sich zunächst weigerten, für ihn die Rampe herunterzuklappen oder ihn überhaupt mitzunehmen. Das will er durch seine Präsenz ändern.

          An diesem Abend möchten Michel Schmidt und Nicole Biedermann noch in eine Kneipe, sie sind dort verabredet. Dafür werden sie sich gleich fertigmachen. Sollen wir vorher noch was essen? Weißt du schon, was du anziehen wirst? Es ist wie in jeder anderen WG auch.

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