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Projekt von Rollstuhlfahrer : Selbständig leben mit Handicap

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Die Schwierigkeiten beim Auszug seien eher andere gewesen. Zum Beispiel die Frage nach der Finanzierung. „Kein Amt kommt von sich aus zu dir und sagt, das und das steht dir zu“, sagt Schmidt. „Erst wenn man nachfragt, heißt es: ,Oh, ja, tatsächlich, Sie haben Recht.‘“ Dann sei da noch die plötzliche Verantwortung für sich selbst gewesen: Jetzt entscheidet er, wann er ins Bett möchte, wann eingekauft, wann geputzt wird, und natürlich muss der Dienstplan für die Assistenten gemacht werden. Am Anfang sei das belastend gewesen. „Erst durch den Auszug habe ich mein Handicap richtig wahrgenommen.“

„Das ist menschenverachtend“

Die Hilfe von der Familie habe er immer als normal empfunden. Zu akzeptieren, dass er immer auf die Hilfe von Fremden angewiesen sein wird, sei nicht leicht gewesen. Mittlerweile habe sich aber alles eingespielt – und zwar so gut, dass Schmidt eine Beratung gegründet hat: „Von Handicap zu Handicap“. Damit will er anderen Betroffenen Wohnungen, Pflegedienste und Assistenten vermitteln. Am Projekt beteiligt sind auch soziale Träger wie die Lebenshilfe und die Ergänzende Unabhängige Teilhabeberatung. Nun soll das Projekt in ganz Deutschland aufgebaut werden. Über Stammtische könnten die Hilfesuchenden sich kennenlernen und zu Wohngemeinschaften zusammenfinden. Schmidt und seine Beratung würden dann bei der Verwirklichung und der Organisation von Versorgung und Pflege helfen.

„Ich hätte mir damals gewünscht, dass jemand seine Erfahrung und sein Wissen mit mir geteilt hätte“, sagt Schmidt. Wie nötig ein solches Angebot ist, habe ihm einer seiner Fälle gezeigt. Er berät eine 56 Jahre alte Frau, die in Folge eines Schlaganfalls Betreuung braucht. Im Pflegeheim, sagt Schmidt, habe man sie aber auf einer Station untergebracht, auf der niemand sprechen könne. „Das ist menschenverachtend. Auch mit Handicap hat jeder ein Recht so zu leben, wie er möchte.“ Er ist überzeugt, sich durch seine eigenen Erfahrungen gut in andere Hilfesuchende hineinversetzen zu können. „Ich weiß, was schön ist und was schwierig.“

Mit der Beratung erfüllt sich Schmidt auch einen Berufswunsch. „Ich wollte schon immer anderen helfen.“ Am liebsten hätte er eine Ausbildung zum Erzieher gemacht. Doch auf seine Bewerbungen habe es immer geheißen, das komme wegen des Rollstuhls nicht in Frage – zum Beispiel, weil er einem gestürzten Kind nicht so gut aufhelfen könne. „Das sehe ich ganz anders.“ Die Enttäuschung ist ihm anzuhören. Schmidt sieht vor allem Vorteile. „Erzieher mit Handicap helfen Kindern, Berührungsängste abzubauen.“

Generell ist ihm wichtig, dass Menschen mit Handicap gesehen werden. Wenn er mit seinen Assistenten unterwegs ist, nimmt er deshalb gerne den Bus. Obwohl manche Fahrer sich zunächst weigerten, für ihn die Rampe herunterzuklappen oder ihn überhaupt mitzunehmen. Das will er durch seine Präsenz ändern.

An diesem Abend möchten Michel Schmidt und Nicole Biedermann noch in eine Kneipe, sie sind dort verabredet. Dafür werden sie sich gleich fertigmachen. Sollen wir vorher noch was essen? Weißt du schon, was du anziehen wirst? Es ist wie in jeder anderen WG auch.

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