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Projekt „Mobilfalt“ : Auch wenn der Bus mal nicht fährt

  • -Aktualisiert am

Ein „Mobilfalt“-Aufkleber auf einem teilnehmenden Privatauto Bild: dpa

In Nordhessen soll „Mobilfalt“ den öffentlichen Nahverkehr revolutionieren. Private Autofahrten zum Bahnhof sollen fehlende Busverbindungen ersetzen - eine internetgestützte Plattform dient als Basis.

          3 Min.

          Eine Mitfahrerzentrale für private Autofahrten mit Fahrplan und Anschluss an Bus und Bahn, die vom regionalen Verkehrsverbund organisiert wird, soll auf dem Land die Mobilität einer älter und rarer werdenden Bevölkerung sichern. Das ist die Idee des nicht nur national beachteten Projekts „Mobilfalt“, das Hessens Wirtschaftsminister Florian Rentsch (FDP) am Freitag in Sontra im Werra-Meißner-Kreis eröffnete. Der Kreis an der Grenze zu Thüringen ist mit seinen Dörfern und Kleinstädten ländlich strukturiert. Seine ausgeprägte Mittelgebirgstopographie, mit den tiefen Tälern von Werra und Losse einerseits und Bergen wie dem Hohen Meißner mit einer Höhe von 750 Meter andererseits, macht den Kreis zwar landschaftlich liebenswert, erschwert aber seine infrastrukturelle Erschließung.

          Das wiederum begünstigt die Abwanderung der Jugend in nahe Ballungsräume wie ins Kasseler Becken oder ins Rhein-Main-Gebiet, die jeweils ein bis zwei Stunden entfernt liegen. An dem Projekt beteiligt sich auch ein Ort im merklich besser erschlossenen hessischen Schwalm-Eder-Kreis und im benachbarten Kreis Hersfeld-Rotenburg. Die Idee zur Mobilfalt, der sprachlichen Verbindung aus Mobilität und Vielfalt, ist aus der Not geboren. Der Landrat des Kreises, Stefan Reuß (SPD), sah das Angebot an öffentlichem Personennahverkehr (ÖPNV) im Kreis schwinden. Da der Busverkehr vor allem den Schülern dient, die Schulen aber ihren Unterricht und ihre Angebote an die Jugendlichen in den Nachmittag ausgeweitet haben, lohnten die Busverbindungen zur Mittagszeit nicht mehr.

          Die älter werdende Bevölkerung kam nicht mehr nach Hause

          Darunter litt wiederum die älter werdende Bevölkerung, die vom Einkauf oder vom Arztbesuch am Vormittag in der Stadt zum Mittag nicht mehr ins Dorf nach Hause kam. Rentschs Vorgänger im Amt, Dieter Posch (FDP), lehnte die Bitte nach mehr Geld für den Busverkehr ab. Also ersetzte die ländliche Region Geld durch Geist und verfolgte die Idee einer vom Nordhessischen Verkehrsverbund (NVV) organisierten Mitfahrzentrale, die den öffentlichen Nahverkehr nach Ansicht aller Beteiligten „in ländlichen Regionen revolutionieren“ soll.

          „Öffentlicher Nahverkehr wird und kann nicht sämtliche Probleme des demografischen Wandels in den ländlichen Regionen lösen, aber gute Verbindungen und Verknüpfungen von Zug, Bus, Taxi und jetzt sogar Privatwagen bieten den Bürgern im Werra-Meißner-Kreis die Möglichkeit, lange mobil zu sein und damit aktiv am Leben in der Kommune teilzunehmen.

          Mobilität gehört zur Lebensqualität“, sagte Rentsch. Kern des Projekts ist die Verknüpfung des Individualverkehrs in den Pilotregionen um die Orte Sontra, Nentershausen (Hersfeld-Rotenburg) und Herleshausen in einem Zweckverband Interkommunaler Zusammenarbeit, rund um Witzenhausen im Werra-Meißner-Kreis sowie Niedenstein im Schwalm-Eder-Kreis mit allen Angeboten, die bislang in den Fahrplänen des NVV zu finden ist. In dem Fahrplan sind Anrufsammeltaxis, Bürgerbusse, Busse, Straßenbahn und Zug verzeichnet.

          Die bisherigen Angebote werden im vorhandenen NVV-Tarif- und Fahrplansystem um Fahrten im Privatauto oder Taxi ergänzt. Damit integriert Mobilfalt die Privatfahrt mit dem Auto in die Verlässlichkeit des ÖPNV mit Tarif- und Taktangebot und seiner Infrastruktur von Strecken, Bahnhöfen und Stationen. Jeder kann seine regelmäßigen oder unregelmäßigen privaten Autofahrten anderen anbieten und erhält dafür einen Zuschuss von 30 Cent pro Kilometer. Der Preis pro Fahrt für den Fahrgast ist in der Pilotphase mit einem Euro kalkuliert.

          Die technische Basis von Mobilfalt ist eine internetgestützte Plattform, mit der angebotene und nachgefragte Autofahrten in die bestehenden Fahrpläne für den Nahverkehr integriert und zentral gesteuert werden. Abgerechnet wird über den NVV, der die Einnahmen verteilt. Gebucht wird über das Internet, das Telefon und über die neu entstandene Mobilitätszentrale im Stadtbahnhof Eschwege. Mit dem Beginn von Mobilfalt wird es dort auch möglich sein, Elektrofahrräder zu mieten. Damit wird der ÖPNV in Nordhessen zum ersten Mal mit elektrischer Mobilität auf dem Fahrrad verknüpft. Um das Vorhaben in den Pilotkommunen bekannt zu machen und zu verankern, sind in den nächsten Wochen Starthelfer unterwegs.

          Die Vorarbeiten waren aufwendig und teuer

          Unterstützt werden der NVV und seine Partner aus den Nahverkehrsgesellschaften der Landkreise Werra-Meißner, Schwalm-Eder und Hersfeld-Rotenburg von der Hessischen Landesregierung. Als Teil der hessischen Nachhaltigkeitsstrategie „Mobilität 2050“ flossen 180.000 Euro in die Entwicklungskosten der Mobilfalt von insgesamt 360.000 Euro. Darüber hinaus beteiligt sich das Land mit einer Million Euro am Versuch selbst. Wird die Testphase in Nordhessen erfolgreich abgeschlossen, soll Mobilfalt auf andere Teile Hessens ausgeweitet werden. Die Vorarbeiten waren aufwendig und teuer.

          Auch mit Hilfe der Universität Kassel entstand eine besondere Buchungs-Software, und die Mobilitätszentrale war zu errichten. Damit kann das Projekt nach Angaben des NVV zu merklich geringeren Kosten auf andere Landkreise übertragen werden. Der NVV schätzt, dass Mobilfalt merklich billiger ist als herkömmliche Angebote mit dem Anruf-Sammel-Taxi oder dem Bus, auch weil die Kosten bei den europäischen Ausschreibungen von Busleistungen sprunghaft steigen und der Kilometerpreis zurzeit um mehr als 30 Prozent höher liegt als bei der ersten Ausschreibungswelle.

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