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Studie zur Weltbevölkerung : Kein unendliches Wachstum

Den Forschern zufolge könnte die deutsche Bevölkerung bis 2100 auf 63 Millionen schrumpfen. Bild: dpa

Forscher rechnen auf längere Sicht mit einem Rückgang der Weltbevölkerung. Der bisherige Anstieg könnte schon 2064 seinen Höhepunkt erreicht haben – und 2100 weniger Menschen auf der Erde leben als heute.

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          Während die Vereinten Nationen damit rechnen, dass die Weltbevölkerung bis zum Jahr 2100 wachsen wird, gehen amerikanische Wissenschaftler der Universität von Washington in Seattle von einem Anstieg nur bis zum Jahr 2064 aus. Dann sei mit geschätzten 9,73 Milliarden Menschen ein Höchststand erreicht. Bis 2100 werde die Zahl wieder auf 8,79 Milliarden absinken. Das wären gut zwei Milliarden Menschen weniger als von den Vereinten Nationen 2019 errechnet.

          Peter-Philipp Schmitt

          Redakteur im Ressort „Deutschland und die Welt“.

          Die Studie, die von Christopher Murray und seinem Team am Mittwoch im Fachblatt „The Lancet“ veröffentlicht und von der Stiftung von Bill und Melinda Gates finanziert wurde, legt sogar nahe, dass die Weltbevölkerung in 80 Jahren auf unter sieben Milliarden sinken könnte. Derzeit leben rund 7,8 Milliarden Menschen auf der Erde.

          Nur noch 66 Millionen Einwohner in Deutschland

          Einer der Hauptgründe für den starken Rückgang: Frauen, die Zugang zu Bildung und Geburtenkontrolle haben, entscheiden sich dafür, weniger Kinder zu bekommen. Ausschlaggebend für die Reproduktion einer Bevölkerung ist die Geburtenziffer. Sie gibt die durchschnittliche Zahl der Kinder an, die Frauen im gebährfähigen Alter bis 50 Jahre bekommen. In Deutschland liegt sie momentan bei etwa 1,4. Langfristig nimmt die Bevölkerungszahl ab, wenn die Fertilitätsrate unter 2,1 sinkt. Und das wird sie, wie die Wissenschaftler aus Seattle schreiben, in fast allen Ländern. In ihrer Studie haben sie Szenarien, aufbauend auf dem Jahr 2017, für 195 Länder und Territorien entwickelt. Bis 2050 werden schon 151 Länder eine Geburtenziffer von zum Teil deutlich unter 2,1 haben, bis zum Jahr 2100 sogar 183 Länder.

          Die Folge: In 23 Ländern, darunter Japan, Thailand und Spanien, wird sich die heutige Bevölkerung in 80 Jahren mehr als halbiert haben, in Japan von knapp 130 auf etwa 60 Millionen, in Thailand von 70 auf 35 Millionen und in Spanien von 46 auf 23 Millionen Menschen. In Deutschland gehen die Forscher von einem Rückgang von gut 83 Millionen Einwohnern auf etwa 66 Millionen aus.

          Auch Chinas Bevölkerung wird sich demnach nahezu halbieren – von 1,4 Milliarden auf 732 Millionen Menschen. Die Volksrepublik bliebe allerdings auch im Jahr 2100 eines der bevölkerungsreichsten Länder der Welt, nach Indien (Rückgang von 1,38 auf knapp 1,1 Milliarden Menschen) und Nigeria (Anstieg von 206 auf 791 Millionen) und vor den Vereinigten Staaten (Anstieg von 325 Millionen auf 336 Millionen) und Pakistan (Anstieg von 214 auf 248 Millionen).

          Vor allem Afrika kommt bei Bevölkerungsstudien stets eine Schlüsselrolle zu. Dort soll sich nach UN-Berechnungen die Einwohnerzahl von derzeit 1,35 Milliarden auf 4,3 Milliarden im Jahr 2100 mehr als verdreifachen. In Nigeria und Niger liegen die Geburtenziffern derzeit noch bei 5,1 und 7,1. Die Wissenschaftler aus Seattle aber rechnen damit, dass sie selbst dort bis 2100 auf 1,7 und 1,8 absinken werde; sogar auf 1,6 und 1,65, wenn die Ziele für nachhaltige Entwicklung der Vereinten Nationen, besonders zur Bildung und Geburtenkontrolle, konsequent umgesetzt werden. Sollte die Staatengemeinschaft die Entwicklungsziele tatsächlich zu 100 Prozent umsetzen, würden 2100 dann nur noch 6,3Milliarden Menschen auf der Erde leben, schreiben die Autoren.

          Zugleich würde sich die Altersstruktur der meisten Gesellschaften massiv ändern. Der Altersdurchschnitt stiege von knapp 33 auf mehr als 46 Jahre. Rund 2,4 Milliarden Menschen wären im Jahr 2100 älter als 65, nur 1,7 Milliarden unter 20 Jahre alt. Die Zahl der Kinder unter fünf Jahren ginge um mehr als 40 Prozent auf 400 Millionen zurück, während fast 879 Millionen Menschen älter als 80 Jahre wären. In vielen Ländern würden als Folge Arbeitskräfte fehlen, was zu verstärkter Migration und Emanzipation von Frauen führe, so die Forscher.

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