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Produzent Nico Hofmann : Die Formel seines Lebens

„Ich bin meganervös, ob `Der Turm´ gelingt“: Nico Hofmann über seinen neuen Film. Bild: Jens Gyarmaty

Ob „Der Turm“, „Der Tunnel“ oder „Dresden“: Produzent Nico Hofmann macht aus Zeitgeschichte Unterhaltung fürs Fernsehen. Damit ist er so erfolgreich wie umstritten. Begegnung mit einem Besessenen.

          Eben noch hat Götz George mit drei russischen Soldaten am Kamin der Villa am Wannsee gesessen, in der er aufgewachsen ist. Auf einem runden Tisch stehen leere Flaschen und ein voller Aschenbecher; Dunstschwaden aus einem Blasebalg, die später, im Film, aussehen werden wie Zigarrenqualm, wabern durch den Raum. Jetzt wird die nächste Szene geprobt, der sowjetische Offizier zieht die Schubladen eines Schreibtisches auf, während George mit hängenden Schultern vor ihm steht: ein Koloss mit kastanienbraunem Haar und Zwirbelschnauzer. Götz George spielt seinen eigenen Vater. Der Offizier schnarrt: „Waren Sie in Partei?“

          Julia Schaaf

          Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Der mächtigste Mann im Raum steht am Rand und schaut einfach zu. Nico Hofmann hat die Füße hüftbreit gespreizt, ein Hustenbonbon kreiselt zwischen seinen Fingern. Raubkatzen strahlen eine ähnliche Grundspannung aus. Hofmann schweigt. Nie würde er, der Produzent, sich während eines Besuchs in die Dreharbeiten einmischen. Die geschäftige Routine am Set jedoch wäre undenkbar, wenn er nicht zufrieden wäre. Die „Muster“, die Ergebnisse der ersten drei Drehtage, kennt er längst: „Dann wissen Sie, ob es ganz schlimm wird oder ob’s gelingt.“

          Hofmann hat sich kurz mit Regisseur und Kameramann unterhalten. Er hat registriert, dass wirklich alle Details, die in den Blickwinkel der Kamera geraten könnten, originalgetreue Zeugnisse der Vergangenheit sind. Dann begrüßt er seinen Hauptdarsteller. Er kennt Götz George seit den Neunzigern, Hofmann war damals noch Regisseur, und weil er viel von der Urgewalt dieses Schauspielers gelernt hat, bezeichnet er ihn als Vaterfigur. Jetzt lobt er die aktuelle Arbeit: „Ich find’s irre; sehr, sehr souverän.“ George haut ihm die Pranke auf den Rücken und antwortet mit einer Frotzelei: Vertrautheiten unter Freunden.

          Hofmanns Durchbruch als Regisseur: „Der Sandmann“ mit Karoline Eichhorn und Götz George.

          Gleich wird der Produzent wieder in den Fonds einer silbernen Limousine steigen, in dem eine Banane als Proviant für die Fahrt nach Dresden wartet. Es ist der Auftakt zu einem fulminanten Hofmann-Herbst: Während das ZDF am Abend dieses Montags „Der Fall Jakob von Metzler“ zeigt, hat in der sächsischen Hauptstadt „Der Turm“ Premiere, die Verfilmung des Tellkamp-Romans, die das Erste zum Tag der Deutschen Einheit ausstrahlen wird. Anfang November läuft - schon im Vorfeld von öffentlicher Aufregung flankiert - „Rommel“. Hofmann hat Grippe, er ist vollgepumpt mit Antibiotika, um die Gala in Dresden zu überstehen. Aber er gibt auch zu, dass er nervös ist in diesen Wochen, die Folgen haben werden für seinen Ruf, seine Arbeit, seinen Weg.

          Im Vorgarten der George-Villa am Wannsee nippt der Mann, der wahlweise als Deutschlands größter, erfolgreichster oder umstrittenster Fernsehproduzent bezeichnet wird, an einem Plastikbecher Kaffee und sagt: „Hier kommt alles zusammen, was mich interessiert.“

          Je echter, desto Hofmann

          Es ist der sechste Drehtag zu einem Dokudrama über Heinrich George, Sommer 1945: Der Großschauspieler, den die Nazis hofiert und zum Theaterintendanten gemacht haben, wird von den Russen verhaftet. Götz George ist damals knappe sechs Jahre alt, seinen Vater wird er vor dessen Tod nur einmal wiedersehen. Über die Nähe des alten George zum Dritten Reich, über seine Unabhängigkeit von der NS-Ideologie wird bis heute gestritten, in dem Film geht es deshalb auch um Schuld. Aber eben nicht nur. Wie immer interessiert sich Hofmann vor allem für Geschichte als Familienschicksal und die Auseinandersetzung eines Sohnes mit seinem Vater. Ideal, nicht nur an Originalschauplätzen, sondern mit Götz George selbst zu drehen: je echter, desto Hofmann.

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