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Prinzessin Mabel im Interview : „Mädchen sind Geheimwaffen gegen Armut“

Woran liegt das?

Das hat verschiedene Gründe, aber vor allem, weil sie häufiger ungeschützten Sex haben und haben müssen, weil ihre Männer sie dazu zwingen. Von ihnen wird erwartet, dass sie viele Kinder gebären, ein Zwang, dem sie sich nicht entziehen können. So liegt der Anteil von jungen Frauen im Alter von 15 bis 24 Jahren an der Weltbevölkerung zwar nur bei elf Prozent, doch 25 Prozent aller HIV-Neuinfektionen betreffen genau sie. Das heißt, wenn wir die Fortschritte im Kampf gegen HIV und Aids nicht aufs Spiel setzen wollen, müssen wir mehr für Mädchen tun. Wir müssen dafür sorgen, dass sie nicht vorzeitig heiraten, dass sie zur Schule gehen und einen Beruf lernen. Geld, das wir dafür ausgeben, ist gut angelegt: Denn Mädchen und Frauen investieren fast 90Prozent ihres Einkommens in die Familie und die Gemeinschaft. Mädchen sind darum die Geheimwaffen im Kampf gegen Armut. Es kommt uns also allen zugute.

Sie sagen, Kinderehen gebe es überall auf der Welt. Aber sind sie nicht doch eher in Gegenden verbreitet, wo sie aufgrund von Kultur und Religion Tradition sind?

Als ich anfing, mich dafür zu interessieren, dachte ich, es sei ein Problem des Mittleren Ostens und muslimischer Länder. Doch das stimmt nicht. Es zeigt aber, wie viele Vorurteile wir haben. Die meisten Kinderehen, fünf Millionen jedes Jahr, gibt es in Indien, in einem überwiegend hinduistischen Land. Auf meinen Reisen nach Äthiopien musste ich feststellen, dass im christlich-orthodoxen Norden des Landes vier von fünf Mädchen mit 18 Jahren schon verheiratet sind, im muslimischen Süden sind es nur 15Prozent der Mädchen unter 18Jahren.

Warum tun Mütter ihren Töchtern das an, wenn sie doch selbst oft darunter gelitten haben?

Das kann verschiedene Gründe haben: Viele tun es, weil es seit Generationen so gemacht wurde. Oder weil sie in ihrer Familie dann ein Kind weniger zu versorgen haben. Oder sie wollen ihr Kind mit einer Ehe schützen, weil sie Angst haben, ihre Tochter könnte schwanger werden, bevor sie verheiratet ist. Am Ende aber läuft es immer darauf hinaus, dass Mädchen und Jungen nicht gleich behandelt und auch nicht als gleichberechtigt angesehen werden.

Welche Rolle spielen Krieg und Vertreibung?

Auch Not bringt Eltern dazu, ihre Töchter vorzeitig zu verheiraten. Sie wollen ihnen damit kein Leid zufügen, sondern sie schützen. In Syrien waren vor dem Krieg zwölf Prozent der Mädchen vor dem 18. Lebensjahr verheiratet. Das ist nicht viel im Vergleich zum Rest der Welt. Die Zahl ist inzwischen auf mehr als 30 Prozent gestiegen.

Sie werden am Samstag auf der Operngala der Deutschen Aids-Stiftung in Berlin mit dem Preis „World without Aids“ für ihre Arbeit ausgezeichnet. Werden wir zu unseren Lebzeiten noch eine Welt ohne Aids erleben?

Auf jeden Fall. Ich bin davon überzeugt, dass das zu schaffen ist. Wir dürfen nur nicht diejenigen vergessen oder ignorieren, die besonders von HIV betroffen sind. Und wir müssen alle zusammen auf dieses Ziel hinarbeiten. Dann wird das, was unmöglich erscheint, möglich.

Die Fragen stellte Peter-Philipp Schmitt.

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