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Prinzenpaar in Deutschland : Gekommen, um zu scheinen

Kanzlerin Merkel begrüßt die sympathischen Botschafter aus Großbritannien in Berlin. Bild: AFP

William und Kate sind in Brexit-Zeiten als Botschafter eines noch immer sympathischen Großbritanniens nach Berlin angereist. So einige Botschaften haben sie dort aber auch empfangen.

          Schon zwei Stunden vor dem angekündigten Eintreffen des Herzogs und der Herzogin von Cambridge am Brandenburger Tor machen sich im Berliner Stadtbild Vorzeichen der Visite von „William und Kate“ bemerkbar. Auf der Straßenterrasse des „Café Einstein Unter den Linden“ sitzen zwei Damen, die je eine einzelne gelbe Sonnenblume vor sich auf dem Marmortisch liegen haben und einen Fascinator auf ihren Frisuren tragen – einen kleinen, aus Federn und Stoff zusammengefügten Kopfschmuck, der in Großbritannien bei Pferderennen und königlichen Gartenpartys ein durchaus gebräuchliches Kleidungsstück darstellt, der aber eigentlich nie so recht den Sprung über den Kanal auf den europäischen Kontinent geschafft hat.

          Johannes Leithäuser

          Politischer Korrespondent in Berlin.

          An den Absperrgittern auf der westlichen Seite des Tores, dem Platz des 18.März, wartet im Arm eines älteren Herrn ein fast meterhoher Stoffteddy wahrscheinlich eher neugierig auf die Kinder des Herzogs und der Herzogin. Der in zwei Tagen vierjährige George und die zwei Jahre jüngere Schwester Charlotte begleiten ihre Eltern auf dieser Reise, die in Polen begann und die nach dem Besuch in Berlin weiter nach Heidelberg und Hamburg führen wird. Auch Sabine aus Berlin-Rudow hat sich früh einen Platz an der Absperrung gesucht und ihr weißgepunktetes rotes Sommerkleid so üppig mit britischen Fahnen, Wimpeln und Fotos des jungen Prinzenpaars dekoriert, dass sie gleich zum Ziel aller Pressefotografen wird, denen sie geduldig erklärt, dass sie sowohl Feministin, als auch Royalistin sei.

          Bundeskanzlerin Angela Merkel empfängt Prinz William und Herzogin Kate im Bundeskanzleramt in Berlin. Bilderstrecke

          Der königliche Besuch fährt nach seiner Ankunft in Berlin erst einmal zu einem leichten Lunch bei Angela Merkel im Bundeskanzleramt vorbei (Lachs und Thunfisch zur Vorspeise, Kabeljau mit Gemüse zum Hauptgang, Joghurt mit Erdbeeren zum Nachtisch). Währenddessen füllt sich der Platz vor dem Brandenburger Tor, viele Zufallstouristen wittern ein besonderes Ereignis, bleiben stehen und warten mit den Berliner Fans des Königshauses, die sich die Zeit mit allerlei Fachsimpeleien vertreiben. Auf der abgesperrten Fläche bummeln ein paar Polizisten herum, auch drei Damen vom Protokoll. „Die im blauen Kleid hat ja jar keene Strümpfe an“, bemängelt eine Zuschauerin, „det jeht doch nich“, bei so einem Ereignis.

          Händeschütteln und Winken auf dem Pariser Platz

          Der Berliner Regierende Bürgermeister Michael Müller wird auf dem Platz abgesetzt. Auch er muss noch eine Weile auf die Gäste warten, hat genügend Zeit, ein letztes Mal den Schlipsknoten zurechtzuziehen und das Biedermeiersträußchen zu begutachten, das er der Herzogin gleich überreichen wird. Endlich fährt ein schwarzer Jaguar vor, eskortiert von sieben Motorradpolizisten, geschmückt mit dem königlichen Stander. Der Bürgermeister verbreitert sein schmales Lächeln, William und Kate steigen aus, winken und schreiten gemessen durch den mittleren der Torbögen, jenen, der einst der deutschen kaiserlichen Familie vorbehalten war.

          Auf dem Pariser Platz dann Händeschütteln, Winken, freundlicher Jubel. Jeder Programmpunkt dieser Reise ist mit viel politischer Sorgfalt erwogen und geplant worden. Die Mitglieder der britischen Königsfamilie reisen auf offiziellen Besuchen nicht nach eigenem Gusto, sondern weitgehend den Absichten und Wünschen der Regierung Ihrer Majestät folgend. Sie sollen Botschaften vermitteln und Zeichen setzen. So hat auch dieser Besuch eine Bedeutung, die ganz unverhüllt einer Erklärung zu entnehmen ist, die am Mittwoch der britische und der deutsche Außenminister gemeinsam veröffentlichen. „In den Händen der Jugend von heute liegt die Zukunft der Beziehungen zwischen Deutschland und dem Vereinigten Königreich“, lautet ihr erster Satz. Im weiteren handelt der Text von einem verstärkten Jugendaustausch, aber der Anfang ist doch auch auf den königlichen Besuch gemünzt: in einem Moment, wo Europa, wo Deutschland, Polen und andere europäische Länder noch immer mit verstörtem Staunen auf das britische Brexit-Votum und das folgende politische Chaos in London blicken, sollen die beiden jungen herzoglichen Sonderbotschafter den Eindruck herstellen, dass Großbritannien eine sympathische Zukunft haben werde.

          Besuch beim Jugendzentrum „Bolle“ in Berlin Marzahn

          Zu den Stationen, die wohl auf persönlichen Wunsch von William und Kate auf den Programmzettel genommen wurden, gehört am Mittwochnachmittag ein Besuch bei „Bolle“, einem Jugendzentrum in Berlin Marzahn, dessen aus Spenden finanzierte Arbeit vor allem solchen Kindern gilt, die kein Zuhause haben oder die dort keine Geborgenheit finden. Das Prinzenpaar engagiert sich selbst in einer Wohltätigkeitsstiftung für Kinder und Jugendliche mit psychischen Schwierigkeiten, sodass die Gespräche mit dem Leiter des Jugendhauses und den Betreuern dort auch ihr fachliches Interesse finden. Und für die betreuten Kinder ist der Besuch ein Glück, weil er ein anderes Ereignis dieses Tages weit in den Hintergrund drängt: an diesem Mittwoch hat es morgens an den Berliner Schulen Zeugnisse gegeben.

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          Der Abstecher in den Berliner Osten ist keine Premiere für Mitglieder der britischen Königsfamilie. Vor mehr als 20 Jahren ist Williams Vater, der britische Thronfolger Charles, in diese Gegend gekommen. Damals waren an Stadtplanungs-Ideen für die ausgedehnten Plattenbaureviere im Berliner Osten englische Architekten beteiligt, die Verbindungen zu Charles pflegten. Er zeigte Neugierde und sah sich in der Wohnung von Familie Kunz in Berlin-Hellersdorf um, begrüßte deren Wellensittiche und fragte die Mieter, ob das Wohnen im Betonfertigteilbau nicht sehr hellhörig sei.

          William und Kate indessen senden am Mittwoch in Berlin nicht nur Botschaften, sie empfangen auch welche. Am Brandenburger Tor wehen aus der Menge der Schaulustigen auch drei Europafähnchen und die Kulturstiftung im Max-Liebermann-Haus weist mit einem senkrechten Banner auf eine derzeit laufende Foto-Ausstellung hin, deren Motto lautet, „leaving is entering“ – es könnte übersetzt werden als Empfehlung: wer geht, der kommt zurück.

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