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Prinz Charles wird 70 : Der weite Blick auf die Dinge des Lebens

Prinz Charles und Queen Elizabeth II. bei einem offiziellen Fotoshooting 2015 für die Royal Mail im Buckingham Palace. Bild: AFP

Am Mittwoch wird Prinz Charles 70. Bis seine Mutter ihm die Geschäfte übergibt, dürfte es noch dauern. Doch die langen Jahre des Wartens hat er gut genutzt.

          Erst zählte man die Jahre, bis Prinz Charles als erster britischer Kronprinz in Rente gehen würde; das kuriose Datum wurde 2013 begangen. Seither zählt man die Jahre, die er nun im Ruhestand auf seinen Haupteinsatz wartet. Am Mittwoch, wenn Charles seinen 70. Geburtstag feiert, werden es fünf sein. Einige Jahre mehr könnten folgen, denn seine Mutter, Königin Elisabeth II., zeigt mit ihren 92 Jahren kaum Schwächen; sie schält sich ohne Hilfe aus Autos und Kutschen, steigt alleine Treppen hinauf und lächelt so ungebrochen wie ehedem. „Queen Mum“, Elisabeths Mutter und Charles’ Großmutter, verließen die Kräfte erst mit 101.

          Jochen Buchsteiner

          Politischer Korrespondent in London.

          Der Kronprinz lässt sich übrigens tatsächlich eine Rente auszahlen, es sind ein paar hundert Pfund, und natürlich spendet er sie. Es ist ein Akt korrekter Buchführung, aber es steckt auch eine Prise self-deprication darin, eine sehr englische Form der Selbstironie. Charles schämt sich nicht seines Kronprinzenrentnerdaseins, warum sollte er auch? Die Frage, ob er sich vom Leben betrogen fühlt, ob er verzweifelt ist oder deprimiert oder einfach nur auf sardonische Weise amused, steht im Mittelpunkt fast aller Biographien und Porträts der vergangenen Jahre. Manche seiner Deuter sehen im scheinbar ewigen Warten die Tragik eines unerfüllten Lebens, andere einen eher zufälligen Umstand, der ihn bei seiner durchaus bemerkenswerten Persönlichkeitsentwicklung begleitete, ja sie erst ermöglichte. „Natürlich will Charles König werden“, schrieb die amerikanische Publizistin Catherine Mayer im Vorwort zu ihrer Biographie. „Aber es ist, wie ich entdeckt habe, seine geringste Ambition.“

          Daran darf man zweifeln, so wie eigentlich an fast allem, was über ihn gesagt und geschrieben wird. Dem royalen Gesetz „Never complain, never explain“ – niemals klagen, nichts erklären – sind auch die Journalisten unterworfen. Obwohl keine Familie so oft in der Öffentlichkeit steht, weiß man sehr wenig darüber, was im Hause Windsor wirklich geschieht, geschweige denn, was im Inneren der Royals selbst vorgeht. Informationen, für die sich der eine Kenner verbürgt, erklärt der nächste für abwegig und frei erfunden. So verhält es sich zum Beispiel mit der Geschichte, dass sich Charles jeden Morgen sieben Eier kochen lasse, um nur das perfekte zu verspeisen, oder auch mit der Anekdote, dass ihm sein Butler täglich die Zahnpasta auf die Zahnbürste dosiere.

          Weitgehend unumstritten scheint, dass Charles ein gewinnender und auch einfühlsamer Unterhalter ist. Wahrscheinlich haben wenige Menschen mehr Menschen getroffen, so dass sich der Kronprinz auf schlichtweg jeden einstellen kann. Seine Wohltätigkeitsarbeit bringt ihn mit einfachen Arbeitern, kriegsversehrten Soldaten und selbst mit strauchelnden Existenzen zusammen. Auf gesellschaftlichen Anlässen trifft er Prominente, Künstler, Denker und natürlich Milliardäre, die von den Hofberichterstattern halbernst „Bond Villains“ genannt werden, Leute also, die an James Bonds schillernd-schurkige Gegenspieler erinnern und die er besonders gerne für seine Charity-Aktivitäten einspannt.

          Dennoch ist Charles offenbar auch gut bekannt mit der Einsamkeit, die Monarchen umgibt. Der britische Schauspieler Kenneth Branagh berichtete 2014 in einem Gespräch mit dieser Zeitung, er habe den Prinzen in den achtziger Jahren um ein Treffen gebeten, als er in der Royal Shakespeare Company Heinrich V. darstellen sollte und etwas über das Gefühl der Isolation erfahren wollte, die man als Mitglied des Königshauses empfindet. „Er erzählte“, so Branagh, „man könne einen ganzen Tag in einer Kirche oder bei einem Wohltätigkeitsevent verbringen, und erst in den letzten fünfzehn Minuten seien die Leute wirklich sie selbst, wenn sie mit einem redeten – wenn man Glück habe.“

          In den vergangenen Jahrzehnten hat Charles ein eindrucksvolles Imperium mit Tausenden Mitarbeitern aufgebaut. Allein sein Vorzeigeprojekt, der „Prince’s Trust“, hat seit 1976 mehr als 870.000 jungen Leuten einen Weg aus der Perspektivlosigkeit ins Berufsleben und einigen sogar ins Unternehmertum geebnet. Nach den Berechnungen des Trusts flossen so mehr als 1,5 Milliarden Pfund zurück in die Gesellschaft. 16 weitere Organisationen hat Charles ins Leben gerufen, und mehr als 600 leiht er seinen guten Namen als Schirmherr. Der „Daily Telegraph“ nannte ihn mal „das am härtesten arbeitende Mitglied der Königsfamilie“. Der Coca-Cola-Manager James Sommerville behauptete sogar, dass Charles in der Wirtschaft zu einem zweiten Steve Jobs geworden wäre.

          Grundstein für das Überleben der Monarchie

          Das mag übertrieben sein, zumal Sommerville ein Geschäftspartner des Kronprinzen ist. Nicht zu unterschätzen ist hingegen die politische Dimension der Charity-Offensive. Der deutsche Königshaus-Biograph Thomas Kielinger glaubt, dass Charles mit seinem Engagement nicht weniger als den Grundstein für das „Überleben der Monarchie“ gelegt habe. Eine so antiquierte Institution wie das englische Königshaus sei von den Sympathien der Bevölkerung abhängig, und die gewinne es vor allem durch die Anerkennung seiner Arbeit an der Gesellschaft. „Zukunft“, sagt Kielinger, „hat die britische Monarchie nur als Wohltätigkeitsmonarchie.“

          Prinz Charles an seinem fünften Geburtstag im Jahre 1953. Bilderstrecke

          Nicht alle Aktivitäten des Kronprinzen sind dabei unumstritten. Dort, wo Philanthropie in Bekenntnis oder gar Einmischung umschlägt, stößt er sogar auf offenen Widerspruch. Seit den siebziger Jahren betätigt sich Charles als Anwalt für den Umweltschutz, als Streiter für die Bewahrung historischer, am liebsten klassischer Architektur, als Kritiker der Schulmedizin und als Botschafter für den interreligiösen Dialog. Er schreibt Briefe an Minister – seine berüchtigten, in schwarzer Krakelschrift abgefertigten „black spider“-Notizen – und trifft Kabinettsmitglieder, um persönlich für seine Anliegen zu werben. Charles finanziert Denkfabriken, entwickelt Modelldörfer und experimentierte schon früh mit dem kommerziellen biologischen Landbau.

          Einige Biographen führen seinen Sinn für ganzheitliche Betrachtungsweisen, von manchen profan „Esoterik“ genannt, auf den Einfluss des gelehrten, von seinen Anhängern als Guru verehrten Schriftstellers Laurens van der Post zurück, dem Charles als junger Mann, in einer Orientierungsphase, begegnet war. Van der Post wiederum bewunderte den schweizerischen Psychoanalytiker Carl Jung und dessen spiritualistische Lehre. Auch Charles’ Faszination für die Religionen des Ostens rührt daher. Andere machen darauf aufmerksam, dass Charles’ Vorlieben in Wahrheit gar nicht so weit von denen seines Vaters entfernt seien.

          Das Verhältnis des Kronprinzen zu Prinz Philip sei belastet, heißt es oft. Als junger Mann hat Charles einmal beklagt, dass es seiner Erziehung an Liebe gefehlt habe, und auch wenn sich der Vorwurf gegen beide Elternteile richtete, blieb er mehr an Philip hängen. Im Vergleich zu der Rolle, die heute die Kinder in der Royal Family spielen, musste Charles vieles entbehren. Er wurde überwiegend von Dritten erzogen und oft von Reisen ausgespart. So manchen Geburtstag feierte er ohne Mutter und Vater. Besonders unglücklich war Charles über seine Internatserziehung in Schottland, in Gordonstoun, einer in den dreißiger Jahren von dem aus Deutschland geflohenen Reformpädagogen Kurt Hahn gegründeten Schule. Das britische Seriendrama „The Crown“ zeigte ihn unlängst als sensiblen verzweifelten Internatsschüler, dem es nicht gelingen wollte, die Erwartungen seines Vaters zu erfüllen. Philip, der in den Dreißigern einer der ersten Schüler des Internats gewesen war, soll den Drill und den Männlichkeitskult von Gordonstoun genossen haben. Sein Sohn – der noch dazu gehänselt wurde – verabscheute beides.

          Aber hinter Philips rauhem, männlichem Auftritt verbirgt sich mehr Empfindsamkeit, als vielen bekannt ist. Nur wenige wissen, dass er gerne (und gar nicht schlecht) malt. Auch ist er belesen und naturverbunden und – trotz seiner politisch unkorrekten Kommentare – mit einem Sinn für soziale Beziehungen ausgestattet. Das Engagement für wohltätige Zwecke kommt von ihm, Philip. Tatsächlich ist Philip der einzige in der Royal Family, der noch mehr Schirmherrschaften übernommen hat als sein Sohn.

          Ein Unterschied zum Vater liegt darin, dass Charles seine privaten Interessen und Vorlieben offen und auch streitbar zur Schau stellt. Seine Architekturkritik trieb ihn sogar in Gefilde, in die sich ein Kronprinz nicht verirren sollte. Mehrmals griff er in Bebauungspläne für die britische Hauptstadt ein. Eines seiner „Opfer“, der Stararchitekt Richard Rogers, begann eine öffentliche Fehde, in der sich die Crème der internationalen Branche auf die Seite des Kollegen und gegen den Kronprinz stellte. Norman Foster, Zaha Hadid, Jacques Herzog, Renzo Piano und Frank Gehry beklagten sich in einem gemeinsamen Brief über die „Hinterzimmer-Einflussnahme“ des Kronprinzen, die einen offenen und demokratischen Planungsprozess untergrabe. Auf Kritik stieß Charles aber auch bei Ärzten, die seine Plädoyers für die homöopathische Medizin und die Ausrichtung der von ihm gegründeten „Prinzenstiftung für integrierte Gesundheit“ für „gefährlich“ erklärten. Der britische Medizinprofessor Edzard Ernst und der Wissenschaftsjournalist Simon Singh nannten Charles in einem Buch über Alternativmedizin „töricht und unmoralisch“.

          Charles’ Engagement bot in den vergangenen Dekaden reichlich Gelegenheit zum Widerspruch und zum Spott. Aber mit der Zeit verschaffte er sich mit seiner Hartnäckigkeit auch Anerkennung und Respekt. Das Profil des leidenschaftlichen Philanthropen – ergänzt um den Eindruck, dass er auch privat seinen Frieden gefunden hatte – stülpte sich mit den Jahren über das Bild, das vor allem von seiner unglücklich verlaufenen Ehe mit Diana Spencer definiert war. Lange hatte Charles ja vor allem als untauglicher Ehemann gegolten, der der „Prinzessin der Herzen“ das Leben schwermachte. Verübelt wurde ihm nicht nur, wie er seine Ehe führte, sondern dass er sie überhaupt eingegangen war.

          Nicht mehr die Hexe im Hintergrund

          In die kollektive Erinnerung eingegraben hat sich der Augenblick, als das junge Paar vor einer Fernsehkamera über die bevorstehende Hochzeit sprach. Ob sie sich denn auch lieben würden, fragte der Interviewer etwas stumpf. „Natürlich“, flötete Diana. „Was immer Liebe bedeutet“, brummte Charles. Inzwischen wissen die Briten, dass er Diana aus purer Pflichterfüllung geheiratet hat. Sein Vater, aber auch sein geliebter Großonkel, Louis Mountbatten, hatten ihn gedrängt, sich endlich um die Fortführung der Dynastie zu kümmern. Die Frau seines Lebens war schon damals Camilla gewesen, die aber zu diesem Zeitpunkt vergeben war, und in deren Arme er erst viele Jahre später zurückkehren sollte. Das Bild des Kronprinzen vom untreuen, lieblosen Ehemann wandelte sich langsam, aber nachhaltig. Charles hatte Diana betrogen, keine Frage, aber in seiner Untreue war er sich und Camilla auf seltsame Weise treu geblieben.

          Auch der Blick auf Camilla änderte sich mit der Zeit. Schon länger ist sie nicht mehr die Hexe im Hintergrund, sondern die respektierte Ehefrau des Kronprinzen, die ihm erkennbar guttut. Man sieht die beiden oft miteinander lachen, nicht nur bei unfreiwillig komischen Gelegenheiten wie dem „Katajjaq“-Tanz zweier Inui-Frauen in Kanada im vergangenen Jahr. Ein Gefühl der Stimmigkeit hat sich eingestellt. Die Nation scheint nun bereit, sich von Charles und Camilla führen zu lassen. „Queen Consort“ wird Camilla wohl trotzdem nicht heißen, wenn Prince Charles zu King Charles III. wird – sondern „Princess Consort“, wie bisher. Das wirkt passender für das erste Königspaar in der britischen Geschichte, das aus zwei Geschiedenen besteht.

          So einiges könnte sich ändern, wenn Charles vom Clarence House in den nahe gelegenen Buckingham Palace umzieht. Bei aller politischen Zurückhaltung, die ihm abverlangt werden wird, dürfte er sich doch abheben von der makellosen Neutralität, die seine Mutter bis heute an den Tag legt. Mit Charles wird eine ausgereifte Persönlichkeit den Thron besteigen, ein Mann, der keine Eingewöhnungszeit benötigt, auch keinen Rat, und so seiner Regentschaft vom ersten Tag an einen Stempel aufdrücken kann. Gleichwohl würden die Briten wohl schon bald über ihren neuen, gleichwohl alten König hinausblicken – auf seinen Sohn William und dessen fast märchenhaft königliche Familie. Charles mit seinem weiten Blick auf die Dinge des Lebens weiß selbst am besten, dass er den Briten wohl nur ein Übergangskönig sein kann.

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