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Prinz Charles wird 70 : Der weite Blick auf die Dinge des Lebens

Charles’ Engagement bot in den vergangenen Dekaden reichlich Gelegenheit zum Widerspruch und zum Spott. Aber mit der Zeit verschaffte er sich mit seiner Hartnäckigkeit auch Anerkennung und Respekt. Das Profil des leidenschaftlichen Philanthropen – ergänzt um den Eindruck, dass er auch privat seinen Frieden gefunden hatte – stülpte sich mit den Jahren über das Bild, das vor allem von seiner unglücklich verlaufenen Ehe mit Diana Spencer definiert war. Lange hatte Charles ja vor allem als untauglicher Ehemann gegolten, der der „Prinzessin der Herzen“ das Leben schwermachte. Verübelt wurde ihm nicht nur, wie er seine Ehe führte, sondern dass er sie überhaupt eingegangen war.

Nicht mehr die Hexe im Hintergrund

In die kollektive Erinnerung eingegraben hat sich der Augenblick, als das junge Paar vor einer Fernsehkamera über die bevorstehende Hochzeit sprach. Ob sie sich denn auch lieben würden, fragte der Interviewer etwas stumpf. „Natürlich“, flötete Diana. „Was immer Liebe bedeutet“, brummte Charles. Inzwischen wissen die Briten, dass er Diana aus purer Pflichterfüllung geheiratet hat. Sein Vater, aber auch sein geliebter Großonkel, Louis Mountbatten, hatten ihn gedrängt, sich endlich um die Fortführung der Dynastie zu kümmern. Die Frau seines Lebens war schon damals Camilla gewesen, die aber zu diesem Zeitpunkt vergeben war, und in deren Arme er erst viele Jahre später zurückkehren sollte. Das Bild des Kronprinzen vom untreuen, lieblosen Ehemann wandelte sich langsam, aber nachhaltig. Charles hatte Diana betrogen, keine Frage, aber in seiner Untreue war er sich und Camilla auf seltsame Weise treu geblieben.

Auch der Blick auf Camilla änderte sich mit der Zeit. Schon länger ist sie nicht mehr die Hexe im Hintergrund, sondern die respektierte Ehefrau des Kronprinzen, die ihm erkennbar guttut. Man sieht die beiden oft miteinander lachen, nicht nur bei unfreiwillig komischen Gelegenheiten wie dem „Katajjaq“-Tanz zweier Inui-Frauen in Kanada im vergangenen Jahr. Ein Gefühl der Stimmigkeit hat sich eingestellt. Die Nation scheint nun bereit, sich von Charles und Camilla führen zu lassen. „Queen Consort“ wird Camilla wohl trotzdem nicht heißen, wenn Prince Charles zu King Charles III. wird – sondern „Princess Consort“, wie bisher. Das wirkt passender für das erste Königspaar in der britischen Geschichte, das aus zwei Geschiedenen besteht.

So einiges könnte sich ändern, wenn Charles vom Clarence House in den nahe gelegenen Buckingham Palace umzieht. Bei aller politischen Zurückhaltung, die ihm abverlangt werden wird, dürfte er sich doch abheben von der makellosen Neutralität, die seine Mutter bis heute an den Tag legt. Mit Charles wird eine ausgereifte Persönlichkeit den Thron besteigen, ein Mann, der keine Eingewöhnungszeit benötigt, auch keinen Rat, und so seiner Regentschaft vom ersten Tag an einen Stempel aufdrücken kann. Gleichwohl würden die Briten wohl schon bald über ihren neuen, gleichwohl alten König hinausblicken – auf seinen Sohn William und dessen fast märchenhaft königliche Familie. Charles mit seinem weiten Blick auf die Dinge des Lebens weiß selbst am besten, dass er den Briten wohl nur ein Übergangskönig sein kann.

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