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Prinz Charles wird 70 : Der weite Blick auf die Dinge des Lebens

Dennoch ist Charles offenbar auch gut bekannt mit der Einsamkeit, die Monarchen umgibt. Der britische Schauspieler Kenneth Branagh berichtete 2014 in einem Gespräch mit dieser Zeitung, er habe den Prinzen in den achtziger Jahren um ein Treffen gebeten, als er in der Royal Shakespeare Company Heinrich V. darstellen sollte und etwas über das Gefühl der Isolation erfahren wollte, die man als Mitglied des Königshauses empfindet. „Er erzählte“, so Branagh, „man könne einen ganzen Tag in einer Kirche oder bei einem Wohltätigkeitsevent verbringen, und erst in den letzten fünfzehn Minuten seien die Leute wirklich sie selbst, wenn sie mit einem redeten – wenn man Glück habe.“

In den vergangenen Jahrzehnten hat Charles ein eindrucksvolles Imperium mit Tausenden Mitarbeitern aufgebaut. Allein sein Vorzeigeprojekt, der „Prince’s Trust“, hat seit 1976 mehr als 870.000 jungen Leuten einen Weg aus der Perspektivlosigkeit ins Berufsleben und einigen sogar ins Unternehmertum geebnet. Nach den Berechnungen des Trusts flossen so mehr als 1,5 Milliarden Pfund zurück in die Gesellschaft. 16 weitere Organisationen hat Charles ins Leben gerufen, und mehr als 600 leiht er seinen guten Namen als Schirmherr. Der „Daily Telegraph“ nannte ihn mal „das am härtesten arbeitende Mitglied der Königsfamilie“. Der Coca-Cola-Manager James Sommerville behauptete sogar, dass Charles in der Wirtschaft zu einem zweiten Steve Jobs geworden wäre.

Grundstein für das Überleben der Monarchie

Das mag übertrieben sein, zumal Sommerville ein Geschäftspartner des Kronprinzen ist. Nicht zu unterschätzen ist hingegen die politische Dimension der Charity-Offensive. Der deutsche Königshaus-Biograph Thomas Kielinger glaubt, dass Charles mit seinem Engagement nicht weniger als den Grundstein für das „Überleben der Monarchie“ gelegt habe. Eine so antiquierte Institution wie das englische Königshaus sei von den Sympathien der Bevölkerung abhängig, und die gewinne es vor allem durch die Anerkennung seiner Arbeit an der Gesellschaft. „Zukunft“, sagt Kielinger, „hat die britische Monarchie nur als Wohltätigkeitsmonarchie.“

Prinz Charles an seinem fünften Geburtstag im Jahre 1953. Bilderstrecke

Nicht alle Aktivitäten des Kronprinzen sind dabei unumstritten. Dort, wo Philanthropie in Bekenntnis oder gar Einmischung umschlägt, stößt er sogar auf offenen Widerspruch. Seit den siebziger Jahren betätigt sich Charles als Anwalt für den Umweltschutz, als Streiter für die Bewahrung historischer, am liebsten klassischer Architektur, als Kritiker der Schulmedizin und als Botschafter für den interreligiösen Dialog. Er schreibt Briefe an Minister – seine berüchtigten, in schwarzer Krakelschrift abgefertigten „black spider“-Notizen – und trifft Kabinettsmitglieder, um persönlich für seine Anliegen zu werben. Charles finanziert Denkfabriken, entwickelt Modelldörfer und experimentierte schon früh mit dem kommerziellen biologischen Landbau.

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