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25 Jahre in der Post : Späte Grüße aus Monaco

  • -Aktualisiert am

Was für ein Glück: Hongyan und Dongxing Li freuen sich über Post. Bild: Mona Jaeger

Vor 25 Jahren machte das Ehepaar Li Urlaub in Frankreich. Es schickte eine Postkarte nach Deutschland – jetzt kam sie an.

          3 Min.

          Herr Li ist Chemieingenieur, er ordnet Moleküle und Atome. Für die Wunderlichkeiten der Natur muss er eine Erklärung finden. Er mag es, wenn die Dinge ihre Ordnung haben. Umso mehr ärgerte ihn die Sache mit der Postkarte.

          Mona Jaeger

          Redakteurin in der Politik.

          Eigentlich fing alles gut an, mit einem ausgiebigen Frühstück und blauem Himmel über dem Strand von Monaco. Dongxing Li und seine Frau Hongyan machten Urlaub in Frankreich und besuchten auch das kleine Fürstentum. Herr Li hatte sich eigens eine Super-8-Kamera gekauft. Sie kostete den chinesischen Doktoranden, der zum Studium nach Deutschland gekommen war, damals, man schrieb das Jahr 1989, ein kleines Vermögen. Er wollte die Filme später noch schneiden und mit Musik unterlegen. Aber die Freunde zu Hause in Karlsruhe sollten schon jetzt von der schönen Reise erfahren, deshalb wollte ihnen das Ehepaar Li eine Postkarte schicken. Sie suchten die schönste aus: den Blick vom felsigen Berg über die dicht stehenden Häuser, hinab zur Küste.

          Auf die Rückseite schrieben sie: „Lieber Ruiqi und Guangzheng, herzliche Grüße aus Monaco. Es ist eine schöne Gegend, und es geht uns gut. Wir haben aber auch Heimweh. Wie geht es Nini? Bitte gib ihr einen Kuss von uns.“ Sie schickten die Karte am 3. April 1989 an die Familie Liu, in die Waldhornstraße 36, Apartment 5, 7500 Karlsruhe, BRD, West Germany. Aber da kam sie nie an.

          Er sah den Poststempel: 4-4-89

          Als Herr und Frau Li wieder zu Hause waren und davon erfuhren, ärgerten sie sich. Aber nur kurz, denn sie hatten Wichtigeres zu tun. Frau Li war im achten Monat schwanger, und Herr Li musste seine Doktorarbeit abgeben. Nach dem ersten bekamen die Lis noch ein zweites Kind. Sie zogen von Karlsruhe nach Ober-Ramstadt in die Nähe von Frankfurt. Die Freunde, an die die Grüße aus Monaco gerichtet waren, zogen in die Vereinigten Staaten. Die Jahre vergingen. Und alle vergaßen die Postkarte aus Monaco.

          Dann klingelte vor vier Tagen das Handy von Herrn Li, er war gerade auf der Arbeit. Ob er vor 25 Jahren eine Postkarte an eine Familie Liu nach Karlsruhe geschickt habe, schrieb ihm ein Bekannter. Herr Li traute seinen Augen nicht. Er hatte doch niemandem von der Geschichte erzählt. Wollte ihn da jemand veralbern?

          Das dachte auch Zilong Liu, als er nur ein paar Stunden zuvor in seinen Briefkasten geschaut hatte. Er studiert Produktdesign und war erst vor kurzem nach Deutschland gezogen, in ein Mehrfamilienhaus an der Waldhornstraße 36 in 76131 Karlsruhe. In seinem Briefkasten fand er eine Postkarte. Wahrscheinlich die Urlaubsgrüße von chinesischen Freunden, dachte er. Aber keiner seiner Bekannten war zu der Zeit in Monaco. Und warum war die Karte an eine Familie Liu adressiert, wo er doch allein wohnt? Er las den Text auf der Karte und merkte schnell, dass sie nicht an ihn gerichtet war. Er sah den Poststempel: 4-4-89. War die Karte tatsächlich so lange unterwegs gewesen? Herr Liu wurde unruhig. Und neugierig.

          Was für ein Zufall: Nach 25 Jahren landete die Postkarte beim falschen Liu.

          Auf Weibo, der chinesischen Variante von Twitter, veröffentlichte er noch am gleichen Tag ein Bild von der Karte und fragte, ob jemand einen Herrn Li kenne, der Absender der Karte sein könnte. Innerhalb weniger Stunden wurde sein Eintrag 250 000 Mal geklickt, die in Deutschland lebenden Chinesen sind gut vernetzt. Und tatsächlich meldete sich nur ein paar Stunden später ein Chemieingenieur bei Liu. Er habe einen Bekannten, der so ähnlich unterschreibe wie der Herr Li auf der Karte. Er leitete die Suchanfrage weiter an das Programm WeChat, das so ähnlich funktioniert wie der Nachrichtendienst Whatsapp. Dort haben sich einige Chemiker zu einer Gruppe zusammengeschlossen, auch Herr Li aus Ober-Ramstadt ist Mitglied. So erfuhr er, dass seine Postkarte nach mehr als 25 Jahren doch noch zugestellt worden war. An einen fremden Mann, der zufällig den gleichen Nachnamen hat wie sein Freund - und der zufällig im gleichen Haus wohnte, wahrscheinlich sogar im gleichen Stock.

          Herr Li sucht nach einer Erklärung

          Nur hat es Herr Li nicht so sehr mit Zufällen, er ist schließlich Naturwissenschaftler. Zwar freute er sich sehr über die Nachricht von der Karte, aber er wollte auch wissen, wo sie so lange geblieben war. Deswegen sitzt Herr Li seit einigen Tagen jeden Abend vor seinem Laptop und sucht. Nach einer Erklärung. Er will Ordnung in die Sache bringen, auch nach mehr als 25 Jahren.

          Zunächst nahm er Kontakt mit Zilong Liu auf und ließ sich von ihm die Originalkarte schicken. Herr Li untersuchte den Aufkleber, der über das ursprüngliche Adressfeld geklebt worden war. Weil auf dem Aufkleber schon die fünfstellige Postleitzahl von Karlsruhe stand, schloss Herr Li, dass die Karte nach 1993, also nach der Umstellung der Postleitzahlen, von Monaco nach Deutschland gelangt sein muss. Das bestätigte ihm auch die Deutsche Post, bei der Herr Li gleich nachfragte. Mehr könne man zu dem Weg der Karte aber nicht sagen, schrieb ihm die Post, denn anders als bei Einschreiben werde die Zustellung von Postkarten nicht verfolgt. Man bemühe sich aber immer, fügte die Post noch an, Briefe möglichst schnell an den Empfänger zu leiten. „Schnell“, sagt Herr Li, „ist ja immer relativ.“

          Er setzt nun alle Hoffnung auf die paar roten Striche, eine Art Barcode, die jede Postsendung bekommt und die auch auf die Karte gedruckt wurden. Vielleicht verraten sie ja etwas über deren Geschichte. Denn nur zu gern würden sie die auch ihren Freunden, der Familie Liu in den Vereinigten Staaten, erzählen, zu denen sie immer noch Kontakt haben.

          Das Ehepaar Li hat gleich ein Foto von der Karte gemacht und es ihnen per Mail geschickt. Sollten die beiden Familien sich bald wieder einmal besuchen, kann Herr Li ihnen auch die Präsentation zeigen, die er über die Postkarte gemacht hat - mit Bildern, Screenshots von Zilong Lius Internet-Aufruf und einer Chronik des Fundes. Nur ein Datum darin fehlt: wann die Karte genau nach Deutschland kam. Das ärgert Herrn Li ein wenig. Denn er mag es, wenn die Dinge ihre Ordnung haben.

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