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Polyamore Liebe : Balanceakt zu dritt

Marie und er haben dann darüber gesprochen, was sie tun könnte, damit es ihm besser gehe: Ihn beim Abschied in den Arm nehmen, ihm Schokolade mitbringen. Florian sagt: „Kleine Gesten, die zeigen: Ich bin für dich da.“ Schließlich verliebte der Mann sich in eine monogame Frau und beendete die Beziehung zu Marie. „Das ist für mich ein ganz großer Schmerz“, sagt sie.

Wer polyamor lebt, balanciert „zwischen dem Ideal der Offenheit und dem Respekt vor den Gefühlen der Partner“, sagt die Soziologin Pieper. Diese Offenheit macht glücklich, weil sie emotionale Nähe stiftet, glauben die Polyamoristen. Im Umkehrschluss bedeutet das, dass ein monogames Leben für sie nicht in Frage kommt, „weil es in den meisten monogamen Beziehungen nicht ehrlich läuft“, wie Marie Hardenberg vermutet. Ihre eigenen Eltern, obgleich geschieden, hätten einander zwar nicht angelogen, aber aus der Beobachtung anderer Beziehungen ahnt sie: „Es gibt da keine klaren Konfrontationen. Ich glaube, dass da viele Gefühle unterdrückt werden und dass viele deswegen nicht glücklich sind.“

Viele sagen: „Find ich ja irgendwie toll“

Für sie sei es daher leichter, ihre Eifersucht zu überwinden, als sich einsperren zu lassen. Eifersucht nährt sich in den Augen der Menschen, die so leben wie die Hardenbergs, aus Verlustangst, einem schwachen Selbstwertgefühl und Besitzansprüchen. Florian sagt: „Man muss gucken, was man dagegen tun kann, und sich weiterentwickeln, bis man dem anderen gönnen kann, dass er glücklich ist - auch mit jemand anderem.“ Eine Vorstellung, die den meisten fremd ist, auch im Umfeld derjenigen, die so leben. Viele sagen: „Find ich ja irgendwie toll, aber ich könnte das nicht.“

Manche haben aber auch viel grundlegendere Bedenken. Der amerikanische Kommentator Stanley Kurtz beispielsweise hat die Bewegung mit ähnlichen Argumenten verteufelt wie die Homo-Ehe. Sie trage dazu bei, dass bestehende Ehen instabil würden und immer weniger Paare mit Kindern heirateten. Dadurch wachse die Zahl an Alleinerziehenden, und die Ehe als soziale Institution, die davon getragen werde, dass die gesamte Gesellschaft heterosexuelle, monogame Beziehungen und Heirat als einzige Form des Zusammenlebens fördere, werde in Frage gestellt.

Bild: Jan-Hendrik Holst

Florians Mutter - die nach dreißig Jahren Ehe gerade in Scheidung lebt - sieht die Sache hingegen abgeklärter. Sie hat das Gefühl, in der 1968er Bewegung schon all das ausgelebt zu haben, was ihr Sohn jetzt tut, und ahnt: „Wenn du so alt bist wie ich, willst du nicht mehr so leben!“

Aber das muss nicht so sein. Auch im Alter kann Polyamorie funktionieren, glauben Andrea, 51, und Heiner, 53. Andrea ist Sozialpädagogin, hat sechzehn Halbgeschwister und weiß bis heute nicht, wer ihr Vater ist. Seit achtzehn Jahren ist sie mit Heiner, gelernter Friedhofsgärtner und zurzeit in einer Wiedereingliederungsmaßnahme am Theater, liiert. Wie die Hardenbergs leben die beiden polyamor. Zwar wohnen sie nicht zusammen, haben keine gemeinsamen Kinder und sind nicht verheiratet, aber sie sehen sich als Paar und begegnen einander mit einer ruhigen Vertrautheit, die keinen Zweifel daran lässt, dass sie zusammengehören.

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