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Polizistin klagt über Aggression : Mehr Respekt!

Sie will einfach nur, sagt Tania Kambouri, dass sich etwas ändert. Dafür nimmt sie es in Kauf, nun bekannter zu werden, als es für Streifenpolizisten üblich ist. Bild: Edgar Schoepal

Eine griechischstämmige Streifenpolizistin aus Bochum schreibt einen Brandbrief über aggressive Einwanderer - und bekam dafür viel Zuspruch von Kollegen. Daraus hat Tania Kambouri nun ein Buch gemacht - eine Symbolfigur aber mag sie deshalb nicht sein.

          7 Min.

          Eigentlich wollte Tania Kambouri das gar nicht machen, was sie jetzt tut: Sie lässt sich interviewen. Lange hat die Streifenpolizistin aus Bochum mit den Medien gehadert. Aber nun ist die junge Frau mit griechischen Wurzeln als Autorin auf werbewirksame Publizität angewiesen. Anfang Oktober liegt ihr Buch „Deutschland im Blaulicht - Notruf einer Polizistin“ in den Läden. Darin berichtet sie ebenso schonungslos über ihren Berufsalltag wie sie mit den „sozialromantischen Anhängern eines unkritischen Multikulti“ abrechnet. Also sitzt sie an einem strahlenden Sonntag auf der Terrasse eines Bochumer Cafés und gibt ihr erstes Interview. Sie hat sich angezogen wie zu einem Abendtermin: Über ihrer Bluse aus fließender Seide trägt sie eine blaue Jacke. Ihr dichtes schwarzes Haar hat sie zusammengebunden. Kambouri könnte auch eine Schauspielerin sein. „Dabei will ich doch gar nicht bekannt werden.“

          Reiner Burger

          Politischer Korrespondent in Nordrhein-Westfalen.

          Eine Unbekannte ist Kambouri allerdings längst nicht mehr. Mit einem Leserbrief in der Gewerkschafts-Zeitschrift „Deutsche Polizei“ über aggressive straffällige Einwanderer war sie im Herbst 2013 zum Star vieler Kollegen geworden. „Wie sieht die Zukunft in Deutschland aus, wenn straffällige Migranten sich (weiterhin) weigern, die Regeln in ihrem Gast- beziehungsweise Heimatland zu akzeptieren?“, fragte Kambouri. Sie und ihre Kollegen würden täglich mit straffälligen Migranten konfrontiert, darunter größtenteils Muslime, die nicht den geringsten Respekt vor der Polizei hätten.

          Angst vor Nazi-Keule bei deutschen Polizisten

          Schon im Kindesalter fange die Respektlosigkeit an. Ihre deutschen Freunde und Kollegen äußerten oft, dass sie sich in ihrem eigenen Land nicht mehr wohlfühlten. Das könne sie bestätigen, da sie sich als Migrantin aufgrund der Überzahl ausländischer Straftäter in vielen Stadtteilen auch nicht mehr wohlfühle, schrieb die Polizistin. „Meine deutschen Kollegen scheuen sich, ihre Meinung über die straffälligen Ausländer zu äußern, da sofort die alte Leier mit den Nazis anfängt.“ Es könne nicht sein, dass Polizeibeamte keine Rechte mehr hätten und fürchten müssten, bei jeder rechtmäßigen Maßnahme gegen straffällige Migranten sanktioniert zu werden. Dass Menschen, die das Grundgesetz nicht achten und eine Parallelgesellschaft bildeten, tun und lassen könnten, was sie wollten: „Wo sind wir mittlerweile gelandet? Ist es schon so weit gekommen, dass die deutsche Polizei beziehungsweise der Staat sich (negativ) anpassen muss und wir unsere demokratischen Vorstellungen in gewissen Lebens-/Einsatzsituationen einschränken und aufgeben müssen?“ Der Entwicklung könne man nur mit ernsthaften Sanktionen wie Geldstrafen, Kürzung oder Streichung sämtlicher Hilfen durch den Staat oder Gefängnis Einhalt gebieten. Eine „sanfte Linie“ bringe nichts.

          Kambouris Hilferuf fand zunächst in der Polizei ein überwältigendes Echo. Unzählige Beamte meldeten sich bei der Zeitschrift. Die meisten lobten Kambouri, weil sonst keiner den Mut habe, so etwas zu sagen. Erschütternd sei, dass nach den Berichten der Kollegen auch Vorgesetzte dazu raten, Anzeigen wegen Beleidigung, Widerstand oder Körperverletzung gegen Täter ausländischer Herkunft zu unterlassen, „weil das nur Ärger bringt“, wie Oliver Malchow, der Vorsitzende der Gewerkschaft der Polizei (GdP) aus einer der Zuschriften zitierte. Einige wenige Leser befassten sich kritisch mit der von Kambouri angestoßenen Debatte. Ein Beamter beklagte „populistische Argumente mit dem Geruch rechtsradikalen Gedankenguts“.

          Kambouri wollte immer nur zur Polizei

          Tania Kambouri lächelt ein sanftes Mädchenlächeln und bestellt dann einen Tee aus frischen Pfefferminzblättern. „Genau das Richtige, um an heißen Tagen einen kühlen Kopf zu behalten.“ Natürlich regt sie der Populismus-Vorwurf auf. Kambouri wird zum ersten Mal ein bisschen schärfer. Sie hetze nicht gegen Ausländer, sagt sie. „Ich wäre ja auch ganz schön blöd, wenn ich es täte, ich habe ja selbst eine Einwanderungsgeschichte.“ Tania Kambouri kam 1983 als Tochter griechischer Eltern in Bochum zur Welt. Sie wuchs im Stadtteil Hamme auf. Mit ihrer besten Freundin, einer Türkin, beschloss sie, dass die Schulzeit nach der mittleren Reife noch nicht zu Ende sein sollte. Also organisierten sich die Mädchen ihren Aufstieg durch Bildung selbst, meldeten sich am Gymnasium an. „In der Realschule sagten uns die Lehrer, wir würden unser Abi eh nicht schaffen. Aber uns war das egal, wir haben einfach unser Ding durchgezogen.“ Ihre Freundin mit türkischen Wurzeln wurde Lehrerin.

          Tania Kambouri wollte immer nur eins: zur Polizei. Zwei selbstsichere junge Migrantinnen, die ganz bewusst wichtige Funktionen in der deutschen Gesellschaft anstreben. „Meine Freundin und ich stehen für die große Mehrheit der Migranten und ihrer Kinder, die bestens integriert sind.“ Genau deshalb dürfe man nicht die Augen vor der Minderheit verschließen, die ganze Stadtteile terrorisiere. „Ich will ja genau das nicht: dass die Bevölkerung immer ausländerfeindlicher, rassistischer wird. Wir dürfen einfach nicht verschweigen, was die Realität ist, wir müssen klar und deutlich thematisieren, was die Probleme sind.“

          Mit „Bullenschlampen“ wollte der Mann nicht reden

          Eben das tat Tania Kambouri dann auch im Frühjahr 2014 bei einer Diskussion beim Landesdelegiertentag der GdP in Dortmund. Sie war ziemlich nervös. Schließlich war auch ihr oberster Dienstherr da, der nordrhein-westfälische Innenminister. „Ich bin ja eine Polizistin auf der Straße, und nun mit hohen Politikern auf dem Podium zu sprechen, das ist schon was anderes.“ Wieder nahm sie kein Blatt vor den Mund. Und weil auch viele Zeitungen über ihren Auftritt in Dortmund berichteten, bemühten sich bald viele Talkshows, die Polizistin als Gast zu gewinnen: „Jauch, Illner und Schlagmichtot.“ Doch Tania Kambouri wollte das nicht. Als der Piper-Verlag ihr anbot, über ihre Erlebnisse im Streifendienst ein Buch zu schreiben, konnte sich die Kommissarin das zwar vorstellen. Aber dann als Autorin in die Öffentlichkeit? Bitte nicht! „Mein Verlag sagte: Du kannst ein Buch nicht still und heimlich schreiben. Entweder wir machen das ganz oder gar nicht.“ Also bekam Kambouri vor kurzem Besuch von einer Medientrainerin. Der wichtigste Rat der Trainerin: Am besten „frei Schnauze“, so natürlich wie möglich. Kambouri ist ohnehin ein Naturtalent. Bei ihrem ersten Fotoshooting für das Porträt in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in einem Bochumer Park macht sie gar nicht den Eindruck, als scheue sie die Öffentlichkeit. Professionell lächelt sie in die Kamera. Auf den Bildern allerdings sieht Kambouri gar nicht aus wie eine Streifenpolizistin, die über ihren rauhen Alltag berichtet.

          „Frei Schnauze“ hatte alles begonnen, als Kambouri in der Gewerkschaftszeitschrift den Artikel einer Berliner Sozialwissenschaftlerin las. „Da standen Dinge, die ich aus meinem Berufsalltag im Ruhrgebiet auch kenne. Und auf einmal musste raus, was sich über Wochen und Monate angestaut hatte.“ Erst wenige Tage davor war die Polizistin bei einem Einsatz mit einer Kollegin wieder einmal übel beschimpft worden. Der türkischstämmige Mann, der die Polizei selbst gerufen hatte, wollte sich nur mit männlichen Beamten, keinesfalls aber mit „Bullenschlampen“ abgeben. Er schickte die beiden Frauen weg, rief ein zweites Mal in der Leitstelle an und verlangte, dass ihm männliche Polizisten geschickt würden.

          Manchmal zweifelt sie an ihrem öffentlichen Leben

          Noch nie hatte Kambouri einen Artikel, einen Leserbrief oder Internet-Kommentar geschrieben. Aber nun ging alles ganz schnell. „Ich setzte mich hin und ließ meiner Wut freien Lauf.“ Ohne den Text noch einmal zu überarbeiten, versandte sie ihn spät in der Nacht per Mail an die Zeitschrift. Am nächsten Morgen las die Polizistin ihrer Mutter den Brief am Telefon vor. Sie fand ihn sehr direkt, machte sich Sorgen. Auch ein älteres Nachbarsehepaar, ihre besten Freunde, zog Kambouri zu Rate. Sie prophezeiten, dass der Brief ein Riesenecho hervorrufen werde. Kambouri sagte: „Übertreibt nicht. Das ist nur ein Leserbrief, den keiner lesen wird.“ Dass ihr Text veröffentlicht würde, damit rechnete sie aber fest. „Denn es gibt ja noch nicht so viele Kollegen mit Migrationshintergrund, und das Thema ist ja auch brisant.“

          Tania Kambouri hat mit einigen jungen Bochumer Polizisten in einem der sozialen Netze eine geschlossene Chat-Gruppe. Über diese Gruppe erfuhr die Polizistin, dass ihr Brief erschienen war. „Was hat du denn da gemacht?“, fragte einer der Kollegen ironisch. Kambouri war das irgendwie unangenehm. Sie öffnete ihr Mail-Postfach, in dem schon Dutzende Nachrichten von ihr unbekannten Kollegen eingegangen waren. „Ich war schon überrascht und habe mich auch gefreut, es war durchweg positiv.“ Später bekam die Polizistin per Botendienst einen Blumenstrauß in ihre Wache in Bochum-Mitte geschickt. Auf einer Grußkarte stand: „Geben Sie nicht auf, die Bochumer werden es Ihnen danken.“ Nur einmal kam es zu einem merkwürdigen Zwischenfall. Unbekannte leuchteten nachts mit Taschenlampen in ihre Wohnung. „Das hänge ich nicht zu hoch, aber auch nicht zu niedrig. Es gibt genug Polizisten, die viel weniger getan haben als ich und auch schon zu Hause von Typen aufgesucht wurden, die sie einschüchtern wollten.“ Angst mache ihr so was nicht. Seltsam fand sie hingegen, dass eine Boulevard-Zeitung ein Bild von ihr druckte, ohne um Erlaubnis gefragt zu haben. Es sind solche Erlebnisse, die Tania Kambouri zweifeln lassen, ob es gut ist, zu sehr in der Öffentlichkeit zu stehen.

          Nähe zu Sarrazin klingt durch

          Sie zögerte lange, den Buchvertrag zu unterschreiben „Ich habe einfach die Befürchtung, bekannt zu werden. Und das will ich nicht. Ich will weiter meinem Traumberuf nachgehen: Streifenpolizistin.“ Lange überlegte Kambouri, wog mit Familie, Freunden, Kollegen und Vorgesetzten Pro und Kontra ab. „Ich bin zu dem Ergebnis gekommen, dass man die Öffentlichkeit auf Probleme aufmerksam machen muss, damit sich was ändert. Ich möchte etwas Positives für dieses Land erreichen, möchte, dass Politiker und Justiz sich Gedanken machen, damit nicht alles schlimmer wird.“

          Es ist ein großer Schritt von einem Leserbrief zu einem Buch mit mehr als 200 Seiten. Der Verlag stellte Kambouri einen Ko-Autor zur Seite, der gemeinsam mit der Lektorin an den Texten feilte und eine Gliederung entwarf.

          Kambouris Buch ist ein Weckruf geworden. Höchste Zeit sei es, Grundlegendes zu ändern. „Falls wir das unterlassen, uns stattdessen noch länger von Sozialromantikern und Kulturrelativisten blenden lassen oder die Probleme nur halbherzig angehen, steht unsere Gesellschaft vor einer inneren Zerreißprobe“, heißt es gleich auf den ersten Seiten. Das klingt ein wenig wie bei Thilo Sarrazin. Der Verlag und Kambouri wissen das. Deshalb bewirbt Piper das Buch mit dem Slogan „Ein aktueller Beitrag zur Integrationsdebatte. Für Leser von Heinz Buschkowsky und Kirsten Heisig“. Und auch die Polizistin beteuert, wirklich nichts mit Sarrazin am Hut zu haben. Ihre Bezugsgrößen seien der ehemalige Berliner Bezirksbürgermeister Buschkowsky und die frühere Berliner Jugendrichterin Heisig.

          Kambouri ist überzeugt, dass man mit relativ einfachen Mitteln „und vor allem mit klaren Ansagen“ schon eine Menge erreichen könne. Von niemandem dürfe eine komplette Assimilation verlangt werden. Ausgangspunkt jeder Diskussion müsse aber die hiesige Kultur sein, hiesiges Recht und Gesetz, hiesige Gewohnheiten und Werte. „Eine Anpassung der Einheimischen an Einwanderer darf niemals stattfinden, nur um den Intoleranz-Vorwurf zu vermeiden.“ Natürlich fürchtet sich Tania Kambouri auch ein wenig vor scharfen Reaktionen, wenn jetzt über ihr Buch und ihre Botschaften in den Medien berichtet wird. „Ich würde dem zwar standhalten, ich bin stark genug. Aber niemand möchte gerne angefeindet werden.“

          Tania Kambouri steht vor „ihrer“ Wache, der Polizeiwache Bochum-Mitte. Sie hat jetzt ihre Uniform angezogen: hellblaues Hemd, dunkelblaue Krawatte. An ihrem Gürtel sind Handschuhe, Handschellen und ihre Pistole befestigt. Geduldig folgt die Kommissarin den Anweisungen des Fotografen, stützt sich auf einen Streifenwagen, lehnt sich an einen anderen. Sie lächelt. Wenn das mit ihrem Buch dann „durch“ sei, wolle sie nicht mehr die Symbolfigur der Debatte sein, sagt Kambouri. Ein öffentliches Gesicht bleiben? Keinesfalls! Sie will wie bisher einfach weiter Streife fahren.

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