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Politische Gefangene der DDR : Die Haft dauert an

Mit festem Hocker: Burkhardt Aulich in der Zelle, in der er einst saß Bild: Matthias Lüdecke

Die Haft ist noch nicht Geschichte: Angelika Cholewa und Burkhardt Aulich, politische Gefangene der DDR, leiden noch heute unter ihrer Inhaftierung.

          5 Min.

          Die Geschichte, die Angelika Cholewas Leben veränderte, begann im Juni 1980. Sie und ihr Mann erzählten ihren Familien, sie würden in Urlaub fahren, zum Campen in die Tschechoslowakei und nach Polen. Vor der Abfahrt gab Angelika Cholewa ihrem Bruder ihre Gitarre. „Verwahr sie gut“, sagte sie und brach in Tränen aus. „Ihr wollt wohl abhauen“, sagte er. Angelika Cholewa und ihr Mann fuhren über Zinnwald in die Tschechoslowakei, einem engen Grenzübergang, an dem nicht viel Platz war, um ihr Auto zu durchsuchen. Bevor sie die Grenze passieren konnten, mussten sie sich ausziehen. Das Geld, das sie ins Innenfutter ihrer Jacke eingenäht hatten, fanden die Grenzposten nicht.

          Britta Beeger

          Redakteurin in der Wirtschaft.

          Lange hatten sich die beiden auf diesen Tag vorbereitet. Sie hatten geübt, sich mit Kompass zu orientieren. Sie hatten Fotos von den Türmen der Grenzposten studiert und wussten, wo die besten Stellen waren, um durchzukommen. Sie hatten sich einen Seitenschneider und ein Nachtsichtfernglas besorgt. Heute sagt Angelika Cholewa, 57 Jahre alt, graues Strickkleid, lockige Haare: „Wenn ich darüber nachgedacht hätte, dass ich inhaftiert werden könnte, wäre ich wahrscheinlich nie losgefahren.“

          In Berlin: Angelika Cholewa

          Sie hielten auf einem Zeltplatz in Böhmisch Eisenstein, an der Grenze zum Sperrgebiet. Von hier aus konnten sie schon die bayerischen Berge sehen, die Freiheit war nicht mehr weit. Angelika Cholewa und ihr Mann bauten ihr Zelt auf. Am Abend packten sie einen Rucksack mit Wasser und Pumpernickel. Den Grenzsoldaten, die den Zeltplatz bewachten, erzählten sie, sie wollten spazieren gehen.

          Zwischen 200.000 und 300.000 politische Gefangene

          Mit Kompass und Karte liefen sie los, die Augen auf der Suche nach Stolperdrähten, die braun waren wie der Boden in Höhe der Knöchel und grün wie die Blätter in Höhe des Halses. Sie schafften es bis zum Wachturm an der Grenze und sahen durchs Fernglas, dass die beiden Soldaten Karten spielten; weil die Nacht windstill war, konnte der Wachhund sie nicht wittern. Was sie jedoch nicht erwartet hatten: der Zaun, der sich vor ihnen auftürmte.

          Von einem Zaun hatten ihre Verwandten im Westen nichts gesagt. Er musste gerade erst gebaut worden sein. Irgendwo musste es aber doch einen Durchgang geben, dachte sie, die Soldaten mussten schließlich auch durchkommen. Ihr Mann hingegen wollte zurück zum Zeltplatz, durch den Zaun würden sie nie kommen, sagte er. Sie stritten sich, er stürmte weg. Kurz darauf gingen die Leuchtfeuer hoch: Er war in einen Stolperdraht gelaufen.

          Die Außenansicht des MfS-Gebäudekomplexes mit der Haftanstalt, in der Burkhard Aulich saß

          Die Soldaten stiegen vom Wachturm und suchten mit Taschenlampen. Als sie an Angelika Cholewa vorbeigingen, ohne sie zu bemerken, sah sie ihre Chance gekommen. Gerade wollte sie loslaufen und nach dem Durchgang im Zaun suchen, da rief ihr Mann hinter ihr: „Hier sind wir.“

          Angelika Cholewa wurde zur Gefangenen des Systems, aus dem sie ausbrechen wollte. Wegen versuchter Republikflucht wurde sie zu drei Jahren Haft verurteilt. Zwischen 1945 und 1989 gab es zwischen 200.000 und 300.000 politische Gefangene in der DDR. Vielen wird es heute so gehen wie ihr. Sie ist geschieden und hat kaum Freunde, weil es ihr schwerfällt, anderen zu vertrauen, ihre Familie ist zerrüttet. Kein körperlicher Schmerz, keine Demütigung während der Haft, sagt sie, sei so grausam wie ihre Einsamkeit.

          „Ich habe mich lange genug beschämt gefühlt“

          Die erste Woche nach ihrer Verhaftung verbrachte Angelika Cholewa in einer Einzelzelle in Pilsen. Sie konnte sich weder die Zähne putzen noch die Haare waschen und musste aus einem Blechnapf essen. Zum Frühstück gab es ein Stück trockenes Brot und Malzkaffee, mittags die immergleiche rote, scharfe Pampe mit Fettstückchen und einem böhmischen Knödel. Einmal hörte sie einen Mann singen: „I am sailing...“ Dann fing er an, unter den Schlägen der Gefängniswärter zu schreien.

          Nach zwei Wochen in Prag wurde Angelika Cholewa für neun Monate in Untersuchungshaft nach Halle verlegt, von dort aus in den Strafvollzug nach Hoheneck, 1982 wieder zurück nach Halle. Was sie dort erlebte: „Es war mehr, als ich ertragen konnte.“ Einer der Wärter wollte sich an ihr profilieren. Und tat alles, sie zu brechen.

          Burkhard Aulich sitzt in einem ehemaligen Verhörzimmer der Haftanstalt

          Er hätte es fast geschafft. Als sich bei Angelika Cholewa eine Plombe lockerte, durfte sie zum Zahnarzt, der die lockere Plombe entfernte, dann – auf Anordnung des Wärters, wie sie vermutet – aber auf die Uhr schaute, er habe jetzt Feierabend, und einen weiteren Termin gebe es erst in acht Wochen. Nach wenigen Tagen entzündete sich ihr Zahn, sie bekam Fieber, aber keine Tabletten und brach eines nachts zusammen. In ihrem Zimmer auf der Krankenstation wimmelte es von Kakerlaken. Sie protestierte, wollte zurück in ihre Zelle, bat darum, wenigstens das Licht anzulassen. Die Wärterin legte den Schalter um und schloss die Tür ab: „Du willst doch in den Westen. Im Westen gibt’s auch Kakerlaken.“ Die politischen Häftlinge waren die untersten in der Hierarchie.

          Viele von ihnen haben ihre Geschichte bis heute niemandem erzählt. „Ich habe mich lange genug beschämt gefühlt“, sagt Angelika Cholewa. „Das Erlebte heute zu benennen befreit meine Familie von den Folgen demütigender Erfahrungen.“

          Nächtelange Verhöre, Schlafverbote am Tag

          Als sie einen neuen Termin hatte, versuchte der Zahnarzt, ihr den offenen Zahn ohne Betäubung zu ziehen. Der Zahn brach ab, die Entzündung verschlimmerte sich weiter, bis der Arzt zwei Wochen später den Rest herauspulte. „Ich wurde fast wahnsinnig vor Schmerzen, konnte kaum noch klar denken, hatte wochenlang jede Nacht Albträume.“ In dieser Situation erzählte der Wärter, ihre Mutter liege im Sterben, was nicht stimmte. Wenn sie ihren Ausreiseantrag zurücknehme, sagte er, könne sie ihre Mutter noch einmal sehen.

          In dieser Duschzelle musste Aulich einen Weihnachtsabend verbringen

          So etwas hatte in der DDR Methode. Um Geständnisse und Systemtreue zu erzwingen, wurden am Fachbereich „Operative Psychologie“ der Stasi-Hochschule in Potsdam-Eiche/Golm Zersetzungsmaßnahmen für politische Häftlinge entwickelt. „Das System der Stasi war es, all das zu zerschlagen, was einer Persönlichkeit Halt gibt“, sagt Stefan Trobisch-Lütge, Leiter der Beratungsstelle „Gegenwind“ für politisch Traumatisierte der SED-Diktatur, die seit ihrer Gründung im Jahr 1998 mehrere tausend ehemalige Häftlinge beraten hat. „Man wollte bei den Gefangenen einen Zustand totaler Hilflosigkeit erzeugen.“

          Vor allem die Isolationshaft, in der es keine Beschäftigungsmöglichkeiten gab, diente dazu, den Gefangenen ihre ausweglose Lage vor Augen zu führen. Hinzu kamen nächtelange Verhöre, Schlafverbote am Tag. Mal versprach der Wärter, für den Häftling ein gutes Wort einzulegen, dann zeigte er ihm einen Brief der Ehefrau, den dieser jedoch nicht lesen durfte. Einigen Häftlingen erzählte die Stasi, ihre Kinder seien zur Adoption freigegeben worden, anderen sagte sie, die Ehefrau habe längst einen neuen Partner. Eine Studie der Universitäten Dresden und Zürich zeigt, dass viele politische Häftlinge der DDR wegen dieser Methoden noch heute unter einer posttraumatischen Belastungsstörung leiden. Bei anderen tritt sie, ausgelöst beispielsweise durch Arbeitslosigkeit, Verlust des Ehepartners oder Eintritt in die Rente, Jahrzehnte später auf. Trobisch-Lütge spricht vom „späten Gift“ der Haft.

          Ein weiter Weg

          Bei Burkhardt Aulich hat das Gift früh gewirkt, nur hat er das selbst nicht gemerkt. Aulich, 51 Jahre alt, floh 1976 über die Tschechoslowakei nach Ungarn, weil er in seiner Heimat keine Perspektive mehr sah. In Berlin hatte man ihn als politisch unzuverlässig eingestuft, ihm seinen Ausweis abgenommen, ihm befohlen, die Stadt zu verlassen. Warum, weiß er bis heute nicht.

          Burkhardt Aulich wurde zu einem Jahr und vier Monaten Haft verurteilt. Noch heute erinnert er sich an die Zelle im Gefängnis in Cottbus, in der er elf Tage im Einzelarrest verbrachte, nachdem er in Hungerstreik getreten war, um Briefkontakt zu seinem Vater zu bekommen: ein dunkler Raum, nur wenige Quadratmeter groß, mit nichts als einem Hocker, der in der Mitte der Zelle festgeschraubt war, so dass er sich nicht anlehnen konnte. Noch nie fühlte er sich so hilflos wie in diesen elf Tagen, sagt Aulich, noch nie hatte er solche Angst um sein Leben: „Die Wärter konnten ihre ganze Macht ausspielen. Selbst wenn man mit aller Wucht gegen die Tür rannte, ging sie einfach nicht auf.“

          Aulich in einer Freigangzelle

          Nach seiner Entlassung im März 1978 bekam Aulich Essstörungen, er litt unter Ängsten und Depressionen, versuchte sich das Leben zu nehmen und brach 2005 zusammen. Lange konnte er sich nicht erklären, was mit ihm los war. Erst während einer Reha im Jahr 2009, mehr als 20 Jahre nach der Entlassung, stellte ein Arzt eine Verbindung zu seiner Haft her. „Die Folgen psychischer Folter sind in der Traumaforschung und von den Opfern lange unterschätzt worden“, sagt Trobisch-Lütge.

          Auch Angelika Cholewa lässt der Wärter aus Halle bis heute nicht los. Obwohl er ihr drohte, sie werde ihre Mutter nicht noch einmal sehen, blieb sie bei ihrem Ausreiseantrag. Auf keinen Fall wollte sie nach ihrer Haft zurück in die DDR entlassen werden. Der Wärter wurde wütend. Noch immer hat sie seine Worte im Ohr: „Ich werde dafür sorgen, dass Sie hier nicht mehr lebendig rauskommen.“

          Nach dem Fall der Mauer zeigte Angelika Cholewa den Mann an. Am Ende fühlte sie sich ein zweites Mal gedemütigt. Der Mann wies vor Gericht alle Verantwortung von sich und gab an, nur auf Befehl gehandelt zu haben. Er wurde zu zwei Jahren Haft auf Bewährung und einer Geldstrafe von 200 Mark verurteilt. Jetzt, mehr als 30 Jahre nachdem sie von Westdeutschland freigekauft wurde, will Angelika Cholewa all das endlich hinter sich lassen. Es wird ein weiter Weg. Ihre Stasi-Akte hat sie noch gar nicht gelesen.

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