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Politische Gefangene der DDR : Die Haft dauert an

Mit festem Hocker: Burkhardt Aulich in der Zelle, in der er einst saß Bild: Matthias Lüdecke

Die Haft ist noch nicht Geschichte: Angelika Cholewa und Burkhardt Aulich, politische Gefangene der DDR, leiden noch heute unter ihrer Inhaftierung.

          Die Geschichte, die Angelika Cholewas Leben veränderte, begann im Juni 1980. Sie und ihr Mann erzählten ihren Familien, sie würden in Urlaub fahren, zum Campen in die Tschechoslowakei und nach Polen. Vor der Abfahrt gab Angelika Cholewa ihrem Bruder ihre Gitarre. „Verwahr sie gut“, sagte sie und brach in Tränen aus. „Ihr wollt wohl abhauen“, sagte er. Angelika Cholewa und ihr Mann fuhren über Zinnwald in die Tschechoslowakei, einem engen Grenzübergang, an dem nicht viel Platz war, um ihr Auto zu durchsuchen. Bevor sie die Grenze passieren konnten, mussten sie sich ausziehen. Das Geld, das sie ins Innenfutter ihrer Jacke eingenäht hatten, fanden die Grenzposten nicht.

          Britta Beeger

          Redakteurin in der Wirtschaft.

          Lange hatten sich die beiden auf diesen Tag vorbereitet. Sie hatten geübt, sich mit Kompass zu orientieren. Sie hatten Fotos von den Türmen der Grenzposten studiert und wussten, wo die besten Stellen waren, um durchzukommen. Sie hatten sich einen Seitenschneider und ein Nachtsichtfernglas besorgt. Heute sagt Angelika Cholewa, 57 Jahre alt, graues Strickkleid, lockige Haare: „Wenn ich darüber nachgedacht hätte, dass ich inhaftiert werden könnte, wäre ich wahrscheinlich nie losgefahren.“

          In Berlin: Angelika Cholewa

          Sie hielten auf einem Zeltplatz in Böhmisch Eisenstein, an der Grenze zum Sperrgebiet. Von hier aus konnten sie schon die bayerischen Berge sehen, die Freiheit war nicht mehr weit. Angelika Cholewa und ihr Mann bauten ihr Zelt auf. Am Abend packten sie einen Rucksack mit Wasser und Pumpernickel. Den Grenzsoldaten, die den Zeltplatz bewachten, erzählten sie, sie wollten spazieren gehen.

          Zwischen 200.000 und 300.000 politische Gefangene

          Mit Kompass und Karte liefen sie los, die Augen auf der Suche nach Stolperdrähten, die braun waren wie der Boden in Höhe der Knöchel und grün wie die Blätter in Höhe des Halses. Sie schafften es bis zum Wachturm an der Grenze und sahen durchs Fernglas, dass die beiden Soldaten Karten spielten; weil die Nacht windstill war, konnte der Wachhund sie nicht wittern. Was sie jedoch nicht erwartet hatten: der Zaun, der sich vor ihnen auftürmte.

          Von einem Zaun hatten ihre Verwandten im Westen nichts gesagt. Er musste gerade erst gebaut worden sein. Irgendwo musste es aber doch einen Durchgang geben, dachte sie, die Soldaten mussten schließlich auch durchkommen. Ihr Mann hingegen wollte zurück zum Zeltplatz, durch den Zaun würden sie nie kommen, sagte er. Sie stritten sich, er stürmte weg. Kurz darauf gingen die Leuchtfeuer hoch: Er war in einen Stolperdraht gelaufen.

          Die Außenansicht des MfS-Gebäudekomplexes mit der Haftanstalt, in der Burkhard Aulich saß

          Die Soldaten stiegen vom Wachturm und suchten mit Taschenlampen. Als sie an Angelika Cholewa vorbeigingen, ohne sie zu bemerken, sah sie ihre Chance gekommen. Gerade wollte sie loslaufen und nach dem Durchgang im Zaun suchen, da rief ihr Mann hinter ihr: „Hier sind wir.“

          Angelika Cholewa wurde zur Gefangenen des Systems, aus dem sie ausbrechen wollte. Wegen versuchter Republikflucht wurde sie zu drei Jahren Haft verurteilt. Zwischen 1945 und 1989 gab es zwischen 200.000 und 300.000 politische Gefangene in der DDR. Vielen wird es heute so gehen wie ihr. Sie ist geschieden und hat kaum Freunde, weil es ihr schwerfällt, anderen zu vertrauen, ihre Familie ist zerrüttet. Kein körperlicher Schmerz, keine Demütigung während der Haft, sagt sie, sei so grausam wie ihre Einsamkeit.

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