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Von Politik und Arbeitgebern : Warum mehr für Linkshänder passieren müsste

  • -Aktualisiert am

Wie das Besteck halten? Bild: plainpicture/Frauke Thielking

In einer Welt, die auf Rechtshänder eingestellt ist, steht nun die erste Generation Linkshänder, die nicht mehr umgeschult wurde, mitten im Arbeitsleben. Und es wird klar: Politik und Arbeitgeber sollten sich mehr mit diesem Thema beschäftigen.

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          Warum hält sie den Stift nicht in der rechten Hand? Eva Ziegler war ein kleines Mädchen, als ihr Urgroßvater das fragte. Ihre Mutter antwortete: „Sie hält ihn links, so bleibt es.“ Seitdem wusste Eva Ziegler es also. Und es kümmerte sie nicht weiter, bis heute nicht. Ihre Mutter allerdings konnte das Thema noch nicht abhaken. Denn die Geschichte passierte vor etwa 45 Jahren. Und damals wurden Linkshänder noch oft umgeschult. Eva Zieglers Mutter aber ging zur Lehrerin und sagte, dass ihr Kind Linkshänderin bleiben soll.

          Sie setzte sich durch. Eva Ziegler hat damit als eine der Ersten gelernt, links zu schreiben. Später war sie auch wieder Pionierin – auf der anderen Seite des Klassenzimmers. Denn sie wurde Grundschullehrerin. Sie schreibt mit links an der Tafel vor, neunzig Prozent der Schüler mit rechts nach. So lautet zumindest die offizielle Statistik: Etwa zehn Prozent der Deutschen sind Linkshänder. Ein offizielles Ende der Umschulungen gab es nicht. Irgendwann in den siebziger Jahren war es wohl vorbei damit. Die Kinder, die damals in die Schule kamen, sind heute zwischen vierzig und fünfzig Jahre alt. Seit mindestens zwanzig Jahren stehen sie im Beruf. Das Zeitalter der Linkshänder hat also begonnen.

          Linkshänder in Rechtshänderwelt

          Und eigentlich hätte es sein können, dass sich dadurch vieles ändert. Das hat es aber kaum. Eva Ziegler weiß das und lebt damit pragmatisch. „Wir leben in einer Rechtshänderwelt, am besten stellt man sich darauf ein“, sagt sie. Sie hält nichts davon, das Glas am Tisch zu Hause bewusst links hinzustellen, das Besteck andersherum einzudecken oder sich auf die Linkshänderschere zu spezialisieren. Denn wenn sie ins Restaurant geht, wird für Rechtshänder eingedeckt sein, das Glas rechts vom Teller stehen. Und im Copyshop wird eine Rechtshänderschere liegen.

          Eva Ziegler ist jemand, der das Leben gern von der schönen Seite sieht: „Linkshänder sein ist ein Vorteil“, sagt Ziegler. Dadurch, dass sie sich immer anpasst, schule sie ihr Gehirn. Die Tür aufschließen, den Gang einlegen, Eva Ziegler trainiert ständig ihre schwächere Hand. Das fällt ihr normalerweise nicht auf, weil sie es schon immer so getan hat. Und sie will auch kein Ding draus machen. Linke Hand, rechte Hand. Für Eva Ziegler ist das mit Absicht kein Thema. Für andere schon.

          Wenn es um Linkshändigkeit geht, dann sagen irgendwann alle, die sich damit beschäftigen: „Aber fragen Sie Frau Sattler, sie ist die Expertin.“ Barbara Sattler ist Gründerin der ersten deutschen Linkshänderberatungsstelle. In ihrem Büro in München hängen Zeitungsartikel aus den achtziger Jahren mit Überschriften wie „Psychische Probleme durch Umschulung“ oder „Knacks im Gedächtnis“. Sattler hatte damals begonnen, die Folgeschäden von Umschulungen der Händigkeit zu erforschen. Die Telefone standen nicht mehr still, erzählt sie. In kürzester Zeit kam es zum großen gesamtgesellschaftlichen Aha-Erlebnis: Die Umschulung wurde aufgegeben. Zurück blieben Generationen bereits umgeschulter Menschen. Wie auch Sattler selbst.

          Zwar lohne sich eine Rückschulung auf die linke Hand in jedem Alter, so die Psychologin, aber sie sei nicht für jeden sinnvoll. Die körperliche, seelische und allgemeine Lebenssituation müsse dazu passen. In ihre Beratungsstelle kommen bewusst umgeschulte Erwachsene oder solche, bei denen die Linkshändigkeit vielleicht nicht erkannt wurde. Manche wollen von Frau Sattler deshalb erst mal wissen, ob sie nun Links- oder Rechtshänder sind.

          Zur Feststellung gibt es ein komplexes Verfahren, das sich aus Befragungen und einem praktischen Teil zusammensetzt. Zu Frau Sattler kommen aber auch Eltern mit Kindern. Häufig rechtshändige Eltern von linkshändigen Kindern.

          Die Expertin hat Bücher darüber geschrieben, wie linkshändigen Kindern das Leben erleichtert werden kann. Denn Sattler würde den Tisch für die Linkshänder auf jeden Fall anders eindecken. Sie würde gerne möglichst viel für beide Händigkeiten gestalten. „Oder zumindest vieles mittig anbringen“, sagt sie. Die Klingel am Fahrrad, die Kurbel am Spielzeugbagger, den Kartenschlitz bei Automaten, Stühle mit festmontierten Schreibplatten auf der rechten Seite. Ob das denn wirklich alles sein muss? „Warum denn nicht?“, fragt Sattler. Vieles habe sich positiv verändert, es gebe viele Geräte auch für Linkshänder, aber der Alltag und die Konventionen seien auf Rechtshänder ausgelegt: „Das ist ein ständiges Handeln gegen die eigene Natur.“

          Linkshänder passen sich an

          Für Sattler ist das Thema Linkshändigkeit heute vor allem deshalb aktuell, weil scheinbar kein Problem mehr ist: „Viele Linkshänder finden sich damit ab, sie sind Meister im Anpassen, sie wollen nicht auffallen.“ Sie findet, das Thema sollte in der Ausbildung von Erziehern und Lehrern eine viel größere Rolle spielen. Sie holt ein Schreiblernheft und zeigt, wie ein Linkshänder den Buchstaben, den er nachschreiben soll, mit der Hand selbst verdeckt.

          Sattler setzt sich auch für Linkshänder in der Arbeitswelt ein. Gerade in manchen handwerklichen Berufen sei das wichtig. Denn im schlimmsten Fall, so Sattler, sei der Not-Ausknopf an Maschinen so angebracht, dass er mit dem Daumen der rechten Hand bedient werden muss. Aber auch andere Berufe seien betroffen: das reiche von der Arbeit an der Kasse bis zum Labor. Sattler vermutet zudem, dass es weit mehr Linkshänder gibt, als in Statistiken angegeben wird.

          Einige Ärzte bestätigen diese Ansicht. Thomas Noll beschäftigt sich in seiner Praxis in der Nähe von Bielefeld seit Jahren mit der Händigkeit. Die Forschungslage zu diesem Thema sei teils widersprüchlich. Die Händigkeit sei zwar genetisch, aber multifaktoriell bedingt, denn nur so ließe sich erklären, dass eineiige Zwillinge oft verschiedene Händigkeiten haben. Im Mutterleib entwickelt sich eine Gehirnhälfte zur dominanten. Beidhändigkeit könne es daher bei gesunden Menschen nicht geben. Ist die rechte Gehirnhälfte dominant, ist der Mensch ein Linkshänder, und andersherum.

          Laut Noll gibt es keinen erklärbaren Grund, warum es bei der genetischen Verteilung so unregelmäßig zugehen, warum es so viel mehr Rechtshänder geben sollte. Auch er glaubt deshalb, dass es mehr Linkshänder gibt, als in der Statistik stehen. Nichtgelebte Linkshändigkeit, so Noll, könne zu zahlreichen Problemen führen wie Konzentrationsschwierigkeiten, Stottern oder Minderwertigkeitskomplexen.

          Noch einen Schritt weiter geht Hanns von Rolbeck. Er ist ebenfalls Arzt. Und er untersucht jeden seiner Patienten mit selbstentwickelten Methoden auf die Händigkeit. Laut seinen Untersuchungen ist jeder zweite Mensch Linkshänder. Die meisten wüssten das aber nicht. Von Rolbeck spricht von „Pseudorechtshändern“, also Menschen, die sich selbst zum Rechtshänder machen, weil sie im Kleinkindalter ihre Verhaltensmuster durch Nachahmung erlernen. Die Rechtshändergesellschaft, so sagt er, entspreche somit nicht der biologischen Notwendigkeit und Realität der Bevölkerung.

          Die aktuelle Forschung kann solch hohe Zahlen nicht bestätigen. Geforscht wird in Deutschland zum Beispiel an der Ruhr-Universität Bochum. Die Händigkeit wird hier mit Fragebögen ermittelt, nicht mit Tests. Solange häufiger die linke Hand verwendet wird, gilt die Person als Linkshänder – etwa zehn Prozent. Allerdings geben hier auch viele Menschen an, dass sie zwar eine dominante Hand haben, für manche Tätigkeiten aber die andere bevorzugen.

          Für den Biospsychologen Sebastian Ocklenburg ist das ein weiteres Zeichen dafür, wie komplex die Händigkeitsentwicklung ist. Inzwischen seien einige Gene gefunden worden, die wahrscheinlich mit der Händigkeit in Zusammenhang stünden. Es sind vor allem solche Gene, die auch dafür verantwortlich sind, dass das Herz sich im Körper auf der linken Seite entwickelt, die Leber im rechten Oberbauch. Damit, so Ocklenburg, sei die Entwicklung des Gehirns aber nicht beendet. Umweltfaktoren würden weit mehr Einfluss nehmen. Das können zum Beispiel hormonelle Bedingungen im Mutterleib sein. Und auch später, besonders im Kindesalter, entwickelt sich das Gehirn weiter. So könne man bei umgeschulten Linkshändern im MRT sehen, dass beim Schreiben beide Gehirnhälften aktiv sind.

          Insgesamt, so Ocklenburg, gibt es eine Reihe an Asymmetrien: Ein Fuß schießt besser, ein Ohr hört besser, ein Auge sieht besser. Dabei müsse ein Rechtshänder nicht unbedingt auch rechtsäugig sein. Die Forscher hoffen, durch die Händigkeitsforschung mehr über die grundsätzliche Asymmetrie des Gehirns zu erfahren. Dieses Wissen, so Ocklenburg, könne dann wiederum bei Funktionsstörungen im Gehirn, zum Beispiel nach Schlaganfällen, angewendet werden.

          Lange hat die Politik das Thema Linkshändigkeit nicht auf ihrer Agenda gehabt, obwohl es doch viele betrifft. Jetzt aber hat zumindest die bayerische Politik begonnen, sich damit zu beschäftigen. Dass es ausgerechnet in München zum Thema wird, liegt natürlich auch an Frau Sattler und an ihren Mitstreitern aus Bayern. Da ist zum Beispiel Hubert Wagner. Lange Zeit leitete er das Kulturreferat der CSU-Landesleitung. Nun ist er, wie er sagt, im Unruhestand, also weiterhin im Landtag unterwegs.

          CSU-Antrag zum Thema Linkshändigkeit

          Ihm ging es wie vielen Rechtshändern. Linkshändigkeit war ihm weitestgehend egal, bis sie in seiner Familie auftauchte. Als das passierte, war Wagner schon Opa. Er war mit seinem Enkel an der Mangfall. Wagner warf einen Stein über den Fluss. Der Enkel versuchte es auch, schaffte es aber nicht ganz. Da sagte der Opa: „Ja, nimm halt die richtige Hand.“ Also probierte es der Enkel mit rechts. Und der Wurf misslang komplett. Da dämmerte es dem Opa, und er hatte wieder einen Punkt mehr auf seiner Agenda.

          Und jemand wie Wagner hat natürlich viele Kontakte, zum Beispiel die CSU-Landtagsabgeordnete Ute Eiling-Hütig Sie hat zusammen mit einigen Kollegen aus ihrer Fraktion einen Antrag in den Landtag eingebracht – zum Thema Linkshändigkeit. Da steht zum Beispiel, dass die Händigkeit bei den Vorsorgeuntersuchungen im Kindesalter noch stärker beachtet und in der Ausbildung von Erziehern und Lehren eine größere Rolle spielen soll. Die Regierung wird aufgefordert, sich ein Bild davon zu machen, ob Labor- und Praktikumsplätze an staatlichen Schulen auf Linkshänder ausgerichtet sind. Der Landtag nahm den Antrag in der ersten Jahreshälfte einstimmig an. Und das sei in Bayern nicht alltäglich, so Wagner.

          Nun stehe man aber auch vor der Aufgabe, all die Vorhaben in die Praxis umzusetzen, Linkshänder zu unterstützen, ohne sie speziell hervorzuheben, denn das wollen die wenigsten von ihnen. Auch Eva Ziegler nicht, sie hat da ihren eigenen Weg gefunden – auch im Umgang mit den Schülern. Sie meint, Normalität ergibt sich, wenn man etwas nicht mehr groß betont. Ziegler erzählt, dass sie bei ihren Schülern sehr auf die Hefthaltung, Stifthaltung und Körperhaltung achte – und das bei allen Schülern. Sie habe die Erfahrung gemacht, dass die Kinder gleichbehandelt werden wollen, ob Links- oder Rechtshänder.

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