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Bühnenpoetin Julia Engelmann : Grapefruit gegen den Weltschmerz

Julia Engelmann in diesem Herbst bei einem Besuch in Frankfurt Bild: Maria Klenner

Mit ihren Bühnengedichten macht Julia Engelmann viele Menschen glücklich – und ein paar andere wahnsinnig. Jetzt geht sie auf Tour – und bleibt für viele dabei die Helene Fischer für das gehobene Niveau.

          Zur Stimme einer Generation erklärt zu werden, ist ein Schicksal, das seit einigen Jahren vor allem jungen Frauen zu widerfahren scheint. Nach solchen Stimmen zu lauschen, ist eine Lieblingsbeschäftigung der Medien, und wenn man weiß, nach welchen Mechanismen diese funktionieren, dann ahnt man, dass es hilfreich ist, wenn zur jeweiligen Stimme auch ein hübsches Gesicht gehört.

          Lena Meyer-Landrut etwa musste als sympathisch überdrehte Eurovision-Siegerin nicht nur mit dem plötzlichen Ruhm umgehen, sondern auch mit der geballten Verzückung der Nation darüber, welch frischen und fröhlichen Nachwuchs man da hervorgebracht hatte. Der kurze Hype um die Piratenpartei wiederum wäre nicht halb so heftig ausgefallen, hätte nicht die charismatische Marina Weisband den nerdigen Männerhaufen überstrahlt. Und dann war da noch die siebzehn Jahre alte Kölner Schülerin, die sich bei Twitter beklagte, zwar eine Gedichtanalyse in vier Sprachen hinzukriegen, aber keine Ahnung von Steuern, Miete und Versicherungen zu haben, worauf sie eine kleine Tournee durch die Talkshows des Landes startete.

          Aus der Rolle herausgewachsen

          Da es sich mit dem Gewicht einer ganzen Generation auf den Schultern nicht völlig unbeschwert lebt, tun die meisten dieser jungen Frauen gut daran, die Erwartungen alsbald zu unterlaufen. Der bunte Vogel Lena präsentiert sich heute als hochglanzpolierte Social-Media-Figur, im Wahlkampf suchte die vermeintliche Rebellin Zuflucht unter Muttis Raute. Marina Weisband bemüht sich fernab der Parteipolitik und des Lichts der Öffentlichkeit darum, jungen Menschen demokratische Werte zu vermitteln, und die ehemalige Kölner Schülerin, inzwischen neunzehn, dürfte als Kolumnistin beim Jugendportal einer Wirtschaftszeitung nicht nur über Steuern einiges gelernt haben. Die Stimme einer Generation, das scheint eine Rolle zu sein, aus der man irgendwann herauswächst.

          Julia Engelmann lebt mit diesem Etikett nun seit immerhin drei Jahren, und sie lebt damit recht gut. Dennoch begehrt auch sie ein wenig auf gegen die Vereinnahmung, und sie hat für sich eine Sprachregelung gefunden: „Jeder ist seine eigene Stimme“, sagt sie dann, „und ich bin ein Teil einer Generation.“ Als deren Sprecherin taugt die gebürtige Bremerin eigentlich auch schon deshalb nicht, weil sie als solche ihre Stimme nicht nur für, sondern auch gegen jemanden erheben müsste – nämlich gegen die älteren Generationen, die, so will es das Naturgesetz, der nachfolgenden die Zukunft versperren oder sie zumindest nicht für voll nehmen. Wenn aber Engelmann eines mit Sicherheit nicht ist, dann aufmüpfig.

          Ihre Gedichte berühren auch Omas

          Im Gegenteil: In staunenswerter Weise verbindet diese Künstlerin die Generationen. Ihre Bücher und ihre Auftritte bewegen nicht nur ihre Altersgenossen, sondern auch Omas und ihre Enkel. Das war schon so bei Engelmanns berühmtester Performance, ihrem beim Bielefelder Poetry Slam im Mai 2013 vorgetragenen Bühnengedicht „One Day/Reckoning Text“, das bei Youtube sagenhafte 10,9 Millionen Mal angeschaut worden ist.

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