https://www.faz.net/-gum-8lpbk

Sterbehilfe in Australien : Ein Meister des Todes

Streiter für die Sterbehilfe: Philip Nitschke ist der Ansicht, dass jeder geistig gesunde Erwachsene die Wahl haben sollte, sich das Leben zu nehmen. Bild: Getty

Vor 20 Jahren beendete ein Australier als erster Mensch mit legaler Sterbehilfe sein Leben. Noch heute kämpft sein Helfer in Seminaren für das selbstbestimmte Ableben. Ein Problem bereitet Philip Nitschke dabei sein deutscher Nachname.

          Philip Nitschke steht hinter einem Pult und hält eine weiße Plastikflasche in die Höhe. „Zuerst nehmt ihr etwas von dem weißen Pulver und mischt es in eure Zwei-Liter-Flasche destilliertes Wasser, bis es sich aufgelöst hat. Dann nehmt ihr einen Teststreifen und tunkt ihn ein. Wenn es einen roten Streifen gibt, wisst ihr, dass zumindest etwas Nembutal drin ist.“ Er versucht seinem Publikum gerade zu erklären, wie man die Qualität des verbotenen Schlafmittels testet, das den Wirkstoff Pentobarbital enthält. Denn wenn es etwas gibt, das seine Zuhörer fürchten, dann die Tatsache, dass das von ihnen illegal über das Internet erworbene Medikament nicht tödlich wirken könnte.

          Till Fähnders

          Politischer Korrespondent für Südostasien.

          Gespannt hört das Publikum zu, manche machen sich Notizen. Es sind fast nur Grauhaarige, die in das Gemeindezentrum der australischen Hauptstadt gekommen sind. Viele sind nur hier, weil heute der Chef persönlich spricht. Philip Nitschke hat die Sterbehilfe-Organisation Exit International vor bald zwei Jahrzehnten gegründet und ist ein Star der Sterbehilfe. Kaum ein Mensch hat sich so für das Recht auf das selbstbestimmte Ableben eingesetzt. „Ich bewundere ihn“, sagt eine Frau im Publikum. „Wir würden uns nur wünschen, dass er etwas seriöser auftreten würde. Oder würden Sie von diesem Mann etwa ein Auto kaufen?“

          Praktizierender Arzt und politischer Aktivist

          Nitschke tritt häufig in bunten Hawaiihemden auf und spickt seine Sprache gern mit Kraftausdrücken. Aber an seinen Kenntnissen zweifelt hier keiner. Die Frau, die ihren Namen nicht preisgeben möchte, findet, es sei ihr Recht, über ihren Tod alleine zu entscheiden. „Das, was ich dafür brauche, steht Zuhause in meinem Schrank“, bekennt sie. In dem Gemeindezentrum beschreibt Nitschke gerade den versammelten pensionierten Professoren, Lehrern und Politikern, wie sie das im Wasser aufgelöste Medikament immer weiter verdünnen können, bis nur noch ein kleiner Anteil übrig ist. Wenn sich dann der Teststreifen immer noch verfärbt, wissen sie, dass ihr Pulver genug Wirkstoff enthält, um in der richtigen Dosis tödlich zu sein.

          Denn das ist letztlich, warum sie hier sind. Sie wollen wissen, wie sie sich im Fall einer schweren Krankheit schmerzfrei das Leben nehmen können. Einige von ihnen sind schon krank, sitzen im Rollstuhl, mancher ist vielleicht auch todkrank. „Nembutal ist schnell, und mit schnell meine ich, dass ihr normalerweise innerhalb von einer halben Stunde tot seid“, sagt Philip Nitschke. Marilyn Monroe war einst mit dem Medikament im Blut aufgefunden worden. Es werde heute zwar noch in der Tiermedizin zur Einschläferung verwendet, dürfe aber nicht mehr an Privatpersonen weitergegeben werden, sagt Nitschke seinen Zuhörern.

          Der Australier, der mittlerweile einen Großteil seiner Zeit in Europa verbringt, ist in seinem Heimatland ein bekannter Mann. Er war nicht nur praktizierender Arzt, sondern auch politischer Aktivist, der sich gegen Atomwaffen, Uranabbau und für die Rechte der Ureinwohner einsetzte. In Australiens Northern Territory, in dessen Hauptstadt Darwin er damals lebte, trat am 1. Juli 1996 das weltweit erste Sterbehilfegesetz in Kraft. Es wurde zwar schon 1997 durch die Zentralregierung in Canberra wieder aufgehoben. Doch bis dahin hatten sich vier Menschen mit Nitschkes Hilfe legal das Leben genommen.

          Der erste von ihnen war der an Prostatakrebs erkrankte Tischler Bob Dent. Philip Nitschke hatte eine „Euthanasie-Maschine“ gebaut, mit der sich der Patient eine tödliche Dosis Barbiturat verabreichte. Das Vorbild war eine Maschine des Amerikaners Jack Kevorkian, der mehr als 130 Menschen bei ihrer Selbsttötung geholfen hatte und dafür eine lange Haftstrafe verbüßte. Philip Nitschke führte die Nadel in den Arm ein, als sich Bob Dent am 22.September 1996 das Leben nahm. Doch es war Dent selbst, der den Knopf zur Verabreichung des Medikaments betätigte. Drei Mal wurde er gefragt, ob er auch wirklich sterben wolle. Drei Mal hatte er „Ja“ gedrückt.

          Weitere Themen

          Der schönste Sonnenuntergang Britanniens

          Whitstable in Kent : Der schönste Sonnenuntergang Britanniens

          Whitstable an der Nordküste von Kent gilt Feinschmeckern wegen seiner Austern als Himmel auf Erden. Für einen der berühmtesten Schriftsteller des zwanzigsten Jahrhunderts aber war der Ort die reinste Hölle.

          Topmeldungen

          Ein Straßenschild mit der Aufschrift „Willkommen in Nordirland“ steht am Straßenrand an der Grenze zwischen Nordirland und der Republik Irland.

          Brexit-Streit : Auf gar keinen Fall Kontrollen

          Boris Johnson und die EU sind sich zumindest in einem Punkt einig: Grenzkontrollen zwischen Irland und Nordirland dürfen nicht sein. Doch wie soll das ohne Backstop-Klausel gehen?
          Frankfurts David Abraham (l.) und Goncalo Paciencia (r.) können Lebo Mothiba von Racing Straßburg nicht stoppen.

          Frankfurt patzt in Straßburg : Alle Hoffnung auf Teil zwei

          Eintracht Frankfurt muss um den Einzug in die Gruppenphase der Europa League bangen. Im Play-off-Hinspiel bei Racing Straßburg konnte der Bundesligist vor allem in der ersten Hälfte nicht überzeugen und verlor mit 0:1.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.