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Interview mit Phil Collins : „Mein Leben hat mehr Balance“

„Ich möchte meinen Kindern etwas mitgeben, woran sie sich erinnern können“: Phil Collins (65) Bild: Picture-Alliance

Phil Collins ist der Elder Statesman des gefühligen Pop. Im Interview spricht er über Familiengeheimnisse, Burnout, die Liebe zu seiner dritten ehemaligen Frau und die Frage, ob er wieder ein Konzert geben kann.

          7 Min.

          Phil Collins sitzt, ein bisschen schief, auf dem Sofa einer kleinen Suite in einem Hamburger Hotel. Der Popstar, der viele Songs geschrieben hat, die jeder aus vollem Herzen mitsingen kann, über die einige aber gerne die Nase rümpfen, laboriert noch immer an den Folgen von Rücken-OPs aus dem vergangenen Jahr; ohnehin ist er lange Zeit nicht aufgetreten, und erst nach unserem Interview wird er in einer Pressekonferenz verraten, dass er für 2017 wieder ein paar Gigs plant. Ansonsten aber erzählt der 65-Jährige, wenngleich am Jetlag leidend, sehr offen und nachdenklich aus seinem Leben.

          Bertram Eisenhauer

          Verantwortlich für das Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Mr. Collins, haben Sie, indem Sie nun Ihre Autobiographie geschrieben haben, etwas über Ihr Leben gelernt, was Sie vorher nicht so deutlich gesehen haben?

          Ja, schon. Mir ist jetzt erstens mein Verhältnis zu meinem Vater klarer. Und zweitens, wie viel ich gearbeitet habe, ob nun mit Genesis oder als Solokünstler oder als Gastmusiker, wie lange ich unterwegs und weg von zu Hause war. Aber ich hatte ja auch eine glorreiche Gelegenheit nach der anderen. Du denkst, jetzt habe ich die nächsten sechs Wochen frei, und dann ruft Eric Clapton an und fragt: Willst du bei meiner nächsten Platte mitmachen? Und du sagst: Yeahhhh. (Lacht.)

          Hatten Sie Phasen im Leben, in denen Ihnen langweilig war, oder waren Sie immer aktiv?

          Immer aktiv. Abgesehen von den zwei oder drei Wochen im Jahr, in denen ich selbst Vater wurde: zwei Wochen Urlaub, das ist genug.

          Ihr Vater ist ja auch eine wichtige Figur in Ihren Memoiren; Sie schreiben über seinen „Royal-Air-Force-Schnauzbart“ und seinen Bowler. Er war, und es klingt wie ein Klischee, für eine Versicherung tätig, wie schon sein Vater zuvor – hatte aber ein geheimes Doppelleben.

          Ja. Ich wuchs auf mit der Vorstellung, dass mein Vater seine Arbeit liebte. Er fuhr jeden Tag mit demselben Zug aus unserem Vorort rein nach London, einer der vielen Männer in den grauen Anzügen. Und eines Tages, da war ich um die 50, kam mein Bruder zu Besuch zu mir, wir waren im Pool, redeten über die alten Zeiten, und er sagte: Du weißt, dass Dad mit 19 zur See fahren wollte, oder? Ich sagte: Bitte? Und er: Ja, er liebte das Wasser und wollte zur Handelsmarine, und er lief von zu Hause weg, aber sein Vater holte ihn zurück. Plötzlich sah ich meinen Dad in völlig neuem Licht: als einen Menschen, der gefangen und unglücklich war und dessen eigener Vater ihn zu etwas gezwungen hatte, das er nicht wollte.

          Interessanter Twist.

          Ja, ich habe beim Schreiben einiges über meine Familie herausgefunden. Gerade die frühe Zeit hat auch viel Spaß gemacht. Ich habe sehr lebhafte Erinnerungen an die Schwester meines Vaters, Auntie Joey; sie hatte diesen Zigarettenhalter und eine ganz kehlige Stimme: (mit posh Akzent) „Dahhhhling, do come in.“ Ihr Mann, Uncle Johnny – der immer „Uncle Johnny“ genannt wurde –, trug Monokel und Tweed-Anzüge, selbst im Sommer. Es gab noch andere Mitglieder der Familie auf meines Vaters Seite, aber die mochten keine Kinder, also lernten wir sie nie kennen. Meine Großmutter väterlicherseits war warmherzig, aber irgendwie in der Viktorianischen Zeit steckengeblieben. Ein Besuch bei ihr, in einem Haus, das groß, düster und beeindruckend war, fühlte sich an, als sei man durch den Spiegel in „Alice im Wunderland“ getreten, in eine Parallelwelt.

          Sie selbst wohnten in einem dieser Vorstadthäuser und teilten sich ein Kämmerchen mit Ihrem Bruder.

          Ja. Die Mutter meiner Mutter war Näherin gewesen und entstammte einer Familie von der falschen Seite der Eisenbahnschienen, wie man so sagt; meine Mutter arbeitete unter anderem als Revuetänzerin. Meinem Vater wurde von seiner Familie immer der Eindruck vermittelt, dass er unter seinem Stand geheiratet habe.

          Er starb ja, als Sie 21 waren. Im Buch heißt es: „Es gab schlicht keine Nähe zwischen uns. Vielleicht habe ich die Erinnerungen gelöscht. Vielleicht hat es sie nie gegeben.“ Erst mit 26 fanden Sie heraus, dass er sein Pendlerdasein dazu genutzt hatte, ein zweites Leben mit einer Freundin aus dem Büro zu führen. Kannten Sie ihn eigentlich?

          (Zögert.) Meine Mutter wusste vermutlich davon, aber zu jener Zeit blieb man den Dingen einfach treu, verstehen Sie? Es gab diese Momente, wo mein Bruder und meine Schwester mich auf lange Spaziergänge mitnahmen, weil die Spannung zwischen meinen Eltern – die mir glücklicherweise völlig entging – zu groß wurde. Als ich jetzt die ersten Kapitel geschrieben hatte, schickte ich sie an meinen Bruder. Er sagte: Du gehst mit Dad sehr hart ins Gericht. Und ich sagte: Wirklich? Er sagte: Ich dachte, wir seien alle sehr glücklich gewesen. Und ich: Vielleicht waren wir das. (Lächelt.) Aber Clive, der neun Jahre älter ist als ich, hatte meinen Vater auch länger. Und außerdem: Seit ich ungefähr zwölf war, saß ich ständig am Schlagzeug; ich kam runter aus meinem Zimmer, sagte „Hallo!“ und ging wieder hoch. Ich kannte meinen Vater schon; ich wünschte nur, ich hätte mehr, an was ich mich erinnern kann. Wenn Simon . . .

          Ihr ältester Sohn, aus Ihrer ersten Ehe, heute 40.

          Wenn er so ein Buch schriebe, würde er vielleicht dasselbe sagen, über mich. Und es würde mich verletzen, wenn ich denken müsste, dass er so empfindet. Wir haben nicht sehr lange zusammengelebt, und in den letzten Jahren war er ein wenig distanziert. Ich wäre sehr traurig, wenn ich denken müsste, wir haben keine Verbindung zustande bekommen. Aber vielleicht ist das auch ganz normal: dass mein Vater noch ein ganz anderes Leben hatte. Und wenn ich im Buch grausam zu ihm bin, ein bisschen grausam, dann deshalb, weil ich zornig bin, weil er so früh gegangen ist.

          Beeinflusst diese Erfahrung, wie Sie mit den eigenen Kindern umgehen?

          Ja. Vor einiger Zeit saß ich mit der Familie beim Abendessen: Orianne, meine beiden Jungs Matthew und Nick.

          Multitalent: Philip David Charles „Phil“ Collins, Schlagzeuger, Sänger, Produzent und Schauspieler

          Die heute mit Ihnen in Miami leben, 11 und 14.

          Kaum war das Essen vorbei – whoosh, alle weg. Playstation, Hausaufgaben, was man eben so macht. Mein Dad hatte uns immer gesagt: Jetzt lacht ihr über mich, aber wenn ich mal nicht mehr da bin . . . – Und ich sagte jetzt zu Nick: Geh, geh, aber ich werde nicht ewig hier sein . . . – Er kam zurück und meinte: Jetzt kann ich schlecht gehen, du hast mir ein schlechtes Gewissen gemacht. Und ich: Geh, geh. - Aber ich möchte meinen Kindern etwas mitgeben. Natürlich gibt es die DVDs und die Platten, aber etwas (betont) von mir. Matthew, 11, ist der Fußballer; es gab mal eine Zeit, da dachte er, er sei kein Collins, weil er – anders als Simon und Nicholas – kein Schlagzeug spielt, obwohl ich ihm ein Set geschenkt hatte. Es kam noch hinzu, dass Nicholas ihm erzählte, er sei adoptiert worden. (Lacht.) Aber fast jeden Abend bringe ich ihn jetzt ins Bett, und wir haben eine halbe Stunde Matthew-und-Dad-Zeit. Damit er etwas hat, woran er sich erinnern und was er weitergeben kann: „Weißt du noch damals, als Dad . . .?“

          Verzeihung, wenn ich das so sage, aber es hat eine Weile (und drei Scheidungen) gedauert, um das zu lernen, oder?

          Ich erinnere mich, dass ich mal zu meiner ersten Frau sagte: Wir müssen nur noch diese eine letzte Tournee durch die Vereinigten Staaten machen, dann wird es einfacher. Und sie antwortete: Wenn du das machst, sind wir nächstes Jahr nicht mehr zusammen. Und ich erinnere mich, dass ich entgegnete: Warte doch nur. Aber ich sehe jetzt, was sie meinte. Ein Partner ist unterwegs und hat, so nimmt der andere an, einen Riesenspaß, und er oder sie hat keinen.

          Wie ist Ihr aktuelles Lebensgefühl?

          Ich bin wieder mit meiner dritten Frau Orianne zusammen, und das bedeutet, ich lebe mit meinen zwei Jungs zusammen. Das erlaubt mir, einen Schlussstrich unter ein bestimmtes Kapitel zu ziehen. Mein Leben hat mehr Balance. Ich hatte mich zur Ruhe gesetzt, weil ich mehr Zeit mit den beiden verbringen wollte, aber dann fiel meine Ehe mit Orianne endgültig auseinander. Es hatte schon früher angefangen; nachdem Matthew geboren worden war, zeigte Orianne Symptome von Babyblues, und ich konnte damit nicht umgehen, weil ich so etwas, obgleich zuvor schon zweimal verheiratet, nicht kannte. Ich fühlte mich aus der Beziehung gedrängt, und ich kam nicht oft genug nach Hause.

          Ihr Rückzug – kam der aus einem Gefühl, ausgebrannt zu sein?

          Ich hatte es ein bisschen über, ich zu sein.

          Das war auch die Zeit, in der Sie mit dem Trinken anfingen.

          Ja, das war die Zeit, in der ich, wenn ich in Hotels lebte, darauf wartete, dass die Minibar wieder aufgefüllt wird. Ich brauchte etwas, um die Leere zu füllen, die meine Familie hinterlassen hatte. Das war entweder die Arbeit – oder, wenn ich nicht arbeitete, der Alkohol.

          Sie wären fast daran gestorben; Sie wurden mit dem Rettungshubschrauber ins Krankenhaus geflogen, die Ärzte befürchteten, Ihre Bauchspeicheldrüse gebe den Geist auf. Das war 2012, kurz nachdem Ihre Ex-Frau angekündigt hatte, mit den beiden Jungs von der Schweiz, wo sie bislang gelebt hatten, nach Miami zu ziehen.

          Seit 2015 wieder zusammen: Orianne Cevey und Phil Collins (Archivbild)

          Ja. Eben noch waren die Jungs zehn Minuten entfernt; mit einem Mal waren es zehn Stunden.

          Wie sind Sie, wenn Sie betrunken sind?

          Ich bin ein stiller Trinker; ich werde gefühlig und weich. Wissen Sie, die meisten Alkoholiker behaupten, sie seien keine Alkoholiker; ich auch. Ich habe ein paarmal mit dem Trinken aufgehört. (Lacht.) Ich habe drei Jahre lang damit aufgehört. Ich habe erkannt, dass es nicht gut für mich ist. Im Entzug lernte ich diesen Typen kennen, einen Wachmann, der sagte in der Gruppentherapie zu mir: Du musst verstehen, Mann, wenn ich trinke, werde ich ein verrückter Scheißer. Und ich dachte: Wow, das bin ich nicht. (Lacht.)

          Diese Geschichte mit Ihnen und Ihrer dritten Frau: Zuerst lassen Sie sich scheiden, dann, Jahre später, finden Sie wieder zusammen – obwohl sie inzwischen sogar einen anderen geheiratet hatte. Empfehlen Sie Normalsterblichen so ein Vorgehen?

          Ich würde empfehlen, der Beziehung eine Chance zu geben. In unserem Fall kam es nicht von ungefähr; sobald sich der Staub gelegt hatte, blieben Orianne und ich in Verbindung. Da waren natürlich die Kinder. Außerdem war sie nicht sehr glücklich und vertraute sich mir an; wir vermissten einander.

          Man denkt immer, Leute wie Sie, die Songs über die Liebe schreiben, wüssten mehr darüber als andere. Gibt es eine Lektion über die Liebe, die Sie mit uns teilen könnten?

          (Zögert lange.) Ich habe da keine Regeln; ich kann niemandem helfen. (Lacht.)

          Eine der ungewöhnlichsten Episoden in Ihrer Autobiographie betrifft Ihren Versuch, Ihre erste Frau Andy zurückzugewinnen - indem Sie ein Mix-Tape mit romantischer Musik erstellen. Ausgerechnet Sie, der Sie vermutlich auf mehr Mix-Tapes vertreten sind als jeder andere! Sie luden sie ein, Sie im Hotel zu treffen. Im Tape-Deck des Zimmers: ein Band mit Popsongs, „Fool (If You Think It’s Over)“ von Chris Rea und dergleichen . . .

          Ich hatte Champagner und Blumen bestellt, sie kam, und - nichts. Sie war unbeeindruckt.

          Verstehen Sie, warum Leute das Gefühl haben, dass etwas in Ihren Songs zu ihnen spricht?

          Ich habe, was vielen Leuten nicht gefallen hat, immer sehr direkt und unverstellt geschrieben.

          „How can you just walk away from me?“

          Wenn Leute sagen, dass meine Musik sie anspricht, dann, weil da ein normaler Mensch ausdrückt, was normale Menschen fühlen. Weil man nicht danach suchen muss. Das ist manchmal aber auch schön, denken Sie an Dylan.

          Vielleicht fühlen sich Leute auch angesprochen, weil sie den Schmerz erst einmal nicht loswerden, sondern auskosten wollen. Ein süßer Schmerz.

          Ja, das trifft es ganz gut.

          Viele der Songs sind Botschaften an Menschen in Ihrem Leben, zum Beispiel, im Fall Ihrer ersten Soloplatte, Ihre erste Frau.

          Ja, ich dachte: Junge, wenn sie das hört, wird sie alles verstehen. Wenn man Glück hat, gewinnen die Botschaften an eine bestimmte Person aber etwas Universelles, was für jeden passt.

          Dieser Moment ist so unpassend wie jeder andere, aber ich muss nach Ihrer Gesundheit fragen, weil Sie schlimme Probleme hatten in den letzten Jahren. Sind Sie wieder okay?

          Ich bin okay. Das einzige Problem, das ich habe, ist mein rechter Fuß; durch die Rücken-OP ist er taub. Ich warte darauf, dass die Nerven sich regenerieren; das dauert: ein Millimeter pro Woche, so die Ärzte.

          Können Sie Schlagzeug spielen? Einen einstündigen Gig?

          Nein. Ich würde einige Zeit brauchen, um zu üben. Mein letzter Auftritt war 2010. Das ging gar nicht gut; ich dachte, ich würde nie wieder am Schlagzeug sitzen. Jetzt geht es mir besser. Das Problem ist der Griff; mir fehlen die Geschmeidigkeit und die Stärke in den Fingern.

          Wie sieht Ihr Alltag aus? Wenn Sie ein Selfie von sich in der typischsten Situation machen müssten, was wäre darauf zu sehen?

          Wie ich vor dem Fernseher sitze und Donald Trump zusehe. CNN. Ich bin süchtig nach dieser Wahl.

          Eine dunkle Seifenoper.

          Ja, man will wissen, was als Nächstes passiert.

          Letzte Frage: Welches Lied soll bei Ihrer Beerdigung gespielt werden?

          Bei meinem Dad war es „Jesu, meiner Seelen Wonne“; er mochte Bach. Für die eine oder andere Träne bin ich zu haben. (Lacht.)

          Zur Person

          Geboren 1951 in London; Vater Versicherungskaufmann, Mutter Künstleragentin. Besuchte als Teenager eine Schauspielschule; spielte Theater. Seit Anfang der Siebziger Erfolge als Drummer, dann auch als Sänger der Band Genesis. Seit den Achtzigern auch Riesenerfolge als – von der Kritik ungeliebter – Solokünstler: „Against All Odds“, „One More Night“, „Separate Lives“; 250 Millionen verkaufte Tonträger. Drei Ehen, fünf Kinder. Am 24. erscheint „Da kommt noch was – Not Dead Yet. Die Autobiographie“; Heyne Verlag, 528 Seiten, 24,99 Euro.

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