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Pfarrer kellnert auf der Wiesn : Berufung zum Oktoberfest

  • -Aktualisiert am

In seinem Urlaub wird er zum „Gartler”: Pfarrer Schießler Bild: Andreas Müller, FAZ

Seinen Jahresurlaub nimmt der Münchener Priester Rainer Maria Schießler während des Oktoberfestes. Auf der Wiesn stemmt er Maßkrüge, serviert Bier und Brathähnchen - für einen guten Zweck. Heiratsanträge werden konsequent abgelehnt.

          Um zehn Uhr morgens, nach den ersten beiden Stunden Arbeit auf dem Oktoberfest, nimmt Pfarrer Rainer Maria Schießler Urlaub vom Urlaub. An seinen Tischen, im Biergarten vor dem „Schottenhamel“-Zelt auf der Münchner Theresienwiese, trinkt gerade nur ein Dutzend Schweizer mit spitzen grauen Filzhüten, um die sich Bänder mit blauen und weißen Rauten winden. Ein seltener Moment der Muße.

          Schießler lehnt sich an die Müllbehälter aus Edelstahl, die Morgensonne scheint ihm ins Gesicht. Was die Menschen hier suchen, kann Pfarrer Schießler leicht sagen. „Sie haben Sehnsucht nach Glück, nach bleibender Geborgenheit - das ist das Tolle an diesem Fest.“ Noch ist es kühl, die Schweizer rücken nah zusammen, von ihren uniformen T-Shirts prostet ein fleischfarbener Außerirdischer mit Sonnenbrille: „I'm only here for the beer.“

          Im Jahresurlaub zum „Gartler“

          Statt Hostien und Messwein in seiner Pfarrkirche Sankt Maximilian im Münchner Glockenbachviertel kredenzt der katholische Priester Rainer Schießler dieser Tage Brathähnchen und Bier auf dem Oktoberfest, der Wiesn. In seinem Jahresurlaub wird er zum Kellner Nummer 162, zum „Gartler“, wie sie sich hier im Biergarten des „Schottenhamel“-Zelts nennen. Er bedient an acht Holztischen mit Bänken zu beiden Seiten bis zu 150 Gäste gleichzeitig, ist manchmal bis zu sechzehn Stunden hier.

          Beim Bedienen purzeln die Pfunde

          An seiner schwarzen Weste prangt seine Dienstnummer, daneben weist ihn eine hölzerne Wäscheklammer mit eingebranntem rotem Herzen als „Rainer“ aus. Denn in der Wiesngemeinde, die für sechzehn Tage Gäste, Kellner und Wirte auf dem Oktoberfest vereint, sind alle per Du. Selbst Norddeutsche, die sich des Morgens noch mitunter von Jungbayern in Lederhosen als „Saupreißn“ verunglimpfen lassen müssen, bekommen nach und nach die integrierende Kraft des Wiesnbieres (dreizehn Prozent Stammwürze!) zu spüren. Spätestens am Nachmittag schunkelt alles.

          „Ich wollte da mal rausgehen“

          Mittendrin ein kellnernder Pfarrer? „Ganz biblisch“ sei das alles gekommen, sagt der 46 Jahre alte Schießler. Letztes Jahr, beim Neujahrsempfang der Münchner CSU im Ratskeller, stand er zufällig neben dem Sohn des „Schottenhamel“- Festwirts. „Ich wollte da mal rausgehen“, sagt er in reinstem Bairisch. Und so fragte Pfarrer Schießler, ob er bei der nächsten Wiesn für Schottenhamels arbeiten könnte. Er konnte.

          Er lernte die Wiesn, die er früher nur als Besucher kannte, von der anderen Seite kennen. Früher habe er zu Wiesnzeiten jedes Jahr fünf Kilogramm zugenommen, erzählt Schießler. Nun, da er während des Tages Kilometer um Kilometer laufe und nur Wasser trinke, verliere er Gewicht. Denn wo die Wiesn für manche Besucher gleichsam der Himmel auf Erden ist, ist sie für Schießler wie für die 266 anderen Bedienungen im und vor dem fußballfeldgroßen Zelt vor allem eines - „ein Knochenjob“.

          Krügeschleppen zu Showzwecken

          Beladen mit Maßkrügen und Tellern, kämpft er sich durch die Menschenmassen in den engen Gängen zwischen den Holzbänken. Um die Mittagszeit gibt es hier keinen Schatten, alles johlt, es riecht nach Bier und Zigaretten, aus dem Zelt dröhnt Blasmusik. Immer wieder tupft sich Schießler mit einem blauweißen Tuch den Schweiß von der Stirn, das gebrauchte Besteck steckt in seiner Hosentasche.

          Auf seinen persönlichen Rekord beim Tragen von Maßkrügen kommt er unter diesen extremen Bedingungen nur selten - er hat gelernt, seine Fähigkeiten gezielt einzusetzen: „Fünfzehn Krüge stemme ich nur zu Showzwecken. Gerade bei Italienern kann das sehr trinkgeldfördernd sein.“

          Wie alle Wiesnkellner arbeitet Schießler auf eigene Rechnung. Vom Wirt kauft er Biermarken für 7,10 Euro, verkauft die Maß für 7,90 Euro. Hinzu kommt das Trinkgeld. Das fällt meist umso üppiger aus, wenn ihn jemand fragt, wem der Gewinn zugutekommt: „Mit dem Hendl, dass du da verzehrst, finanziere ich ein Sterbebett“, sagt Schießler dann. Nach seinen ersten Tagen als Wiesnkellner merkte Schießler, dass er nicht nur für „das Geld als Selbstzweck“ arbeiten wollte.

          Da fiel ihm seine Freundin Lotti Latrous ein. Die Schweizerin unterhält in der Elfenbeinküste ein Hospiz, eine Beratungsstelle für Frauen und ein Waisenhaus, ihr spendet er seine Gewinne. „Viele tausend Euro“ seien im vergangenen Jahr zusammengekommen. Wie viel Geld es genau ist, verrät er nicht - das schickt sich nicht für einen Wiesnkellner.

          Heiratsanträge unter Biereinfluss

          Nicht alle haben Freude an dem Ferienjob des Pfarrers von Sankt Maximilian. Seine Oberen seien mit dem Kellnern „überhaupt nicht einverstanden“, berichtet Schießler. Immer wieder würfen sie ihm vor, sein Zweitberuf mache den Priesterberuf lächerlich. Pfarrer Schießler schreckt das nicht. Er sieht sich theologisch abgesichert. Gern und wie immer ohne Skript predigt er vom Zöllner Matthäus, der, wegen seines Berufs von allen gemieden, am Rande der Gesellschaft lebte - „bis Jesus zu ihm, dem Ausgestoßenen, kam und mit ihm Mahl hielt“. Pfarrer Schießler missioniert nicht, dafür hat er auch keine Zeit.

          Aber sein Beruf spricht sich doch herum. Nie hätte er Nummer 162 für einen Pfarrer gehalten, sagt ein junger Kölner an einem der Tische in Schießlers Biergarten. Ihm gegenüber fallen der 30 Jahre alten Yvonne im grünlich schimmernden Dirndl („wichtig ist, dass man das Dekolletee sieht und dass es nicht zu billig aussieht“) die kräftigen Hände des Pfarrers auf, mit denen er gerade einige Krüge auf die Tische wuchtet. „Endlich mal ein Pfarrer, der sich wirklich für die weltlichen Probleme interessiert“, sagt sie und kündigt bei einer Maß Bier an: „Vom Rainer lass ich mich mal trauen!“

          Auch Heiratsanträge unter Biereinfluss (die Stammwürze!) kämen mitunter vor, sagt Schießler. Die jedoch weist er zurück - der Zölibat gilt auch in Wiesnzeiten. Und ohnehin seien „Verheiratungsanträge“ häufiger.

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